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Geschichte »WIR BRAUCHEN VERTRAUEN«

Von Christian Meier
aus DER SPIEGEL 5/1995

O Deutschland, wie bist du zerrissen / Und nicht mit dir allein! In Kält'' und Finsternissen / Läßt eins das andre sein. Und hätt''st so schöne Auen / Und reger Städte viel; Tät''st du dir selbst vertrauen / Wär'' alles Kinderspiel.

Deutschland 1952« heißt dieses Gedicht von Brecht. Fast könnte es auch von 1995 sein. Ja, ob nun gleich Kinderspiel oder nicht, mit dem »Tät'st du dir selbst vertrauen« ist eine Bedingung formuliert, auf die es heute weit mehr ankommt als damals.

Wir brauchen das Vertrauen zu uns selbst. Aber wir haben, so scheint es, allen Grund, es uns vorzuenthalten.

Keine Frage, daß darunter das Funktionieren der deutschen Gesellschaft, ihre Fähigkeit, Konflikte auszutragen und darin die eigene Einheit zu erfahren, ja daß darunter die Demokratie leidet: die Möglichkeit der Gesellschaft nämlich, Maßstäbe zu setzen und einzuschärfen, Sachen zu verfechten, Alternativen zu entwickeln. Die Stärke jener Politiker, für die es vor allem um persönliche Beziehungen und Macht geht, ist ja die Kehrseite der beängstigenden Schwäche nicht nur der Intellektuellen, sondern der Gesellschaft insgesamt.

Zu einer Demokratie gehört, nach allgemeiner Erfahrung, ein gewisses Zusammengehörigkeitsbewußtsein derer, die in ihr verfaßt sind. Es ergibt sich nicht nur aus der gemeinsamen Herkunft, sondern auch aus den gemeinsamen Grundüberzeugungen, aus Erwartungen, auch aus einem Wissen voneinander.

Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl ist in Deutschland heute gestört, nicht nur weil sich Ost- und Westdeutsche weit auseinandergelebt haben und nun dagegen sträuben, in engere Beziehungen zu kommen, sondern aufgrund der neuen Situation der Welt, des Zusammenbruchs der Blöcke, der Fortschrittshoffnungen auch, die seit dem Krieg immer wieder aufflackerten, wegen der »Entwegung« der Gesellschaft, der allgemeinen Ratlosigkeit und Lethargie.

Wenn die Dinge aber so stehen, ist die Frage aufgeworfen, wer diese Gesellschaft ist und was sie will. Das ist besonders der Fall, wenn es sich um eine so sensible und mit geradezu verstörter Ungewißheit über sich selbst ausgestattete wie die deutsche handelt. Wo andere vieles an sich naiv nehmen, müssen wir uns stets in Frage stellen. Mit dem Selbst-Bewußtsein fehlt notwendig das Selbst-Vertrauen.

Ende der siebziger Jahre sprach Norbert Elias vom »noch ausstehenden Aufbau einer Nation in der Bundesrepublik«. Genau das ist heute um so mehr für das vereinte Deutschland fällig: ein Nations(neu)bildungsprozeß.

Es geht um mehr als bloße Staatszugehörigkeit. Demokratie setzt voraus, daß der einzelne nicht nur Schützling, Nutznießer und zu gewissen Pflichten Herangezogener ist, sondern zu einer identifikatorischen Teilhabe am Gemeinwesen gelangt.

Nach wie vor, auch in der Europäischen Union, haben die Nationen ihre Funktion als Verantwortungsgemeinschaften. In ihnen allein können sich größere Meinungs- und Willensbildungsprozesse abspielen, auch solche der Fortbildung der mentalen Infrastruktur. Wenn die EU demokratisch organisiert sein soll, so geht das nur vermittels der Nationalstaaten, denn eine europäische Gesellschaft, die eine Demokratie tragen könnte, ist nicht in Sicht; eine »Nation Europa« zum Glück auch nicht.

