Theaterpremiere in Zürich Aufruhr auf der Rütliwiese

Der Regisseur Milo Rau erfindet am Zürcher Schauspielhaus das Freiheitsdrama »Wilhelm Tell« neu – und lässt unter anderem einen afrikanischen Geflüchteten von seinem Leben als Illegaler berichten, der von der Polizei gejagt wird.
Szene aus der neuen Zürcher »Wilhelm Tell«-Inszenierung (Sarah Brunner als Tell)

Szene aus der neuen Zürcher »Wilhelm Tell«-Inszenierung (Sarah Brunner als Tell)

Foto:

Flavio Karrer

Angekündigt war ein Revolutionsdrama, das zugleich ein Befreiungsschlag fürs schweizerische Nationalbewusstsein hätte werden sollen. Zu sehen und zu hören bekommt das Publikum eine Jamsession mit Gitarre, Bass und vielen Laieninterpreten an den Saalmikrofonen. Der Regisseur Milo Rau präsentiert am Samstagabend »nach Friedrich Schiller« einen »Wilhelm Tell« auf der Bühne des Zürcher Schauspielhauses. Und formuliert gleich mehrere Anklagen gegen das, was in der Schweizer Politik und Gesellschaft heutzutage schiefläuft. Das ist allerhand: »Die Inszenierung enthält Schilderungen und Darstellungen von Gewalt, sexualisierter Gewalt, Racial Profiling und Waffen«, warnt ein eingelegter Zettel im Programmheft.

Szene aus Milo Raus »Wilhelm Tell«-Inszenierung mit Sebastian Rudolph (4. v. l.): Lieblingsdrama von Adolf Hitler

Szene aus Milo Raus »Wilhelm Tell«-Inszenierung mit Sebastian Rudolph (4. v. l.): Lieblingsdrama von Adolf Hitler

Foto: Philip Frowein

Friedrich Schillers »Wilhelm Tell«-Drama erzählt von einem Tyrannenmord, den der brave Bürger Tell am Landvogt Gessler begeht. Und vom Schwur, mit dem sich einige Schweizer Stammeshäuptlinge zu Beginn des 14. Jahrhunderts gegen die Habsburger-Herrschaft im Land verbündeten, und zwar auf dem Rütli, einer Wiese oberhalb des Vierwaldstätter Sees. Zu Beginn des Zürcher Theaterabends erzählt nun die aus Deutschland stammende Schauspielerin Maja Beckmann, dass sie auf einer Reise den See und andere wichtige Stätten der Schweizer Geschichte abgeklappert hat – und wie interessant sie das gefunden habe.

Auch sonst gibt es erst mal Geschichtsunterricht. Von einem auf der Bühne abgestellten altmodischen Tonbandgerät hört man Auszüge aus der Aufnahme einer Zürcher »Tell«-Inszenierung von 1939, als das Stück ausdrücklich als antifaschistischer Appell gezeigt wurde. Der Schauspieler Sebastian Rudolph berichtet aber auch davon, dass Schillers Stück lange ein Lieblingsdrama von Adolf Hitler gewesen und im sogenannten Dritten Reich oft mit Nazi-Pomp präsentiert wurde. Rudolph selbst legt eine SS-Uniform an, in der er später des Öfteren den Gewaltherrscher Gessler spielen wird, auch in Filmeinblendungen auf dem Bühnenvorhang. Da sieht man Rudolphs Gessler dann beispielsweise im Gebirge herumklettern und zum ersten Mal dem Wilhelm Tell begegnen. Der Titelheld wird in dieser Szene von einer Frau gespielt – es handelt sich, so wird dem Publikum mitgeteilt, um eine Laiendarstellerin, die als Soldatin arbeitet. Sarah Brunner ist Offizierin der Schweizer Armee und war in Syrien für die Uno im Blauhelmeinsatz.

