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REGISSEURE »Wir waren zu sorglos«

Der Filmemacher und Schauspieler Woody Allen, 65, über die Terror-Attacke auf seine Heimatstadt New York und das Leben danach
aus DER SPIEGEL 39/2001

SPIEGEL: Mr. Allen, wie haben Sie von dem Attentat auf das World Trade Center erfahren?

Allen: Ich war in der Küche in meiner Wohnung auf der Upper East Side, als jemand aus dem Haus sagte: Mach mal den Fernseher an - ein Flugzeug hat das World Trade Center getroffen. Ich dachte erst, es sei ein Unfall. Aber als dann das zweite Flugzeug kam, wusste ich: Das kann kein Zufall sein.

SPIEGEL: Sie wirken erstaunlich gefasst.

Allen: Ich war schockiert, aber nicht überrascht. Weil wir wussten, dass so etwas in den großen Städten passieren könnte, in New York, Chicago oder Los Angeles. Wir wussten, dass der Terrorismus in die Vereinigten Staaten kommen würde. Jeder hat schließlich vorher Bemerkungen darüber gemacht oder nervöse Witze gerissen. Allerdings waren wir schockiert über die offensichtliche Irrationalität des

Ganzen. An einem wunderschönen Tag wurden plötzlich völlig grundlos mehr als fünftausend Menschen getötet: Amerikaner, Briten, Mexikaner, Chinesen ...

SPIEGEL: ... und Araber ...

Allen: ... selbstverständlich auch Araber. Eben Menschen aus aller Herren Länder,

Menschen aller Religionen: Juden und Christen und Muslime - einfach so. Aber es hat niemandem genützt. Niemand kann sich jetzt hinstellen und sagen, das Ganze sei Teil einer Strategie oder eines großen Plans gewesen. Es ging nur ums Töten. Auch deshalb waren alle so geschockt: weil sie den Grund für das Morden nicht erkennen konnten.

SPIEGEL: Es gibt Kommentare, die die Ursache für die Anschläge auch in der amerikanischen Außenpolitik sehen.

Allen: Natürlich muss man sich die Frage stellen dürfen: Warum machen Menschen so etwas? Was finden sie so falsch an der Welt, dass sie so etwas tun? Doch die Attentäter haben genau das Gegenteil von dem erreicht, was sie wollten: Die Anschläge haben das ganze Land zusammenrücken lassen. Wenn ich Terrorist wäre, hätte ich Amerika auf anderem Gebiet attackiert. Die USA bieten nun wirklich genug Angriffsfläche - wir haben zum Beispiel gerade die umstrittensten Wahlen unserer Geschichte hinter uns. Viel hätte Ende letzten Jahres nicht gefehlt, und Amerikaner hätten auf der Straße gegen andere Amerikaner gekämpft. Aber jetzt - sogar die Republikaner und die Demokraten, die sich sonst hassen, können sich in diesen Tagen plötzlich gar nicht genug lieben.

SPIEGEL: Als 1979 Ihr Film »Manhattan« in die Kinos kam, haben Sie gesagt, New York sei eine Metapher für alles, was falsch laufe in unserer Zivilisation. Dieser Satz wirkt nach den Anschlägen geradezu prophetisch.

Allen: Manhattan ist die Speerspitze der Zivilisation. Ich bin wirklich kein Chauvinist, aber die Stadt war immer führend in der Mode, im Verlagswesen, in der Wirtschaft, beim Theater. Mehr noch: New York war immer die erste und immer die schnellste Stadt der Welt. Deshalb ist es nur konsequent, dass New York auch die erste Stadt Amerikas ist, die vom Terrorismus heimgesucht wurde. Selbst Terroristen denken eben zuerst an New York, wenn sie an Amerika denken.

SPIEGEL: Das heißt, eine weniger selbstbewusste Stadt wäre auch weniger gefährdet gewesen?

Allen: Nun, manchmal denke ich, New York ähnelt einem Preisboxer, der noch den Erläuterungen des Ringrichters lauscht und dabei plötzlich von seinem Gegner überrascht und zu Boden geschlagen wird. Aber wenn wir einen Moment innehalten und uns sammeln, werden wir uns schnell erholen. Denn auch in dieser Krise hat New York seine Haltung nicht verloren. Wie ein großer Kämpfer, der zwar getroffen wird, aber sich wieder zusammennimmt und am Ende den Kampf gewinnt.

SPIEGEL: In den vergangenen Tagen bestimmten doch eher Chaos, Verzweiflung, Racheschwüre das Bild ...

Allen: ... Ich glaube, wir New Yorker machen die Sache sehr gut, wenn man bedenkt, was für ein furchtbar brutaler, furchtbar wirksamer Schlag gegen uns alle es war. Aus Sicht der Terroristen ist es zwar toll gelaufen - natürlich wollten sie Tod und Verderben in die Hochhäuser tragen, aber dass diese zusammenbrechen, dürfte ihre kühnsten Visionen übertroffen haben. Doch niemand, der nicht unmittelbar betroffen war, ist in Panik geraten. Alle haben zusammengehalten, alle haben geholfen, alle haben Blut gespendet.