Freilich, was Nationen sind, ist nach Ort und Zeit sehr verschieden. Zumindest im Westen hat das alte, potentiell aggressive Nationsverständnis ausgespielt, es geht nicht mehr um Machtgewinn auf Kosten anderer, die einzelnen sehen sich für ihr Selbstbewußtsein und ihre Zukunft nicht mehr auf nationale Größe angewiesen. Vielmehr sind die Nationen in vielerlei Formen der Zusammenarbeit eingespannt, entwickeln vielleicht gar einen gewissen Wettbewerb unter sich - im Hinblick auf die Aufgaben, die sich Europa und der Menschheit stellen.

»Nation«, diese Formulierung Thomas Manns von 1945 gilt auch heute, »ist ein revolutionärer und freiheitlicher Begriff, der das Menschheitliche einschließt und innerpolitisch Freiheit, außenpolitisch Europa meint.«

Allerdings ist die Bestimmung der Zugehörigkeit innerhalb der Nation in gewissen Grenzen offen. Abstammung kann nicht das einzige Merkmal dafür sein. Nationen können geradezu einen Teil ihrer Identität darin finden, daß sie ihr Bürgerrecht anderen relativ weit öffnen; was zugleich bedeutet, daß sie ein sehr hohes Maß an Assimilationsfähigkeit, also auch an Selbstvertrauen besitzen - so daß eine gewisse Homogenität insofern garantiert ist, als das Ganze sich gleichbleibt oder nur leicht verändert.

Bei den Deutschen beginnt die Frage nach der Nation heute mit dem Zweifel, ob sie überhaupt eine sein wollen - und nicht vielleicht doch eher eine multikulturelle Gesellschaft in einer postnationalen Welt. Ihre neue Lage irritiert sie zutiefst. Ist also ihre erste Aufgabe vielleicht doch die Selbstaufgabe?

Doch könnte ein postnationales Zeitalter nur anbrechen, wenn auch die anderen auf ihre Nationalität verzichteten - was sie nicht tun - , und wie eine multikulturelle Gesellschaft, die diesen Namen verdient, in Deutschland heute möglich und vor allem: wie sie politisch hinreichend handlungsfähig sein könnte, ist überhaupt nicht abzusehen. So bedeutet die Unsicherheit über den nationalen Status der Deutschen vor allem eine große Schwäche.

Indes ist diese Unsicherheit nur allzu gut zu erklären. Sie erstreckt sich vornehmlich auf unsere jüngere Vergangenheit und resultiert daraus. Denn zwischen uns und dem größten Teil unserer Geschichte liegt die nationalsozialistische Periode Deutschlands, der Zweite Weltkrieg und - um nur das Äußerste daran zu bezeichnen - Auschwitz. Wir sind das Volk, das mit dem schlimmsten Großverbrechen der Geschichte behaftet ist.

Die deutsche Teilung hätte unter anderen Umständen zu einer Belebung des deutschen Nationalbewußtseins führen müssen. Nach Auschwitz aber war das unmöglich. Da erschien es den Deutschen, nach anfänglichem Widerstand, letztlich ganz opportun, daß sie nicht Deutschland, sondern nur BRD und DDR sein konnten, Teile von Blöcken, in denen das Nationale weniger wichtig war.

Auch sind die postnationalen Konzeptionen vermutlich gerade deswegen so beliebt, weil sie dem Bedürfnis nach Flucht vor dieser Vergangenheit so gut genügen. Wie sich ja wohl der ihnen entsprechende Individualismus gern die Schwäche deutscher Nationalität nutzbar macht, um sich kollektiver Verantwortung überhaupt zu entziehen.

Wenn uns aber kaum etwas anderes übrigbleiben wird, als eine Nation zu sein: Wie können wir dann den Anschluß an unsere Geschichte wiederfinden, jene historische Dimension wiederherstellen, die das Bewußtsein einer Nation zu seiner eigenen Vergewisserung, wenn nicht zu seiner Befestigung braucht? Können es sich die Deutschen leisten, ihre Geschichte zu verneinen - oder doch als ein Niemandsland anzusehen, das sie nicht mit den »Augen der Identität« zu betrachten vermögen? Brauchen sie, brauchen speziell die Heranwachsenden unter ihnen nicht irgendeine Stütze in ihrer Geschichte, auf die sie wohl nicht gleich Nationalstolz, aber wenigstens ein gewisses nationales Selbstbewußtsein gründen können?

