Wim Wenders über den Einfluss des US-Malers "Das ist ja wie bei Hopper!"

Tristesse an Tankstellen: In einem neuen Kurzfilm erweitert Wim Wenders die Gemälde von Edward Hopper. Im Gespräch erzählt der Filmemacher, warum ihn die düstere Leere des US-Malers lebenslang beeinflusst hat.
Ein Interview von Carola Padtberg
Neue Perspektive: Wim Wenders' Interpretation des Hopper-Gemäldes "Gas"

Neue Perspektive: Wim Wenders' Interpretation des Hopper-Gemäldes "Gas"

Foto: "TWO OR THREE THINGS I KNOW ABOUT EDWARD HOPPER" by Wim Wenders, 2020 © Road Movies

Dunkle Schatten, unheimliche Häuser, Fenster ins Nichts. Einsame Frauen blicken nachdenklich ins Leere, Männer stieren am Tresen vor sich hin. Diese poetische Düsternis ist es wohl, die so viele Menschen an den Werken des US-Malers Edward Hopper reizt. Seine Bilder sind weltberühmt, millionenfach verbreitet auf Postkarten, Plakaten und in Werbeanzeigen.

Immer wieder malte der Meister des amerikanischen Realismus Alltagsszenen der Tristesse, die an Tankstellen oder auf Segelbooten, vor Küstenlandschaften oder in Wäldern spielen. Doch das eigentliche Leben scheint woanders statt zu finden. Nur wo? Und warum wirken die Menschen auf den Bildern so bedrückt, die Häuser so bedrohlich?

Hopper-Bilder wecken den Drang, sich eine Geschichte für sie auszudenken. Regisseur Wim Wenders sagt, er habe sie schon immer als Standbilder von nie gedrehten Filmen wahrgenommen. Schon 1977 hat sich Wenders bei den Dreharbeiten zu "Der Amerikanische Freund" Bilder aus einem Hopper-Katalog herausgetrennt und an die Wand seines Produktionsbüros gepinnt, um sie als Vorbilder für Einstellungen zu benutzen. 20 Jahre später baute Wenders in seinen Film "Am Ende der Gewalt" in einer Szene das Hopper-Gemälde "Nighthawks" nach. Ein ähnliches Projekt verfolgte 2013 der österreichische Filmkünstler Gustav Deutsch.

Für die aktuelle Hopper-Ausstellung der Schweizer Fondation Beyeler  hat Wenders jetzt einen neuen Hopper-Kurzfilm gedreht. "Two or Three Things I Know About Edward Hopper" ist ein Storytelling-Experiment, in dem der Kinomann sich ausmalt, was den Menschen aus Hoppers Gemälden im nächsten Moment zustoßen könnte. Im Interview erklärt der Filmemacher, warum er mit Hopper immer noch nicht fertig ist. 

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Hoppers Bilder und Wenders' Geschichten

Foto: "TWO OR THREE THINGS I KNOW ABOUT EDWARD HOPPER" by Wim Wenders, 2020 © Road Movies

SPIEGEL: Sie beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit Edward Hopper. Haben Sie ein Lieblingsbild?

Wim Wenders: "Rooms by the Sea", ein spätes Gemälde. Man sieht eine Wand, auf die von der Seite Sonnenlicht fällt, durch eine Tür, die den Blick auf das Meer freigibt. Das Haus scheint über dem Meer zu schweben. Das Bild wirkt wie geträumt, obwohl ja immer behauptet wird, Hopper sei Realist.

SPIEGEL: Ein surreales Werk. Warum zieht es Sie so an?

Wenders: Ich mag es, wenn Wirklichkeit und Träume nicht auseinanderklaffen. Hopper kann man oft in der Realität wiedererkennen. Ich sehe ein Haus oder Schienen oder einen Waldrand und denke: Das ist ja wie bei Hopper! Von jedem großen Maler kann man Sehen lernen. Als Filmemacher habe ich von ihm auch über Licht, Einstellungen, Gefühle und unbekannte Geschichten gelernt.

SPIEGEL: Geht es um die Geschichten hinter seinen Figuren? Davon gibt es ja nur wenige.

Wenders: Auch menschenleere Landschaften können Fragen aufwerfen: Was ist hier gerade passiert? Was geschieht als nächstes? Das ist ja gerade das spezifische "Hopper-Gefühl"! Nehmen Sie das Bild "Gas" mit diesem Tankwart, der sich an einer Zapfsäule zu schaffen macht. Man sieht ihn nicht einmal ganz, aber man wüsste gerne mehr von ihm. Dabei sieht es nicht so aus, als würde da bald jemand vorbeikommen. Der düstere Wald, das merkwürdige Licht... Die Stimmung macht, dass man mehr über die Situation wissen will. Diese Neugier erschafft sonst nur das Kino. Bei manchen Einstellungen meiner Filme habe ich gedacht: "Thanks, Edward, ohne Dich hätte ich das jetzt so nicht gemacht."

SPIEGEL: Was wissen Sie denn über den Tankwart?

Wenders: Nach dem Film jetzt mehr. Es kommt ein Auto ins Bild, eine Geschichte geht los. Der Mann macht seine Arbeit und betankt diesen grünen Packard. Eine Frau steigt aus und raucht eine Zigarette, er dreht sich nach ihr um. Am Schluss steht er da und starrt auf diesen bedrohlichen Waldrand. Er ist allein. Sein Leben geht seinem Ende zu.

SPIEGEL: Nimmt man den deutungsoffen konzipierten Hopper-Werken mit der Fixierung auf eine Geschichte nicht ihren Sinn?

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Wenders: Ich reiße nur an. Da wird nichts zu Ende erzählt. Ich will kein Geheimnis lüften, nur das "Lebensgefühl Amerika" etwas weiterspinnen. Hier wird nichts erklärt, sondern nur dem nachgespürt, was viele Filmemacher und Kunstliebhaber für Hopper empfinden. Ein unbekanntes Terrain zwischen Kino und Malerei und ungemein spannend.

SPIEGEL: Hopper war oft im Kino, hat auch Kinos gemalt. Was hat ihm das flüchtige Medium Film gegeben?

Wenders: Er entwickelte viele seiner Bilder aus Kinoerlebnissen, sie zeigen Bildausschnitte und Figuren, die man aus Filmen der Fünfzigerjahre kennt, aus B-Movies vor allem. Ich sehe da ein Bild von Amerika, das es heute nicht mehr gibt, das eigentlich schon damals eine reine Erfindung des Kinos war. Kein anderer Maler hat diese Wechselwirkung so stark herausgestellt.

SPIEGEL: Weshalb man in Ihren Filmen seit den Siebzigerjahren Hopper-Zitate findet. Hat Sie je ein Künstler mehr beeinflusst?

Wenders: Paul Klee und Jan Vermeer haben mich vielleicht noch tiefer berührt. In "Bis ans Ende der Welt" habe ich sogar einmal einen "fiktiven Vermeer" hergestellt.

Ausstellung: "Edward Hopper - Ein neuer Blick auf Landschaft", Fondation Beyeler , Riehen bei Basel, 26. Januar bis 17. Mai 2020