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AUTOREN »Wir brauchen Provokateure«

Die erfolgreiche russische Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja über weibliche und männliche Lügen, das Ende der staatlichen Zensur und die tief verwurzelte Sehnsucht nach einem Zaren
Von Rainer Traub
aus DER SPIEGEL 41/2003

SPIEGEL: Frau Ulitzkaja, Ihr neuer Erzählungsband »Die Lügen der Frauen« handelt von weiblichem Lug und Trug. Schreiben Sie über sich selbst?

Ulitzkaja: Ja und nein. Ich habe seit vielen Jahren Lügengeschichten gesammelt, die ich mittelbar oder unmittelbar erlebt hatte. Als ich darüber nachdachte, weil ich sie in Erzählungen verwandeln wollte, erwies es sich, dass es sich überwiegend um weibliche Lügen handelte. Diese Lügen zielten darauf ab, das eigene Leben auszuschmücken oder umzuschminken und der eigenen Biografie etwas hinzuzufügen.

SPIEGEL: Ihre Heldinnen lügen sich nicht unbedingt ein dürftiges Leben zu einem prachtvollen zurecht. Eine von ihnen erschüttert mit der frei erfundenen Tragödie, vier Kinder seien ihr im Kleinkindalter gestorben, ihre mitfühlende Zuhörerin Shenja - die Gewährsperson, die als Einzige in allen Erzählungen präsent ist.

Ulitzkaja: Diese Zuhörerin war ich. In Wirklichkeit endete die Geschichte auch für mich selbst ein bisschen traurig. Wie in meiner Erzählung war diese Frau die Tochter eines englischen Spions und hatte lange in Russland und England gelebt. Jetzt wohnt sie in Spanien. Dorthin brachte eine gemeinsame Freundin ihr mein Buch, als es fertig war. Sie brach in Tränen aus, als sie sich darin wiedererkannte.

Auch meine Freundinnen warfen mir daraufhin vor, dass ich meine persönliche Erfahrung nicht stark genug verfremdet hätte. Anfangs nahm ich mir das zu Herzen, aber dann kam ich zum Schluss, dass ich mir nichts vorzuwerfen habe. Schließlich hatte sie auch mich zum Weinen gebracht, als sie mich vier geschlagene Tage lang mit ihrer angeblichen Lebenstragödie deprimierte.

SPIEGEL: Warum geht es nur um weibliche Lügen?

Ulitzkaja: Weil ich mir die Aufgabe so gestellt habe. In einem Vorwort zur russischen Ausgabe, das in die deutsche nicht übernommen wurde, beschreibe ich den Unterschied von männlichen und weiblichen Lügen. Das literarische Urbild des männlichen Lügners ist Odysseus, der die ganze Welt, Männer wie Frauen, belog und betrog. Das Urbild der Lügnerin ist seine Ehefrau Penelope, die tagsüber das Leichentuch für ihren Schwiegervater Laertes webte - und es nachts wieder auftrennte, um so ihre Freier hinzuhalten. Das war auch eine Form von Betrug und Lüge, mit dem Ziel, ihrem Mann die Treue halten.

SPIEGEL: Lügen Frauen also eher aus emotionalen Gründen?

Ulitzkaja: Die männliche Lüge hat ein pragmatisches Ziel. Odysseus hatte eine Aufgabe - er musste es schaffen, allen Hindernissen zum Trotz heimzukehren. Dazu musste er mit List und Tücke vorgehen, sich schlagen, töten. Er verfolgte ein konstruktives, eigennütziges Ziel. Die weibliche Lüge, über die ich schreibe, hat keine solchen eigennützigen Ziele - sie wird vom Gefühl gesteuert.

SPIEGEL: In der russischen Gegenwartsliteratur fällt die starke Rolle der Erzählerinnen auf. Neben Ihnen gehören Tatjana Tolstaja, Viktorija Tokarjewa und Ljudmila Petruschewskaja zu den wichtigsten Namen. Dazu kommen Krimi-Autorinnen wie Polina Daschkowa, Alexandra Marinina oder Darja Donzowa, die sich phänomenaler Auflagen erfreuen. Worauf führen Sie die neue literarische Frauen-Power zurück?