Die Antwort, die auf diese Frage üblicherweise gegeben wird, läuft auf ein Retuschieren an der deutschen Vergangenheit hinaus. Die Untaten werden teils geleugnet, teils verkleinert; das zumeist geübte Verfahren besteht in ihrer Relativierung: Schließlich gab es auch sonst Massenmord und Großverbrechen. Oder man meint einfach, wir müßten aus dem »Schatten der Vergangenheit« heraus, diese also irgendwie zu den Akten legen. Ein »Schlußstrich"« müsse endlich gezogen werden - wie es übrigens schon seit den späten vierziger Jahren heißt. So wird der Anschluß mehr oder weniger durch eine Bypass-Operation gesucht.

Darin äußert sich eine Verkennung des ganzen Ausmaßes, der ganzen Einzigartigkeit der deutschen Verbrechen und des Kulturbruchs, der durch sie erfolgt ist. Seitdem ist die Weltgeschichte gründlich anders als zuvor, und darüber kommt man auch 50 Jahre danach nicht so leicht hinweg. Deswegen ist gerade diese Vergangenheit nicht zum Vergehen zu bringen, obwohl die Weltgeschichte bis in unsere Tage hinein wirklich genügend große Verbrechen kennt; aber eben nicht ein solches.

Die Folge jener Antwort sind daher regelmäßig Peinlichkeiten, die berechtigte Erregung verursachen und dann zu neuen Peinlichkeiten führen, indem man zu beflissenen Beteuerungen politischer Korrektheit genötigt wird. Jeder größere Versuch, diese Vergangenheit einzuebnen, hat mit ihrer Belebung geendet, zuletzt beim Historikerstreit, und das wird auch weiterhin so sein. Wenn zur Nation eine gewisse »Würde« gehört, so erweisen sich die Versuche zur Vergangenheitsretuschierung regelmäßig als kontraproduktiv.

Ich behaupte, daß wir kein einigermaßen haltbares, vernünftiges und vor allem kein würdiges Verhältnis zum schlimmsten Teil unserer Geschichte gewinnen werden, bevor nicht weithin vollzogen, begriffen und angenommen wird, was Auschwitz bedeutet und daß es ein zentraler, lebendiger Teil unserer Geschichte ist und bleiben wird.

Die Hoffnung auf den Schlußstrich sollte aufgegeben werden. Was so gern als vorläufig erscheint, sollte als endgültig angenommen werden. Es ist nicht so, daß wir »noch nicht wieder« ein unbefangenes Verhältnis zu unseren namenlosen Untaten haben, sondern wir werden ein solches Verhältnis in irgend absehbarer Zeit gar nicht gewinnen können.

So paradox es klingen mag: Gerade die Anerkennung der ganzen Ungeheuerlichkeit und der Nachwirkung, die Auschwitz für uns hat, ist die Brücke, über die wir den Zugang zu unserer Geschichte gewinnen können. Nur durch sie kann deren zwanghafte Beziehung auf Auschwitz gelöst werden.

Alles historische Bewußtsein geht von der Gegenwart aus. Diese entscheidet darüber, was aus der Geschichte in welcher Weise aufgenommen wird. Sie trifft notwendigerweise eine Auswahl, auch wenn diese nicht einfach beliebig sein kann. Sie setzt Akzente. Und letztlich zielt alles auf eine Ortsbestimmung zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Das kann nur aus den Stärken, jedenfalls den moralischen und intellektuellen Stärken der jeweiligen Gegenwart heraus geschehen. Das heißt im Fall des heutigen Deutschland aus dem Neuanfang nach dem Krieg, dem Aufbau der Demokratie, ja des Landes, der Öffnung nach Westen, der Weitung des Horizonts - und eben aus der Bereitschaft, sich dem schlimmsten Teil der eigenen Geschichte ohne Wenn und Aber zu stellen und seiner bewußt zu sein. Gewiß ist die Geschichte dessen, was den irreführenden Namen Vergangenheitsbewältigung trägt, voll von Versagen; von Halbheiten, Entgleisungen und bitteren Versäumnissen. Aber man darf nicht übersehen, wie ungemein schwierig - und wie unüblich in der Weltgeschichte - es ist, daß sich ein Volk nach einer Niederlage nicht in eigenem Stolz verschanzt, sondern sich nach relativ sehr kurzer Zeit offen mit seiner Vergangenheit, mit seinen fürchterlichsten Verbrechen auseinandersetzt. So stellte diese Geschichte insgesamt eine beachtliche Leistung dar.

