Ferda Ataman

Rechtsextremismus Wir bleiben hier

Ferda Ataman
Ein Kommentar von Ferda Ataman
Ein Kommentar von Ferda Ataman
Nach dem Mord an Walter Lübcke und rechtsterroristischen Anschlägen in Halle und Hanau denken viele Menschen aus Einwandererfamilien über Auswanderung nach. Aber Walter Lübcke hatte recht: Sollen doch die Nazis gehen.
Demonstration in Frankfurt am Main nach dem Mord an Walter Lübcke, 18. Juni 2019

Demonstration in Frankfurt am Main nach dem Mord an Walter Lübcke, 18. Juni 2019

Foto: Andreas Arnold/ dpa

Bevor die Corona-Pandemie ausbrach, bestand der Small Talk in meinem Freundeskreis darin, über einen Plan B zu sprechen: Wo könnte man hinziehen, falls die Luft in Deutschland zu dünn wird? Denn für manche von uns ist sie spürbar dünner geworden.

Seit 2017 sitzen in fast allen deutschen Parlamenten Politikerinnen und Politiker, die man mit gutem Gewissen als faschistoide Nationalisten bezeichnen kann. Manche von ihnen sind nicht zimperlich bei der Formulierung ihrer Pläne: "Moslems", "Afrikaner" oder auch politische Gegner möchten sie am liebsten entsorgen . Wie, das verraten sie noch nicht.

Einige Kameraden wollten offenbar nicht länger warten und schritten zur Tat: vor genau einem Jahr wurde der hessische CDU-Politiker Walter Lübcke auf seiner Veranda in der Nähe von Kassel per Kopfschuss hingerichtet, mutmaßlich von einem Rechtsextremen. Ein paar Monate später wollte ein anderer Extremist in Halle Juden erschießen, scheiterte aber an der massiven Holztür der Synagoge und tötete schließlich wahllos andere . Und im Februar 2020 schoss ein Mann in Hanau in migrantischen Hotspots um sich und tötete zehn Menschen.

Hinter jedem dieser Täter stehen unzählige Hetzer und Einheizer, die im Internet und bei öffentlichen Veranstaltungen antisemitische und rassistische Stimmung verbreiten. Mich persönlich werfen auch gemäßigte Leute in Politik  und Medien  aus der Bahn, die finden, eine Demokratie müsse migrationsfeindliche Positionen gelassen aushalten, statt völkische Ideologien pauschal zu ächten. Als bräuchten wir mehr Rassismustoleranz.

Dieses Klima geht an vielen Menschen nicht spurlos vorbei. Spätestens seit den Terroranschlägen von Halle und Hanau denken viele Juden , People of Color und Schwarze Menschen offen darüber nach, auszuwandern . Denn "aus der Geschichte lernen" heißt in Deutschland, dass man besser nicht wartet, bis eine radikale Minderheit über eine schweigende Mehrheit bestimmt. Diese Lehre ziehen auch manche Einheimische ohne Migrationshintergrund, weil es ihnen in einer faschistischen Diktatur an den Kragen gehen könnte.

Wie ernst das gemeint ist, weiß ich nicht. Vielleicht hilft die Deutschlandflucht-Fantasie auch nur dabei, auf abstrakte Weise die Kontrolle zurückzugewinnen. Der Gedanke, gehen zu können, ist beruhigend - auch für mich. Doch je länger ich mich damit beschäftige, desto mehr spüre ich: Ich will nicht auswandern.

Von meinen Eltern weiß ich, wie belastend es ist, irgendwo neu anzufangen. Ausländer*in sein ist kein Zuckerschlecken. Hinzu kommt: Hier ist mein Zuhause. Und ich meine damit nicht nur Berlin oder Nürnberg, wo ich am längsten gelebt habe, sondern Deutschland. Als ich letztes Jahr für Lesungen in diverse Winkel der Republik gereist bin, habe ich gespürt, wie sehr das hier meine Heimat ist - was irgendwie ironisch ist, weil ich mich in meinem Buch kritisch mit dem Begriff auseinandersetze und es mir bis heute schwerfällt, das Wort unbeschwert zu verwenden. Aber im Gegensatz zu den Deutschtümlern, die von ethnischer Reinheit träumen und die Bundesrepublik in ein Germanenreservoir umkrempeln wollen, mag ich unser Land.

Anzeige
Ataman, Ferda

Ich bin von hier. Hört auf zu fragen!

Verlag: S. FISCHER
Seitenzahl: 208
Für 13,00 € kaufen
Produktbesprechungen erfolgen rein redaktionell und unabhängig. Über die sogenannten Affiliate-Links oben erhalten wir beim Kauf in der Regel eine Provision vom Händler. Mehr Informationen dazu hier

Trotz des Rechtsrucks und bei aller berechtigten Kritik an vielen Umständen: Deutschland ist seit den Fünfzigerjahren einen weiten Weg gegangen. 2015 und 2016 waren Sternstunden der deutschen Zivilgesellschaft, Millionen Menschen haben in der Flüchtlingshilfe gezeigt, wie offen unsere Gesellschaft sein kann. Die meisten Menschen stehen hinter dem Grundgesetz und sorgen sich um die Demokratie .

Und gerade in der Corona-Pandemie zeigt sich, wie beruhigend es ist, eine demokratisch gefestigte Regierungschefin zu haben. Während Autokraten in Ländern wie Ungarn, der Türkei  und Polen  die Gelegenheit nutzten, fragwürdige Beschlüsse in Parlamenten durchzuwinken, setzt die Bundeskanzlerin auf Vertrauen und Freiheit.

Auch die aktuellen Ausschreitungen in den USA und das groteske Verhalten des amerikanischen Präsidenten lassen mich einmal mehr froh sein, in Deutschland zu leben. Nicht, dass es hier keinen Rassismus gäbe , der Anlass für die Ausschreitungen war. Aber ein populistischer Präsident Donald Trump, der keine Gelegenheit auslässt, zu spalten und zu provozieren, regt in mir vor allem das Gefühl der Fremdscham und Dankbarkeit für Angela Merkel.

Ich muss oft daran denken, was Walter Lübcke 2015 auf einer Bürgerversammlung gesagt hat. Jene Sätze, für die ihm Neonazis und "Umvolkungs"-Ideologen den Tod wünschten, bis einer von ihnen ihn schließlich umbrachte: 

"Es lohnt sich, in unserem Land zu leben. Da muss man für Werte eintreten, und wer diese Werte nicht vertritt, der kann jederzeit dieses Land verlassen, wenn er nicht einverstanden ist."

Recht hat er. Sollen doch die Nazis gehen.