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»WIR HATTEN EIN WENIG KUMMER IN DEUTSCHLAND«

aus DER SPIEGEL 35/1968

Auch der Himmel spielte nicht mehr mit. Das Firmament, im Kohlenpott sonst trüb und grau, stand azurblau über Oberhausen und störte sehr.

Himmel und Helle verdarben die Stimmung, die sich Italiens Regie-Maestro ("Rocco und seine Brüder") Luchino Visconti, 61, für eine Filmszene ausgemalt hatte. Das Leichenbegängnis eines Kanonen-Königs aus dem Ruhrgebiet im Jahre 1933 sollte bei nieselnder Düsternis stattfinden.

So saß Visconti, mit der müden Würde einer spätrömischen Majestät auf einem Cinecittà-Stühlchen und wartete; hinter sich eine rufischwarze Straßenmauer vor sich die mächtige Kulisse der Hüttenwerk Oberhausen AG« (HOAG).

300 Schritt weiter harrten derweil einheimische Statisten -- weitaus ungeduldiger. Wenn nicht bald angedreht werde, drohten sie wollten sie 20 Mark mehr oder die Hosen ausziehen und die Arbeit niederlegen; die vier Zugpferde der pompösen Totenkalesche ließen die Köpfe hängen und äpfelten still hinter sich.

Aber erst als es dämmerte und Oberhausens Feuerwehr die Gegend befeuchtet hatte, befahl Visconti »movimento«. Zu den nicht ganz reinen Tönen der »Bergkapelle Jacobi« schwankte der Trauerzug bergan. Hinterm Vierspänner, in tiefer Trauer, die Hinterbliebenen, darunter so erprobte Menschendarsteller wie Dirk Bogarde, Helmut Griem, Reinhard Kolldehoff und, im Emmy-Göring-Look. die Schwedin Ingrid Thulin.

Im gleichen Schritt und Tritt danach greise Generalität und des Führers Paladine in Gestalt von höchsten SA- und SS-Chargen. Dazu etwas umflortes Volk, eher traurige denn trauernde Erscheinungen.

So beendete Visconti, Graf aus uraltem Adel und Sozialist, die deutschen Außenaufnahmen zu seinem Leinwandwerk Götterdämmerung. Es hat das Ruhrgebiet in ein Aufruhrgebiet verwandelt, denn, so ging die drohende Frage: Wen meint der linke Edelmann mit dem deutschen Kanonen-König?

»Die Krupps, selbstverständlich«, hatte das römische Blatt »L'Espresso« gemeldet, und die Nachricht war nach Essen und Oberhausen gedrungen. Die Liaison der »Waffenschmiede des Reiches mit dem böhmischen Gefreiten gilt hier, um im Schmiede-Bild zu bleiben, immer noch als heißes Eisen. Zudem hatte Visconti, das verstärkte den alarmierenden Verdacht. sich die Kruppsche »Villa Hügel« in Essen als Drehort gewünscht. war aber abschlägig beschieden worden.

»Wir erlebten ein wenig Kummer in Deutschland, spricht der Maestro mit der milden Größe eines Kirchenfürsten ... In Österreich erlebten wir ein wenig mehr Kummer

In Unterach am Allemsee bei Salzberg hatte Visconti einen Vorgang nachgestellt, der sich, nicht ganz so vendettahaft, im Juni 1934 im bayrischen Bad Wiessee zugetragen hatte: Hitlers Nacht-und-Nebel-Coup gegen den mißliebig gewordenen SA-Chef Röhm und Konsorten.

Der Fahnenschmuck der Kampfzeit war den Ostmärkern zunächst als willkommene Photo-Staffage erschienen. Bald jedoch wandelte sich das heitere Bild. Statisten wurden renitent und Gläubiger vorzeitig dringlich; das Budget wurde überzogen und das Geld knapp. Fausto Lupi, 44, und Bruder Mann, 35, Produktionsleiter der »Götterdämmerung«, führten die unfreundliche Reaktion auf »Viscontis politische Einstellung« zurück, die aber »mit dem Film nichts zu tun« habe.

»Verstärkte Feindseligkeit« spürten die Brüder dann in Deutschland. Schon die Hütten, die Visconti als Drehort gewählt hatte, blieben ihnen verschlossen: Die HOAG und die »Gutehoffnungshütte« (GHH) ließen die Fremden nicht ein.

Klaus Haniel, Aufsichtsratsvorsitzender der GHH und Vorstandsmitglied der HaAG, begründete offiziell es sei makaber, wenn in einer noch arbeitenden Zeche ein Totengeleite defiliere; insgeheim freilich bangte er ums Krupp-Image.

So wichen die Italiener in eine stillgelegte Zeche aus: Der Film-Trauerzug formiert sich nun auf dem Gelände der »Coneordia«. biegt aus dem Tor und erscheint -- schneller Schnitt -dennoch vor der HOAG-Kulisse; denn die Straße vor der HOAG stand den Italienern frei.