Was wir damit gewonnen haben, ist nicht wenig. Alles Gerede vom mangelnden »aufrechten Gang« der Deutschen, von ihrer »kollektiven Schuldbesessenheit« (Michael Stürmer) halte ich für baren (und gefährlichen) Unsinn. Es ist nur Ausdruck mißglückter Verdrängung, zugleich der deutschen Lust, Opfer zu sein, um so die nationale Untugend des Selbstmitleids besser ausleben zu können. Gerade das Einstehen für die deutsche Geschichte einschließlich ihrer schlimmsten Teile ist eine der wichtigsten Vorbedingungen dafür, daß wir unsere Geschichte wieder mit den Augen der Identität sehen können.

Sie hat nicht rein zufällig, obzwar keineswegs notwendig, nach Auschwitz geführt. All das, was Hitler seine Erfolge ermöglichte, die Bereitwilligkeit, ohne viel darüber nachzudenken, was das bedeutet, effizient und mit großem Einsatz seine Politik, seine Kriegführung, seine Vernichtungspläne auszuführen, die vielfache Abtötung einfacher Menschlichkeit hat seine Wurzeln in dieser Geschichte. All das, was sie an Großem, an Glänzendem hervorgebracht hatte, hat uns, aufs Ganze gesehen, nicht davor bewahrt.

Es war ja nicht, um nochmals Thomas Mann zu zitieren, ein böses, sondern das fehlgegangene gute Deutschland, das da am Werk war. Aufs vielfältigste im Sinne des Regimes, viel breiter, als oft zugegeben, an seinen Verbrechen beteiligt, und sei es, daß es sie, indem es die Fronten verteidigte, möglich machte.

Nur, was von hinten gesehen so deutlich ist (da alles unter die Perspektive dieser Verbrechen rückt), war den Zeitgenossen zumeist nicht klar. Von ihnen haben sich sehr viele, vielleicht die meisten, nach den Maßen nicht der Zeit, sondern des Herkommens bewährt, haben tapfer und aufopferungsvoll und in gutem Glauben gekämpft, und viele haben dabei ihr Leben gelassen.

Es ist da der Handlungsaspekt, der Bereich, den der einzelne überblickt, vom Beteiligungsaspekt zu unterscheiden, der die Anteile sichtbar macht, die gerade ein totalitäres Regime von allen und jedem für sich in Anspruch zu nehmen pflegt. Wir haben sehr vieles in aller Klarheit zu verurteilen, aber vieles andere auch gleichsam aus den Fängen des Regimes, in die es nachträglich geraten ist, zu befreien.

Es muß angesichts so vieler Millionen Opfer von Krieg und Vernichtung in manchen Ohren wie Hohn klingen, wenn man sagt, daß viele Deutsche auch verführt waren (und zugleich an der Verführung teilhatten). Aber es ist keineswegs falsch. Sie haben sich zwar weit über Gebühr als treu, wehrlos und anfällig erwiesen - aber damit ist noch nicht all das, was viele als einzelne taten, leisteten und litten, entwertet.

Eifer und Bereitwilligkeit, Schwäche und Verkennung sind auf verhängnisvolle Weise in die Umstände eingegangen, unter denen man dann gehandelt hat. Aber wenn es gelingt, andere Werte zu setzen und andere Umstände zu schaffen, so rückt die Überlieferung der deutschen Geschichte und die Prägung von dort in ganz andere Zusammenhänge. Eben dies ist geschehen.