Ulitzkaja: Immer mehr Frauen sind immer besser ausgebildet und tun als Wissenschaftlerinnen oder Juristinnen oder Künstlerinnen ihre Arbeit - als hoch qualifizierte weibliche Profis aller Fachrichtungen. Ich glaube, dass wir erst am Anfang dieser Entwicklung stehen, in der Frauen in der Kunst, in der Wissenschaft, in der Literatur einfach ihren Platz einnehmen. Wenn die menschliche Spezies die nächsten Jahrhunderte überlebt, werden sich die Positionen von Männern und Frauen in allen Bereichen zunehmend angleichen. Davon bin ich überzeugt.

SPIEGEL: Wie beurteilen Sie die Entwicklung der russischen Literatur nach dem Ende der Sowjetunion? Die bekannte Moskauer Literaturverlegerin Natascha Perowa hat geklagt, angesichts der Dominanz einer neuen, kommerziell orientierten Massenliteratur hätten heute selbst Tolstoi und Dostojewski Mühe, Verleger zu finden.

Ulitzkaja: Es trifft sich gut, dass Sie diese Frage gerade mir stellen: Ich bin eine postsowjetische Autorin, mein erster Erzählungsband erschien 1993. Ich habe meine Karriere also in genau diesem schwierigen Jahrzehnt gemacht. Und ich widerspreche der These entschieden.

SPIEGEL: War es nicht so, dass Sie in Russland erst berühmt wurden, nachdem Sie in Frankreich den Prix Médicis gewonnen hatten und als literarische Entdeckung gefeiert wurden?

Ulitzkaja: Das hat natürlich eine Rolle gespielt, wie überhaupt die Tatsache, dass man im Westen früh begann, meine Bücher zu kaufen. Aber verstehen Sie: Obwohl ich ein Niemand war, ein Mensch von der Straße, und obwohl es die hoffnungsloseste Zeit in Russland war, habe ich das, was man einen großen literarischen Erfolg nennt. Meine Bücher wurden innerhalb eines Jahrzehnts in 17 Sprachen übersetzt. Ich versichere Ihnen: Wenn ein neuer Leo Tolstoi mit einem neuen »Krieg und Frieden« auftauchte, dann würde er einen Verleger finden. Vielleicht nicht sofort, aber innerhalb weniger Jahre.

SPIEGEL: Kein Anlass für Kulturpessimismus im neuen Russland?

Ulitzkaja: Die Entwicklung verläuft widersprüchlich. Während der Perestroika entstanden viele kleine Verlage, die dieses und jenes ausprobierten. So bildete sich eine neue literarische Szene in Russland. Bis dahin hatten ganze Genres bei uns überhaupt nicht existiert. Es gab kaum Science-Fiction-Autoren - mit der bemerkenswerten Ausnahme der Gebrüder Strugatzki. Krimis, Esoterik, Liebesromane, Pornografie - das alles existierte praktisch nicht; ebenso wenig die »yellow press« und das meiste von dem, was die Bahnhofsbuchhandlungen in Westeuropa füllt. Ein besonderer Anlass für Freude ist es nicht immer, dass Russland das alles jetzt besitzt. Aber die riesigen Marktlücken haben sich schnell gefüllt, zum Guten oder zum Schlechten. Derzeit wird vielleicht in keinem zivilisierten Land der Welt so viel schlechte Literatur mit einem so scheußlichen ideellen Niveau gedruckt wie in Russland. Das ist der Preis, den wir für die Abschaffung der Zensur wohl zahlen müssen.

SPIEGEL: Früher wurden neue Bücher von Staats wegen erst zensiert und dann bis ins äußerste Sibirien verschickt. Entstehen nicht viele der Probleme daraus, dass das alte sowjetische Vertriebssystem abgeschafft, ein neues aber noch nicht entwickelt ist?

Ulitzkaja: Das ist völlig richtig. Persönlich habe ich das Glück, dass mein Verlag Eksmo das beste Vertriebssystem sämtlicher russischen Verlage hat. Aber im Prinzip ist der Vertrieb heute die große Schwäche aller unserer Verlage.

SPIEGEL: Hat die Abschaffung der Zensur die neue Literatur stimuliert?

Ulitzkaja: Das hat widersprüchliche Konsequenzen. In Sowjet-Russland gab es drei Zensurebenen: Da war erstens die Selbstzensur der Autoren beim Schreiben. Zweitens der Redakteur im Verlag der Literaturzeitschriften, in denen neue Manuskripte gedruckt wurden, bevor sie als Bücher erschienen. Und drittens das staatliche Zensurkomitee, dem der Lektor das Buch seines Autors vorzulegen hatte. Er haftete persönlich sowohl für den literarischen wie für den politisch-ideologischen Inhalt eines Buchs. Dieses System funktionierte wie ein sehr feines Sieb.

