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»Wir müssen Druck machen«

Christoph Vitali, Direktor des Münchner Hauses der Kunst, über kluge Politiker und Kultur
aus DER SPIEGEL 25/1998

SPIEGEL: Könnte der Job eines Kulturdezernenten, den Sie einst in Zürich innehatten und den man Ihnen in Frankfurt gern angeboten hätte, Sie noch locken?

Vitali: Schon als ich in den siebziger Jahren das Zürcher Kulturbüro leitete, war ich auch ein Mitgestalter. Ich halte diese Verzahnung der Bürokratie mit der Praxis für unverzichtbar. Auch damals mußten wir das bißchen Geld pingeligst verwalten, aber wir konnten wenigstens Schwerpunkte setzen. Alles in allem war es nach 1968, diesen Jahren des Aufbruchs, eine wunderbare Zeit für die Kultur. Heute verwalten die Kollegen ja wirklich nur noch den Mangel.

SPIEGEL: Brauchen wir überhaupt noch Kulturdezernenten?

Vitali: Wenn es nur noch darum geht, rechtzeitig Mieten und Raten zu überweisen, kann das wirklich bald der Stadtkämmerer selber tun.

SPIEGEL: Aber wirkt es auf viele Bürger nicht zu Recht sehr unbeweglich, wenn etwa der Chef der Deutschen Oper Berlin, Götz Friedrich, mit einem Etat von 81 Millionen Mark nicht auskommt?

Vitali: Zweifellos waren auch die Künstler einst weniger fordernd als heute. Peter Stein hat in einer Reithalle inszeniert. Die Schauspieler haben sich in Garderoben umgezogen, in denen es kein Wasser gab. Und ich habe an der Kasse gestanden und Karten verkauft.

SPIEGEL: Erst neulich fegten Sie wieder mal das Foyer Ihres Museums.

Vitali: Man darf sich für nichts zu schade sein, wenn es um die Kunst geht.

SPIEGEL: Liegt es nur am Geld, wenn die Kultur an Bedeutung verliert?

Vitali: Es sind tatsächlich vor allem die Politiker, die Kultur für verzichtbar halten. Wenn die Bürger entscheiden dürften, wie ein Teil ihrer Steuern verwendet wird, käme die Kultur gegenüber anderen Ressorts gewiß besser weg.

SPIEGEL: Wer soll den Abwärtstrend wenden?

Vitali: Wir, denen Kunst und Kultur wichtig sind, sollten Bürgerinitiativen gründen, richtige Pressure-Groups, die es in der Wirtschaftspolitik längst gibt. Wir dürfen es den Parteien nicht länger durchgehen lassen, daß sie die Prioritäten so kulturfeindlich setzen. Kluge Politiker reagieren auch auf solchen Druck. Der bayerische Ministerpräsident Stoiber hat vor einigen Jahren seine Entscheidung, die Neubauten der Museen für moderne Kunst in München und Nürnberg auf unbestimmte Zeit zu verschieben, deshalb revidiert, weil sie weit über die Kunstwelt hinaus Unmut und Unverständnis hervorrief.

SPIEGEL: Bei aller Unvergleichbarkeit: Was könnte die subventionierte deutsche Kulturlandschaft von Amerikas privat finanzierter Kultur noch lernen?

Vitali: Ich glaube, nicht mehr viel. Die machen ja fast nur noch mittelmäßiges oder kommerzielles Theater. Und auch das fast ausschließlich in den großen Städten. Die Kulturschaffenden außerhalb von Chicago und New York gucken neidvoll auf uns. Es ist nicht damit getan, mehr und mehr auf private Sponsoren auszuweichen. Es käme ja auch niemand darauf, der Firma Siemens die Schulen zu überlassen.

SPIEGEL: Könnte ein Bundeskulturminister die Lage verbessern?

Vitali: Darüber sollten wir ernsthaft nachdenken. Es muß ja nicht eine Galionsfigur sein. Ein kleiner Stab um einen Mann wie Richard von Weizsäcker, der allerdings auch Entscheidungsbefugnisse bräuchte, könnte bestimmt etwas in Bewegung setzen. Wie stark die Kultur von Personen abhängt, zeigt sich ja hier in München, wo Oberbürgermeister Ude mit seinem vitalen Interesse für dieses Thema eine äußerst kulturfreundliche Atmosphäre schafft.

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