Der Aufbau nach dem Krieg, auch der Demokratie, hätte nicht so gut verlaufen können, wenn nicht Voraussetzungen gegeben gewesen wären, die teilweise tief in der deutschen Geschichte angelegt waren: in Rechtswissenschaft und Philosophie, in der liberalen Bewegung des 19. Jahrhunderts, in Traditionen der Arbeiterbewegung, fernerhin der alten deutschen Parlamente - und dahinter stehen Bedingungen, die bis hin zu den Bauernkriegen wie nicht zuletzt zur Reformation zurückreichen, auch zur Kultur der deutschen Städte.

Zusammen mit preußischem Staatsethos und der großen Arbeitsbereitschaft, aber auch einer langen Bildungsgeschichte wurden die Deutschen dadurch befähigt, die Chance, die sich ihnen nach Zusammenbruch und Befreiung bot, voll auszunützen. Und die Teilung trug im Westen dazu bei, daß neben (und teilweise vor) den Norddeutschen die West- und Süddeutschen sich viel stärker zur Geltung brachten als bis dahin, neben den Protestanten die Katholiken.

Nimmt man hinzu, daß schließlich auch die Arbeit an der NS-Vergangenheit beste Traditionen deutscher Geistesgeschichte aufnehmen konnte, so zeigt sich, wie sehr wir noch in der Kontinuität deutscher Geschichte stehen, trotz und wegen des tiefen Bruchs.

Anknüpfungspunkte gibt es genug. Etwa an Versuche, sich aus tiefer Not wieder herauszuarbeiten, nach dem Dreißigjährigen Krieg oder in Preußen nach 1806, an jenen großen Ansatz einer neuen Integration, einer Erneuerung überhaupt, der dann nur zu früh um seine politischen Aussichten gebracht worden ist. Wenn der Bundeskanzler nicht weiß, auf wen sich die Denkmäler von Scharnhorst und Bülow neben der Neuen Wache in Berlin beziehen, so braucht das historische Gedächtnis der deutschen Gesellschaft ihn sich dabei nicht zum Vorbild zu nehmen.

Man wird zwar nicht mehr, wie früher, große Persönlichkeiten der eigenen Geschichte offen verherrlichen können; in keinem westlichen Land ist das so einfach mehr der Fall. Doch kann man sehr wohl auch ihnen mit mehr Gelassenheit gerecht zu werden versuchen.

Um nur zwei umstrittene Beispiele anzuführen: Die unglückliche Nachwirkung des friderizianischen Preußen muß uns nicht daran hindern, den international bewunderten Philosophen auf dem Thron, der zugleich Feldherr und Staatsmann, ein aufgeklärter Gestalter seines Staates war, als einen Großen der deutschen Geschichte anzunehmen, in all seiner Gebrochenheit, Einsamkeit, seinem Glanz und seinen Nöten, seiner ungeheuren Leistung und seinen Starrheiten. Sowenig wie man das Genie Bismarcks über dessen Versagen bei der Integration des Reiches übersehen sollte.

Aber man könnte auch viele andere Beispiele nennen, von den großen Kaisern des Mittelalters und manchen ihrer großen Widersacher bis zu den Verschwörern des 20. Juli (und manch einem kommunistischen Widerstandskämpfer). Man kann an die Städte des Mittelalters, die Hanse, die Fugger und Welser, aber auch an die ganze Geschichte von Philosophie und Wissenschaft, Dichtung und Baukunst, Technik und Industrialisierung, auch an Toleranz denken - überall gäbe es Anlaß genug, um die eigene Geschichte wieder zur eigenen zu machen.

Dabei ist Nationalgeschichte, entsprechend der Rolle der Nationen heute, relativ immer kleiner zu schreiben. Die Wirklichkeit des modernen Europa fordert zunehmend einen neuen Horizont der Geschichte, den europäischen. Und sie erfordert auch ein Bewußtsein der Geschichte der Welt - von dem wir noch weit entfernt sind, das von uns aber längst erwartet werden kann. Allein, sowenig wie die europäischen Nationen sich in Europa auflösen, sosehr sie dessen Teile (und die der Menschheit) sind, sowenig können sie auf die eigene Geschichte verzichten. Sie darf nur nicht isoliert werden, war dies ja auch nie.

