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»Wir wollen das Bekannte«

Germanist Peter von Matt, 69, über die Lust an Fortsetzungen
aus DER SPIEGEL 6/2007

SPIEGEL: Odysseus kämpft seit Jahrtausenden um Troja, Spider-Man jagt immer wieder Verbrecher durch Manhattan. Warum langweilen wir uns nicht mit den immer gleichen Geschichten?

Matt: Das ganz Neue ist nicht interessant.

SPIEGEL: Wie bitte?

Matt: Interessant ist immer nur die Variation von etwas Bekanntem, und das Spiel mit der Aktualität macht den Reiz des Bekannten im Neuen aus. Wir selbst sind jeden Tag um eine Nuance anders, älter, klüger, enttäuschter, gewitzter und so weiter.

SPIEGEL: Das Alte unterhält uns also, weil unsere Perspektive sich ständig verändert?

Matt: Genau.

SPIEGEL: War das schon immer so?

Matt: Schon von »Don Quijote« gab es Fortsetzungen, bevor der Verfasser Cervantes selbst eine geschrieben hatte. Es gab neben der »Ilias« schon in der Antike weitere Epen um die Eroberung von Troja. Vergil hat massiv bei Homer abgekupfert, Dante bei Vergil. Und Joyce hat schließlich die ganze »Odyssee« in den Kneipen von Dublin spielen lassen. Alles urheberrechtlich heikle Fälle. Auch für alle großen Shakespeare-Stücke gibt es literarische Vorlagen.

SPIEGEL: Wenn das so ist: Wie viele Geschichten gibt es insgesamt?

Matt: Nur eine begrenzte Anzahl. Die Liebesgeschichte in der traurigen oder glücklichen Variante; die Intrigengeschichte, wo jemand durch List um Macht oder Besitz gebracht wird; die Abenteuergeschichte, wo der Held in die Welt fährt, um Drachen zu töten, Prinzessinnen zu befreien und irgendwann triumphierend heimzukehren. Im bürgerlichen Zeitalter kommt noch die Selbstwerdungsgeschichte hinzu, die aber eng mit dem Abenteuermuster verknüpft ist. Damit hat es sich schon. Aus den vier Mustern kann man fast die ganze Literatur generieren.

SPIEGEL: Es gibt nur vier Handlungen? Warum erfindet niemand neue?

Matt: Die Grundgeschichten sind mit unserem biologischen Leben und dessen unausweichlichen Konflikten verknüpft: Geborgenheit in der Kindheit, Loslösung und Aufstand, Kumpanei mit Gleichaltrigen, Partnersuche und Fortpflanzung, sozialer Machtkampf, Altern und Sterben. Da müssen alle durch. Und diese unveränderlichen Konfliktkerne glühen hinter jedem erfolgreichen Buch, Stück oder Film. Sie gehen uns alle an, auf Tod und Leben.

SPIEGEL: Der Mensch ist also nicht viel komplexer geworden über die Jahre?

Matt: Komplexer geworden ist die technische Umwelt, nicht das Seelenleben der Menschen. Im Gegenteil: Heute können die meisten Theater Shakespeare nur noch aufführen, indem sie seine Komplexität reduzieren. Ein Hollywood-Film folgt der Dramaturgie des griechischen Theaters, weil dieses die effizientesten Wirkungsregeln entwickelt und benannt hat: Exposition, Peripetie und Anagnorisis, Katastrophe. Diese kann man variieren, aber nicht verbessern. Man kann auch einen Rembrandt nicht verbessern.

SPIEGEL: Welcher Gedanke der letzten Zeit erscheint Ihnen denn ganz neu?

Matt: Das ganz Neue gibt es nur im Bereich des technisch-wissenschaftlichen Fortschritts: Herzverpflanzung, Atombombe, Internet ... Aber unsere Erfahrung der eigenen Existenz, ihrer Aufschwünge und Ausweglosigkeiten, ändert sich dadurch nicht. Über diese erfahre ich bei Sophokles, Shakespeare oder Dostojewski mehr als von sämtlichen Bloggern im Netz.

SPIEGEL: Ist es dafür im Informationszeitalter leichter, Mythen zu schaffen?

Matt: Mythen werden nicht gemacht, sie sind plötzlich da: Geschichten und Bilder, die in uns haften bleiben, ohne dass wir wissen, weshalb. Sie beweisen sich selbst.

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