SPIEGEL: Und heute?

Ulitzkaja: Heute weiß man gar nicht mehr, was Selbstzensur ist. Dabei täte unserer jungen Literatur ein wenig Selbstzensur richtig gut. Auch die Lektoren in den Verlagen greifen kaum redigierend ein - es sind zu wenige, mit Arbeit überlastet und schlecht bezahlt; Übersetzer werden sogar erbärmlich schlecht bezahlt. Ihnen allen geht es darum, die Bücher schnell gedruckt zu sehen, um schnell ihr Geld zu verdienen. Das sind die gewöhnlichen Folgen der Kommerzialisierung. Im Prinzip geht es überall auf der Welt ähnlich zu.

Aber bei uns nimmt das, wie immer, einen besonders wilden Charakter an. Deshalb fallen einem oft Bücher in die Hand, in denen es nicht nur von Druckfehlern wimmelt, sondern auch von grammatischen Schnitzern. Was aber die politische Zensur betrifft, so bin ich mir leider fast sicher, dass sie bald wiederkommen wird. Auf dem Gebiet der Massenmedien, bei Print- und Telemedien macht sie sich bereits deutlich bemerkbar. Ich glaube, das wird auf Kommando losgehen.

SPIEGEL: Ihre Befürchtung hängt mit dem Personenkult um Putin zusammen, der teilweise groteske Formen angenommen hat. Wie erklären Sie das?

Ulitzkaja: Wir sind im Grunde ein Land, das seinen Monarchismus nicht ausgelebt hat. Als die Monarchie in eine Krise stürzte, wandte sich die Gesellschaft neuen Ideen und einer neuen Art von Selbstherrlichkeit zu, bis auch die nach einigen Jahrzehnten ihre Krise bekam. Aber die Sehnsucht nach einem guten Zaren ist in Russland stets vorhanden gewesen. Wer immer die politische Macht hat, der ist für weite Teile der Bevölkerung eine Art Zar.

SPIEGEL: Wie real ist die Gefahr eines neuen Autoritarismus?

Ulitzkaja: Zum Teil besteht er ja schon. Aber es gibt ein Gegengift: Die Masse der Bevölkerung, die heute Putin unterstützt, weil er der erste Mann im Staat ist, wird seinen Namen vergessen, sobald er nur noch die Nummer zwei ist.

SPIEGEL: Wenn die Herrscher austauschbar sind, kann die Gefahr einer neuen autoritären Herrschaft doch so groß nicht sein?

Ulitzkaja: Ich bin da skeptisch, denn nach meiner Wahrnehmung wird in Russland der Staat immer stärker und die Gesellschaft immer schwächer. Dieses Missverhältnis beunruhigt mich sehr.

SPIEGEL: Welche Art von Literatur profitiert davon?

Ulitzkaja: Besonders interessiert ist die Gesellschaft an Autoren, die als politisch skandalös gelten wie der avantgardistische Provokateur Wladimir Sorokin oder der bis vor kurzem wegen angeblicher Waffengeschäfte inhaftierte Eduard Limonow.

SPIEGEL: Finden die Leute deren Skandale oder deren Bücher interessanter?

Ulitzkaja: Das ist nicht zu trennen. Jedenfalls ist es für die Gesellschaft nützlich, darüber zu sprechen, dass ein Mann wie Limonow gleichzeitig ein sehr begabter Schriftsteller und ein sehr bornierter Neofaschist ist. Er ist ein Provokateur, und wir brauchen Provokateure, weil sie uns zum Nachdenken und zum Meinungsstreit zwingen. Nur nach solchen heftigen Diskussionen kann jemand seine eigene Haltung finden.

Unsere Gesellschaft ist träge und gleichgültig geworden, viel gleichgültiger als in den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts, ganz zu schweigen von den stürmischen öffentlichen Diskussionen während der Perestroika. Figuren wie Sorokin und Limonow rütteln die Gesellschaft wach und bringen sie zum Diskutieren, zum Vibrieren. Das haben wir dringend nötig. INTERVIEW: RAINER TRAUB

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