Sosehr wir es uns wünschen sollten, wir haben keine Aussicht, eine »normale Nation« zu werden. Andererseits können wir aber auch schlecht die »Ausnahmenation« spielen; schon gar nicht, indem wir mit veränderten Vorzeichen neuerdings die Welt zu belehren versuchen.

Notwendig ergibt sich also eine Spannung: Weithin spielen sich unser Leben, auch unsere Beziehungen zu anderen längst »normal« ab. Und das nimmt mit dem Aufwachsen neuer Generationen zu. Nur eben schafft die Vergangenheit besondere Bedingungen für uns. Bei bestimmten Gelegenheiten sind sie maßgebend, Gedenkfeiern etwa, danach tritt wieder die normale Tagesordnung in Kraft, wo man auf weiteste Strecken von unseren außergewöhnlichen historischen Umständen so wenig bemerkt, daß immer wieder der Eindruck entsteht, nun sei alles »erledigt« - bis man dann neuerdings aufgeschreckt wird.

Diese Spannung wurde, solange die großen Blöcke bestanden, gern dadurch überspielt, daß man sich gleichsam in vorderster Front einreihte in den Kampf um Entspannung, Frieden, Menschenrechte, Demokratie. Universalistische Ideale ließen sich, speziell in den achtziger Jahren, relativ gut in Politik übersetzen.

Jetzt, nach dem Ende des »Altweibersommers«, erweist es sich als mißlich, daß man bei uns seit Jahrzehnten nicht mehr über das Nationale nachgedacht und die Vorstellungen davon weitergebildet hat. Da werden folglich alte Klamotten wieder aufgemöbelt, und in gleichem Takt lähmen alte Schreckbilder die Phantasie auf der Gegenseite - wie wenn alles wieder zu werden drohte, wie es früher einmal war.

Ein ganzer zentraler Platz in unserer politischen Wirklichkeit scheint geräumt zu sein, da die, die sich auf ihm versammeln sollten, teilweise die Flucht ins Privatleben angetreten haben, teilweise nach Europa, teilweise auch in die Resignation. So ist die Agora gleichsam für Geländespiele freigegeben und wird entsprechend genutzt.

Übrigens auch von der Regierung. Wie hatte es doch einmal bei Humboldt geheißen? »Der Bürger ist am besten daran, wo er durch möglichst viele Bande mit seinen Mitbürgern vereint ist, aber durch möglichst wenige an die Regierung gekettet.« Davon sind wir relativ weit entfernt.

Und doch organisiert sich künftig eher mehr als weniger Verantwortung in den Nationalstaaten, zumal die EU sich bisher auch nur bei Schönwetter bewährt hat.

Damit aber kann jene Spannung zwischen Normalität und historischer Ausnahmesituation der Deutschen heute ganz neu fruchtbar gemacht werden. Ohnehin erwächst uns eine bedeutende Verantwortung aus der Größe des vereinten Landes sowie aus seiner Lage an der Grenze zu den so schweren Belastungen ausgesetzten, soviel Aufmerksamkeit und Hilfe beanspruchenden ostmitteleuropäischen Staaten. Mit dieser Verantwortung läßt sich diejenige, die uns aus unserer Geschichte zuwächst (nicht nur der von '33 bis '45), aufs natürlichste verbinden, als Ansporn einerseits, aber auch als Anlaß, jene »respektable Bescheidenheit« zu üben, die uns nach Adenauer ansteht.

Hier ließen sich Konsequenzen aus unserer Vergangenheit ziehen. Sie bestünden nicht nur in der Vermeidung von Fehlern, sondern auch in dem Versuch, der Welt, der wir auf besondere Weise geschadet haben, um so mehr zu nutzen, in Maßen und ohne Aufdringlichkeit.

Nicht daß wir Musterschüler sein sollten: Aber zu zeigen, daß man etwas eingesehen hat, was auf der Hand liegt, ist kein Strebertum. Und ein wenig aufmerksamer über sich selbst und seine Umstände Rechenschaft zu geben, das könnte doch wohl verlangt werden, entspricht außerdem guter alter deutscher Tradition. Das aber heißt, nicht zu fliehen, weder vor der Vergangenheit noch vor den Aufgaben, die sich heute und morgen stellen.