SPIEGEL: Sie auch?

Allen: Ich wollte, aber die Warteschlange reichte um den ganzen Block. Außerdem brauchten sie nur Blutgruppe 0, und die habe ich nicht. Aber ich habe Sandwiches für die Feuerwehrleute geschmiert.

SPIEGEL: Der von Ihnen gespielte Isaac sagt in »Manhattan": »Die Bewohner von Manhattan erfinden ständig völlig überflüssige Neurosen, die sie davon abhalten, sich mit den wirklich erschreckenden unlösbaren Problemen des Universums zu beschäftigen.« Sieht so aus, als wäre so eine Zurückhaltung jetzt nicht mehr möglich.

Allen: Stimmt. Wir müssen uns jetzt mit der Wirklichkeit auseinander setzen, so schrecklich sie auch sein mag. Aber das geht nun den Menschen auf der ganzen Welt so. Natürlich ist es bequemer, sich über einen Film Gedanken zu machen oder von der jungen Frau im Haus gegenüber zu träumen, in die ich mich verliebt habe, aber bei der ich nicht landen kann. Das ist einfacher, als über den Zustand der Menschheit nachzugrübeln, denn dabei wird man im Moment leicht depressiv. Aber die Terroristen lassen diese Ausflüchte nicht zu. Sie bestimmen zur Zeit die Themen.

SPIEGEL: Theodor W. Adorno hat einmal gesagt, nach Auschwitz sei es barbarisch, Gedichte zu schreiben. Darf man - können Sie - nach den Anschlägen noch Komödien drehen?

Allen: Nun, man soll das Ganze auch nicht überbewerten. Natürlich war der Terroranschlag ein furchtbares Verbrechen. Aber er wird mein Leben nicht verändern. Wir Amerikaner haben schon andere schreckliche Ereignisse erlebt, und wir sind damit fertig geworden. Wir sind ein großes, starkes Land. Die Attentate werden nichts daran ändern, was Amerikaner denken oder schreiben oder überhaupt machen. Schon jetzt ist die Stadt wieder an die Arbeit gegangen, in der Wall Street wird wieder gehandelt, es wird wieder Baseball gespielt, die Theater haben wieder geöffnet.

SPIEGEL: Aber alles unter Polizeischutz - wie im Krieg.

Allen: Ja, das Einzige, was sich verändert hat, sind die Sicherheitsmaßnahmen. Wir waren bisher zu sorglos; das wird sich jetzt ändern. Wir können es uns nicht mehr leisten, so lässig damit umzugehen.

SPIEGEL: Befürchten Sie nicht, dass sich die USA und insbesondere New York in einen Polizeistaat verwandeln könnten?

Allen: So weit wird es nicht kommen. Selbst die rigidesten Anti-Terror-Spezialisten fordern nichts, was daran erinnert. Natürlich gibt es Eingriffe in Bürgerrechte, keine schweren, aber es gibt sie. Bevor ich vergangene Woche in New York ins Flugzeug steigen konnte, musste ich durch sechs Sicherheitskontrollen. Das ist natürlich unangenehm und verursacht nervöse Spannungen, doch von einem Polizeistaat sind wir weit entfernt. Wir alle - mit Ausnahme natürlich der unglücklichen Seelen, die direkt von dem Anschlag betroffen sind - werden einfach wieder unser ganz normales Leben leben. Wirklich!

SPIEGEL: Es wird diskutiert, das World Trade Center wieder aufzubauen. Was halten Sie davon?

Allen: Ich würde es nicht wieder aufbauen, nur um ein Zeichen zu setzen. Wenn man allerdings nach gründlichen Überlegungen zu dem Ergebnis kommt: Ja, wir tun es - gut. Wenn man der Meinung ist, man sollte es lieber lassen - auch recht. Ich hänge nicht an einer Idee. Wir sind nicht verpflichtet, es genau so wiederherzustellen, um der Welt irgend etwas zu beweisen.

SPIEGEL: »Unter keinen Umständen verlasse ich New York länger als ein paar Tage« - gilt Ihr Credo auch noch nach dem 11. September?

Allen: Ich kann zwar nicht behaupten, dass ich mich in der Stadt so sicher fühlen würde wie vor den Anschlägen. Aber immer noch bringt mich nichts in der Welt dazu, auch nur Überlegungen darüber anzustellen, die Stadt zu verlassen. Keine Chance! Ich werde New York nicht verlassen. Niemals! Lieber werde ich von einer Rakete getroffen, als auf dem Land zu leben. INTERVIEW: MARIANNE WELLERSHOFF,

MARTIN WOLF

* Mit Diane Keaton in »Manhattan Murder Mystery« (1993).

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