Laiendarsteller antworten auf die Frage »Was ist Freiheit?«

Ganz schön meta, das alles. Der Regisseur Rau arbeitet wie stets mit direkten Querverweisen in die Realität, ironischen Brechungen, cleveren Diskursideen. »Wer gar zu viel bedenkt, wird wenig leisten«, heißt es in Schillers Originalstück, das im Jahr 1804 durch den Regisseur Johann Wolfgang von Goethe in Weimar uraufgeführt wurde. Diese Warnung schreckt Rau offenbar nicht. Er lässt nur einige wenige Szenen von Schiller spielen, die meisten in einer ironisch kitschigen, nebelumwölkten Naturidyllen-Szenerie im Bühnenhintergrund. Die Rolle des Tell wird von immer wieder anderen Akteuren übernommen. Manchmal bewegen die Schauspielerinnen und Schauspieler auch nur die Lippen zur Tonbandkonserve von 1939. Sehr viel Raum gibt Rau dafür gecasteten Mitspielerinnen und Mitspielern aus dem Schweizer Alltag. Sie schildern, was ihnen zu Fragen wie »Was ist Freiheit?« und »Welche Szene gefällt dir im ›Tell‹ am besten?« einfällt.

Als »Überschreibung des Dramas von Schiller« preist das Schauspielhaus den Theaterabend an. Eine junge Altenpflegerin klagt an, wie gruselig abgeschoben viele alte Menschen in der Schweiz ihr Dasein fristen. Ein Mann im Rollstuhl informiert darüber, wie er in der extrem treppenreichen Stadt St. Gallen für mehr öffentlich finanzierte Lifte und Rolltreppen kämpft. Ein aus Eritrea Geflüchteter, dessen Antrag auf Asyl in der Schweiz vor fünf Jahren abgelehnt wurde, wird dazu eingeladen, eine der ruppigen Polizeikontrollen, die er in Zürich erlebt hat, auf der Bühne nachspielen zu lassen. Und eine ehemalige Zwangsarbeiterin namens Irma Frei schildert, wie sie als junge Frau aus sozial schwachen Verhältnissen in den Sechzigerjahren in einer Fabrik des berüchtigten Schweizer Industriellen Emil Bührle schuften musste. Erst nach vielen Jahren habe sie ihr Schweigen brechen können, sagt Frau Frei. Sie erhält langen, herzlichen Applaus.

Es ist ein kritisches Porträt des Wohlstandslands Schweiz, das Rau hier gelingt, aber leider kein mitreißender Theaterabend. Als Schiller sein Stück schrieb, war die Schweiz in Europa beliebt und schwer in Mode. Sie wurde gefeiert als Siedlungsort freiheitsliebender, kämpferischer, mit frischen Gedanken auftrumpfender Menschen. Heute ist die Schweiz bei vielen Menschen in den Nachbarländern eher ein bisschen berüchtigt, ob berechtigt oder nicht: als Ort der Engstirnigkeit, der mangelnden Solidarität, der Verweigerung, finstere Aspekte der eigenen Geschichte zu thematisieren.

Erwünscht ist eine Revolution ohne Blut

Selbst der historische Aufstand der Schweizerinnen und Schweizer sei »weniger Revolution als Restauration, mit dem Ziel, alte Freiheitsrechte wiederherzustellen«, schreiben das Dramaturgieteam Ricarda Hillermann und Bendix Fesefeldt in einem klugen Aufsatz im Programmheft. So ähnlich scheint das bis heute zu gelten. »Eine Revolution ohne Blut wird gewünscht.«

Ironischerweise trifft das im Fall dieses »Tell«-Spektakels auch auf die Arbeit des Regisseurs zu. Milo Raus einigermaßen bissige Bestandsaufnahme der Schweizer Kalamitäten von heute strahlt die freundliche Zuversicht aus, dass sich ein besseres, wahrhaftigeres Zusammenleben ohne jede revolutionäre Brutalität regeln lässt. Die einzige blutrünstige Forderung an diesem Theaterabend steht auf Plakaten im Foyer und lautet »Hängt den Bührle an ein Schnürle«. Sie gilt dem Fabrikanten Bührle, der im Zweien Weltkrieg seine Waffen auch an die deutschen Nazis lieferte. Bührles Gemäldesammlung wird von der Stadt Zürich seit vergangenem Herbst in einem Museumsneubau präsentiert, zunächst versehen mit skandalös verharmlosenden Begleittexten zur Person des Sammlers. Wird die Aufforderung der Schauspielhaus-Künstler, den Industriellen an einer Schnur aufzuknüpfen, nun für großen Streit sorgen? Nein. Emil Bührle ist seit 1956 tot.

»Wilhelm Tell«. Schauspielhaus Zürich. Nächste Vorstellungen am 26. und 30.4. sowie 1., 3., 5. und 8.5.

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