Darunter sind nach meinem Urteil nicht zuletzt diejenigen der Bildung und Fortbildung deutscher Nation zu nennen, das dringende Problem der Integration, das nur sehr zum Teil Sache der Politiker, weit mehr die der Intellektuellen und der ganzen Gesellschaft ist. Das setzt sich fort über das Auflösen unendlich vieler Verkrustungen, Besitzstände, dogmatischer Verhärtungen; nicht zuletzt jener Selbstzufriedenheit, die heute unter uns so sehr verbreitet ist. Vieles wäre im Verhältnis zwischen Ost und West leichter, wenn es einen gemeinsamen Zukunftswillen gäbe.

Wie wichtig war für die Gründung der Bundesrepublik die Vision der Demokratie, für die bestimmte Vorstellungen von Freiheit, Menschenwürde und Selbstbestimmung sprachen und mit der sich große, genaugenommen: zu große Hoffnungen verbanden! Und welche Rolle spielt es andererseits für die innere Vereinigung, daß Demokratie heute kaum mehr als ein Gewurstel ist, für das bestenfalls einige gute Erfahrungen glaubwürdig vorgebracht werden können!

Einiges mehr ließe sich aber, so ist meine vielleicht altmodische Meinung, für die Demokratie schon ins Feld führen. Nur muß man es, wie die Dinge heute stehen, beweisen: in der Erledigung eines Riesenpensums, das aus einer außerordentlichen, möglicherweise noch erheblich wachsenden außenpolitischen Problematik erwächst, aus dem schreienden Mißverhältnis zwischen den westlichen Nationen und der übrigen Welt, aus dessen zunehmend spürbarer werdenden Folgen, den Migrationen zum Beispiel. Aus den alarmierenden ökologischen Mißständen. Aus den gesellschaftlichen Zerklüftungen, die etwa infolge der Arbeitslosigkeit, ja: der Überflüssigkeit vieler Millionen entstehen. Nicht zuletzt dem Problem der gleichmäßigen Durchdringung des Landes mit Wohlstand, Sicherheit, ja Administration (auf daß nicht mafiaähnliche Abhängigkeiten die Form von Herrschaftsverhältnissen annehmen).

Über all das kann heute kaum auch nur recht nachgedacht werden, weil alles Nachdenken auf die Folgerung hinausliefe, daß wir vieles herzugeben, auf vieles zu verzichten hätten, wenn wir auf Lösungen sinnen würden. Schließlich liegen uns unsere Besitzstände auf der Haut wie ein Nessushemd und lähmen alle Phantasie.

Kurz gesagt, es gibt Anlaß genug, unsere Demokratie neu zu beleben, zu stärken, vielleicht gar auszubauen. Und dazu gehört, daß wir wissen, wer wir sind, als Nation, und das heißt auch im Hinblick auf unsere Geschichte; daß uns etwas aufgegeben ist, daß wir etwas zu verantworten haben, in vielen Zusammenhängen, aber wesentlich auch in dem unseres Staates. Wir brauchen Vertrauen zu uns, also einen Neuanfang.

Vielleicht könnte die alte Vision des 18. Jahrhunderts, daß durch die Nationen die Menschheit vorangebracht wird, insofern einen Sinn haben, daß in deren Konzert manche Probleme, vor denen wir stehen, halbwegs gelöst werden und daß zumindest einiges von dem, was wir erworben haben, etwa an Toleranz, an Liberalität, an Offenheit, sich verteidigen läßt. Y
*VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:

Christian Meier *

gehört zu den wenigen deutschen Historikern, deren Werke nicht nur in wissenschaftlichen Kreisen gelesen werden. Meier, 65, schrieb Bestseller wie »Cäsar« (1982) und »Athen« (1993) und unterrichtet an der Universität München Alte Geschichte. Daneben meldet sich der Gelehrte immer wieder publizistisch zu Wort. Meier will die aktuelle Debatte über die Nation nicht den Rechten überlassen und stellt sich hier der Frage: Dürfen die Deutschen trotz Auschwitz so etwas wie Stolz auf ihre Vergangenheit empfinden, kann es also noch ein nationales Selbstbewußtsein geben?

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