Mit solchen Zauberstückchen ließ sich ein anderer Deutscher nicht umgehen. Der Münchner Filmausstatter Emil Peinelt, 40, kam und wollte sein Geld.

Peinelt ist eine Art Krupp der Kinokunst. Wenn die schimmernde Wehr des Dritten Reiches ins Bild gesetzt werden soll, liefert Peinelt alles Nötige, vom fahrbereiten Panzer ("P IV") bis zur kochfertigen Gulaschkanone. Drei Divisionen könne er motorisieren, gibt Peinelt an, und eine bewaffnen.

So hatte er auch SA und SS am Attersee mobilisiert, doch die Kriegskosten von 48 605 Mark und 65 Pfennig blieben ihm die Italiener schuldig; »flehentlich hätten ihn die Lupi-Brüder gebeten, sich das Geld im Ruhrpott abzuholen.

»Vertrauen ist was Schönes, Kontrolle ist besser«, heißt Peinelts Devise; als ihm die Italiener in Oberhausen Teilzahlung anboten, erwirkte er einen Pfändungsbeschluß, legte die Dreharbeiten zwei Tage lahm, und der Gerichtsvollzieher, als solcher nicht erkannt, bekam beim Pfänden Hiebe.

Am vorletzten Drehtag schließlich übernahm Visconti, dem so niedriges Treiben stets ferngehalten wurde, die Bürgschaft für die Schulden, »nebst zehn Prozent Zinsen«. »Man hat uns ein bißchen erpreßt«, sagt er heiter.

Denn auch die Statisten setzten den Hebel an. Eine Friseuse wollte nur gegen Bargeld zum Kamm greifen; ein Admiral und ein 55-Obergruppenführer feilschten um zehn Mark mehr Tagesgage; und als die in der Hitze zugesagten 20 Mehr-Mark am Abend nicht. ausgezahlt wurden, rief ein pensionierter Polizeibeamter anhaltend nach der Polizei.

Die Achse, jedenfalls, war zerbrochen. Die Italiener, eine staatlich finanzierte Truppe mit Elite-Leuten, fühlten sich als Ausgebeutete. » Die Deutschen haben es eben nicht gern«, deuteten die Lupi-Brüder, »wenn Ausländer Filme über die deutsche Vergangenheit drehen.

»Nicht Krupp, nicht Thyssen oder eine andere große Familie«, besänftigt Visconti, sei mit der Stahl-Dynastie gemeint, die bei ihm »von Essenbeck« heißt; in »gewissem Sinne« seien es allerdings »alle diese Familien«.

Denn: »Sie halfen den Nazis. und das ist der Grund, daß die Götter fallen.« Daher der Name .. Götterdämmerung«.

Stärker als an die Krupps erinnern Viscontis Essenbecks freilich an die Familie Macbeth des gleichnamigen Shakespeare-Dramas Das Drehbuch zeichnet einen Stahl-Clan vor, der sich in einem Erbfolgekrieg (1933 bis 1934) rücksichtslos dezimiert.

Ein Macbeth, hier Friederich genannt, schießt sich zunächst den Weg zur Alleindirektion frei; SS, KZ und Thriller-Intrigen sind ihm dabei behilflich. Vom jüngsten Essenbeck, Martin mit Namen, wird er aber schließlich ausmanövriert.

Dieser Martin ist auch kein Heiliger. Er zeigt eine sinistre Vorliebe für kleine Mädchen, liebt es, als Transvestit aufzutreten, und angeleitet vom SS-Mephisto Aschenbach (Helmut Griem verkörpert ihn), entwickelt er sich mählich zu einem rechten Todesenge!.

Die schillernde Figur läßt Visconti vom kapriziösen Österreicher Helmut Berger aufführen. Branchen-Behauptungen, der letzte Krupp-Prinz, Arndt von Bohlen und Halbach, wollte den letzten Essenbeck selber darstellen, weist Visconti zurück. Der Regisseur. der mit dem jungen Edelmann bekannt ist, meint: »Er ist zu reich, um ein Schauspieler zu sein.«

Außerdem soll »Götterdämmerung« ein »tragischer Film werden«, ohne »Verzerrungen« und gewißlich »kein antideutscher Film«. Visconti abgründig: »Er ist antideutsch« wie »Hamlet« antidänisch ist.«

Und daß der Machtkampf einer Stahlfamilie gerade um die Zeit der Machtergreifung vor sich geht, hat vor allem einen dramaturgischen Grund. Denn zu dieser Zeit, erklärt Visconti, herrschte in Deutschland »eine Periode des Mordes und der Gewalt«, und auf diesem Hintergrund nehme sich das Essenbeck-Massaker »plausibler« aus.

Als beim Schichtwechsel die HOAG-Kumpel an den wartenden SA- und SS-Komparsen vorüberzogen, hoben sie vergnügt die Hand zum deutschen Gruß. Die Deutschen haben die alten Zeiten schöner in Erinnerung.

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