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Kultur »Wir brauchen ein Volk!«

Nahaufnahme: Bei der Inszenierung »Demokratie.doc« stehen in einem Moskauer Kellertheater die Zuschauer auf der Bühne.
Von Carmen Eller
aus DER SPIEGEL 46/2008

Die Demokratie ist nicht gerade ein Publikumsrenner in Russland. Im Moskauer Kellertheater »doc« schon. Ein schlaksiger junger Mann lächelt dort an einem trüben Novemberabend in den vollen Zuschauersaal und sagt: »Heute gibt es keine Schauspieler.« Rund 60 Augenpaare richten sich auf Arman und Elena, seine Co-Moderatorin. »Wenn ihr euch das anders vorgestellt habt, könnt ihr gehen«, wirft Elena ein. »Es gibt sogar das Geld zurück!« Alle kichern, niemand steht auf. Ab jetzt ist klar: Wer eine Theaterkarte für »Demokratie.doc« besitzt, ist mitverantwortlich für das, was heute Abend hier geschieht.

»Schließt eure Augen«, bittet Arman. »Woran denkt ihr bei den Worten ,Demokratie in Russland'?« Stille legt sich über den Saal. Nur ab und an knarzt ein Stuhl. An den schwarzen Wänden des Theaters bröckelt der Putz. Heizungen bullern im Hintergrund. Die meisten Theaterbesucher sind jung, Angehörige einer neuen Moskauer Intelligenzija.

»Bloß nicht fernsehen!«, beginnt eine Frau mit Ringelpulli in der ersten Reihe. Wer das handzahme russische TV-Programm kennt, in dem manipulierte Wahlen als frei und fair dargestellt werden und mehr von Patriotismus als von Bürgerrechten die Rede ist, der weiß, wovon sie spricht. Zuschauer für Zuschauer geht die Frage wie eine Welle durch den Saal. Ein Kopf, ein Wort. »Massenveranstaltungen. Angst. Jelzin. Maske. Demonstrationen. Verantwortung. Anarchie. Chaos.«

Schlagworte, die viele Russen seit den unruhigen Neunzigern mit Demokratie verbinden. Der treffendste Begriff wird an diesem Theaterabend ganz demokratisch per Mehrheitsentscheid ermittelt. »Jelzin« gewinnt mit zwölf Stimmen die Wahl. Denis, ein Junge in schlammfarbener Hose, hat ihn genannt und muss nun auf die Bühne. Mit einem symbolischen Schritt nach vorn schlüpft er in seine Rolle. »Ich bin Boris Jelzin«, verkündet er verlegen. Applaus. Denis' Schicksal ist besiegelt. Neue Freiheit, neue Verantwortung.

Hinter den Kulissen verfolgt derweil Regisseur Georg Genoux, 32, das Geschehen. Der gebürtige Hamburger mit der runden Brille ist Mitbegründer des Theaters »doc« und leitet heute auch das Moskauer Joseph-Beuys-Theater. Ausgerechnet ein Deutscher will Russen über Demokratie miteinander ins Gespräch bringen. »Demokratie.doc« ist kein Stück, sondern eine Versuchsanordnung. Die Zuschauer sollen - geführt von den Moderatoren - ihre eigene Handlung, ihre eigenen Dialoge, ihre eigenen Figuren entwickeln.

Es ist ein Experiment mit ungewissem Ausgang. »Jeder Abend ist anders und scheitert zwangsläufig«, sagt Genoux. »Es gibt keine Demokratie in Russland, aber das Interesse daran ist groß.« Der 18-jährige Schenja aus der zweiten Reihe formuliert es später sarkastischer: »Es gibt bei uns viele Vorstellungen von Demokratie, aber nicht die Demokratie selbst.« Vielleicht ist der Abend gerade deshalb so spannend.

Auf der Bühne wünscht sich Jelzin inzwischen als weitere Mitspieler den »Wandel« und den »Putsch«. Nach dem Parlament, mit dem auch der echte Präsident immer mal wieder auf Kriegsfuß stand, ruft er nicht. Aber ohnehin geht es hier nicht um historische Wahrheit, sondern um spontanes Spiel. »Ich bin der Putsch«, ruft ein Schüler, der so harmlos aussieht, dass alle Zuschauer lachen. »Wie fühlt ihr euch in euren Rollen?«, fragt Arman. »Ich spüre Macht, aber ich weiß nicht, was ich nun damit machen soll«, antwortet Jelzin hilflos. Dann ruft er: »Wir brauchen ein Volk!« Ein korpulenter Mann in weißem Hemd stellt sich breitbeinig auf die Bühne: »Ich bin das Volk.«

Eine halbe Stunde später. Jelzin ist sprachlos. Das Volk hat keine Lust auf einen Wandel und kritzelt abwesend auf ein Stück Pappe. Der Putsch lauert in der Ecke. »Wir haben Helden, aber keine Bewegung«, empört sich ein Mädchen. Sofort erhebt sich ein Zuschauer mit Stoppelfrisur. »Ich unterstütze den Putsch!«

Bevor der Putsch weiß, wie ihm geschieht, packt der neue Mitspieler ihn an den Schultern und schiebt ihn in die Bühnenmitte. Sich selbst erklärt er gleich zu Boris Beresowski, einem Finanzmogul, den Putin 2000 ins Londoner Exil getrieben hat. »Uns fehlt ein interessanter Konflikt«, meint Beresowski. »Ja, was will denn das Volk?«, schießt eine Stimme aus dem Saal zurück. »Gute Frage«, sagt das Volk, schon leicht verschwitzt, spielt am Ohrläppchen und schweigt.

Die Revolution fällt aus an diesem Abend. Trotzdem: Hier ist das Mitmachen erwünscht, anders als im streng choreografierten politischen Alltag.

»Ich brauche ein Gesetz«, beschließt das Volk nun, ohne die Hand vom Ohrläppchen zu nehmen. »Auch wenn es nichts bewirkt.« Gekicher. Eine magere Zuschauerin hat Lust auf die Rolle. »Ich bin das Gesetz!«, erklärt sie wichtig. »Die Interessen des Volks müssen geschützt werden.« Welche das sein sollen, bleibt offen. Und so ignoriert man fortan die Figur.

»Noch zehn Minuten«, ruft Genoux nach gut zwei Stunden und steckt seinen blonden Haarschopf in den Saal. Dass Demokratie kein Selbstläufer ist, sondern wie jede gute Inszenierung Mut und Ideen braucht, hat sich da bereits gezeigt. »Demokratie.doc« läuft einmal pro Monat. Genoux nennt sein meist ausverkauftes interaktives Projekt »eine Art Befreiungsschlag«.

Als Arman am Ende der Vorstellung um ein Resümee bittet, meldet sich noch einmal das Gesetz zu Wort, das im wahren Leben Lena heißt: »Ich hatte das Gefühl, für das Volk gar nicht wichtig zu sein.« Genau wie in der russischen Wirklichkeit. CARMEN ELLER

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