Zum Tod von William Hurt Der Wunderknabe, um den es plötzlich Nacht wurde

Er verzückte als junger Mann die Kinowelt – und verglühte dann, wie es sonst nur Rockstars tun. William Hurt war für Alkoholabstürze fast so berühmt wie für seine feine Darstellungskunst. Eine Verneigung.
Darsteller Hurt, Filmpartnerin Kathleen Turner im Lawrence-Kasdan-Film »Body Heat« 1981: In der Filmbranche galt er als Mann aus der Liga von Marlon Brando

Darsteller Hurt, Filmpartnerin Kathleen Turner im Lawrence-Kasdan-Film »Body Heat« 1981: In der Filmbranche galt er als Mann aus der Liga von Marlon Brando

Foto:

Warner Bros. / Everett Collection / ddp images

Weil das Kino unter anderem ein Ort der erotischen Träume ist, war der Schauspieler William Hurt in den Achtzigerjahren für mich einer der beneidenswertesten Menschen des Planeten.

Er war der Mann, den sich die von Kathleen Turner gespielte Heldin in »Body Heat« (1981) als Bettgespielen und Auftragskiller aussucht mit den Worten: »Ich bin eine verheiratete Frau«. Er war der Kerl, den eine von Holly Hunter verkörperte Fernsehproduzentin in »Nachrichtenfieber – Broadcast News« (1987) in ihr Hotelzimmer schleppt. Und er war der Typ, der sich in »Der Kuss der Spinnenfrau« (1986) in einen wunderhübschen, von Raúl Julía gespielten Freiheitskämpfer verliebt, während die beiden Männer in einer Gefängniszelle schmoren und die Zeit mit der Nacherzählung von Filmstorys totschlagen.

Hurt, der nun kurz vor seinem 72. Geburtstag an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben ist, sah blendend aus damals. Ein Lulatsch mit blondem Haarschopf, sanften Augen, kantigem Kinn. Dem Schein nach ein Siegertyp. Aber schon in den Achtzigern zu Beginn von Hurts Karriere – als er es in Höhen schaffte, die er später nicht mehr erreichte – sagte der Regisseur Héctor Babenco: »Sich für William Hurt zu entscheiden, ist das Versprechen auf eine Höllenzeit. Und genau die beschert er dir auch.«

Für Gewaltausbrüche entschuldigte er sich öffentlich

Weil das Kino auch ein Ort der zerplatzten Prophezeiungen ist, brachte es Hurt nicht zum Hollywoodstar aus der Liga von Robert De Niro und Marlon Brando, als den ihn nach seinem Oscargewinn mit Babencos »Kuss der Spinnenfrau« viele beschrieben. Stattdessen wurde er für seine Suchtkarriere mindestens so berühmt wie für seine Schauspielerlaufbahn. Er begab sich wiederholt in Entzugskliniken. Er wurde von ehemaligen Partnerinnen der Gewalttätigkeit im Suff bezichtigt. Er entschuldigte sich öffentlich, beschrieb seine Trinkerei immer mal wieder als überwunden und sich selbst als trocken.

Und erwarb sich unter Journalistinnen und Journalisten einen Ruf als extrem zickiger Interviewpartner, dessen Renitenz allenfalls mit der des Rockstars Lou Reed vergleichbar war. »Ich habe Schauspielerei studiert und nicht das Beantworten von Interviewfragen«, blaffte er exemplarisch einen Gesprächspartner an.

Schauspieler Hurt im März 1986 als Oscarpreisträger für »Der Kuss der Spinnenfrau«: Der Regisseur Héctor Babenco hatte mit ihm eine »Höllenzeit«

Schauspieler Hurt im März 1986 als Oscarpreisträger für »Der Kuss der Spinnenfrau«: Der Regisseur Héctor Babenco hatte mit ihm eine »Höllenzeit«

Foto: ABC Photo Archives / Disney / Getty Images

Wie viele Darstellungskünstler mit hohen Ansprüchen begann Hurt im Theater und spielte schwer gebrochene Charaktere. Aufgewachsen in einer US-amerikanischen Staatsbeamten- und Journalistenfamilie, ließ er sich unter anderem an der noblen Juillard School ausbilden. In der Rolle des Unglücksknaben Edmund in Eugene O’Neills grandiosem Familiendrama »Eines langen Tages Reise in die Nacht« gelang ihm ein früher Bühnenhit.

Im Kino galt Hurt bald als Spezialist für von Skrupeln angenagte Helden. In »Die Reisen des Mr. Leary« von 1988, wie schon »Body Heat« ein Film des Regisseurs Lawrence Kasdan, war er als ein Kerl zu sehen, der sein Geld als Autor von Reiseführern verdient, bis ihn ein Unglück aus der Bahn wirft. »Unbewegt und ungerührt lässt er alles auf sich zustürzen«, schrieb der Filmkritiker Michael Althen über den Mann, den Hurt da vorführt. Der Held ringe sich die Worte ab, »als würde ihm jedes einzelne im Mund zu Eiswürfeln gefrieren«.

Jahre in Paris an der Seite von Sandrine Bonnaire

In den Neunzigerjahren lebte Hurt ein paar Jahre lang in Paris mit der französischen Schauspielerin Sandrine Bonnaire zusammen, mit der er eine Tochter hat; zweimal war er verheiratet und wurde Vater von insgesamt fünf Kindern. Als er sich in den Nullerjahren entschloss, wieder ganz in den USA zu leben, sagte er in einem Interview, dass er das Gefühl habe, nicht bloß seine Welt, sondern die aller Menschen schrumpfe zusammen. Folglich laute die Frage: »Wohin soll man davonrennen?«.

Hurt spielte über die Jahre in Filmen vieler bedeutender Regisseure mit, oft nicht in deren besten Werken. Bei Wim Wenders (»Bis ans Ende der Welt«, 1991), Stephen Spielberg (»A.I. – Ar­ti­fi­cial In­tel­li­gence«, 2001), David Cro­nen­berg (»A His­tory of Vio­lence«, 2005) und Curtis Hanson (»Too Big to Fail – Die große Kri­se«, 2011). Er war der Käpt’n Ahab in einer Fernsehneuverfilmung von »Moby Dick« und erwarb sich späten Ruhm beim jungen Kinopublikum in Actionfilmen wie »Aven­gers: In­fi­nity War« (2018) und »Black Wi­dow« (2020).

Der Regisseur Franco Zeffirelli, der ihn Mitte der Neunzigerjahre für »Jane Eyre« engagierte, nannte Hurt den kompliziertesten Schauspieler, der ihm je begegnet sei. Es ist nicht klar, ob das als Kompliment gemeint war. Fest steht, dass Hurt sich auf der Leinwand stets durch eine tolle Unberechenbarkeit auszeichnete. Er konnte sagenhaft arglose und unfassbar tückische Menschen spielen, er konnte still verzweifeln und fürchterlich explodieren, abstoßen und verführen. Und immer schimmerte ein Restzweifel an der eigenen Arbeit durch, jenes ihn offenbar quälende Gefühl des Ungenügens, von dem er bei Auftritten jenseits der Leinwand zuverlässig berichtete.

»Ich war oft zornig auf Gott und unglücklich mit mir«, hat der feine, lustige, traurige Schauspieler William Hurt in späten Jahren gesagt. »Aber irgendwann bekam ich es dann doch satt, mich sattzuhaben.«

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.