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»Wir wollten einzigartig sein«

Die US-Schauspielerin Eva Marie Saint über das Geheimnis der klassischen Hollywood-Filme, Alfred Hitchcocks Vorliebe für kühle Blondinen und die Schattenseiten des Ruhms
aus DER SPIEGEL 32/2005

SPIEGEL: Ms Saint, in »Don't Come Knocking«, dem neuen Werk von Wim Wenders, verlässt ein Schauspieler fluchtartig einen Filmset - und reist zu seiner, von Ihnen gespielten, Mutter. Hatten Sie in Ihrer mehr als 50-jährigen Schauspielkarriere auch schon einmal den Wunsch, während der Arbeit einfach abzuhauen?

Saint: Du meine Güte, nein! Meine Einstellung ist da sehr altmodisch: Ich habe einen Vertrag unterschrieben, ich werde dafür bezahlt. Also mache ich meine Arbeit. Auch wenn es manchmal schwer fällt.

SPIEGEL: Sie hatten das Glück, mit den Besten Ihres Fachs zu drehen - Schauspielern wie Cary Grant, Marlon Brando und Paul Newman, Regisseuren wie Elia Kazan, Vincente Minnelli und Alfred Hitchcock. Jetzt mal ganz ehrlich: Reicht Wim Wenders an das Weltklasseniveau heran, das Sie gewohnt sind?

Saint: Himmel, Sie machen wohl Witze? So würde ich niemals denken. Hier in Hollywood werden Frauen für gewöhnlich weggeworfen, wenn sie über 37 Jahre alt sind. Den 37. Geburtstag habe ich nun schon eine Weile hinter mir. Aber ich habe immer weitergemacht. Das Schöne am Älterwerden ist, dass man mit Leuten arbeiten kann, die man noch nicht kennt. Außerdem haben mir meine Kinder zugeraten. Sie mögen Wenders' Filme sehr. Vielleicht sind sie nicht jedermanns Sache, aber das ist ja gerade das Wundervolle an ihnen. Er ist ein Kultregisseur.

SPIEGEL: Viele Zuschauer finden, Hollywood-Filme aus den fünfziger Jahren hätten generell mehr Klasse gehabt als aktuelle Produktionen. Denken Sie das auch?

Saint: Es war eine andere Welt. Das Publikum erwartet heute ganz andere Dinge: mehr Gewalt, mehr Sex. Nicht, dass es das in den fünfziger Jahren nicht auch gegeben hätte, aber anders. Viele Szenen in Hitchcocks »Der unsichtbare Dritte« etwa waren sehr sexy - dabei waren Cary Grant und ich immer voll angezogen. Trotzdem war es sehr suggestiv.

SPIEGEL: Etwa die Schlussszene: Eben sieht man Sie und Cary Grant noch küssend im Schlafwagen, und im nächsten Moment penetriert der Zug triumphal einen dunklen Tunnel.

Saint: Ich habe diese Szene zum ersten Mal bei der Premiere 1959 gesehen, mein Mann saß neben mir. Ich sagte zu ihm: »Ein bisschen sehr freudianisch, oder?«

SPIEGEL: Heutige Regisseure würden wohl weniger hintergründig vorgehen. Wenn man davon ausgeht, dass es heute in Hollywood wahrscheinlich sogar mehr Talente gibt als damals - warum sind ihre Filme nicht besser?

Saint: Früher gab es pro Film einen Produzenten, einen Drehbuchautor und einen Regisseur. Sie können sicher sein, dass Alfred Hitchcock immer das letzte Wort hatte - im Schnitt, bei der Musik, in allem. Heute hat jeder Film eine ganze Reihe von Produzenten, jedes Drehbuch wird von fremden Autoren umgeschrieben und wieder umgeschrieben. Es ist nicht mehr so, dass der Film am Ende die Vision eines Filmemachers repräsentiert. Viele Filme leiden jetzt darunter, dass zu viele Leute an ihnen herumgefummelt haben. Außerdem kosten die großen Filme so viel Geld, dass die Studios ungern Risiken eingehen.

SPIEGEL: Hollywood liefert nur das, was die Zuschauer vermeintlich möchten?

Saint: Genau. Gerade die Jüngeren sind leicht zu verführen mit immer reißerischeren Action-Filmen. Viele Produzenten zeigen darum immer mehr unverblümte Gewalt. Mir ist all das zuwider. Ins Kino gehe ich nicht mehr oft. Weil ich Mitglied der Academy bin, die die Oscars verleiht, bekomme ich zwar viele Filme auf DVD frei Haus. Aber die anzusehen ist oft kein Vergnügen. Es macht mich wahnsinnig, wenn ich sehe, wie einige unserer besten Schauspieler ihr Talent bei diesem Action-Mist vergeuden.

SPIEGEL: Womit wir bei »Superman Returns« wären, den Sie gerade in Australien gedreht haben.

Saint: Vergessen Sie alles, was ich eben gesagt habe. Das hat wirklich Spaß gemacht! Ich liebe Superman. Ich habe gern seine Mutter gespielt. Die Superman-Geschichte hat schließlich eine lange Tradition. Ich habe alle Filme im Kino gesehen.

SPIEGEL: Dabei ist das doch genau die Art von Mega-Action-Spektakel, die Sie so verabscheuen?

Saint: Ich weiß, ich weiß. Aber dieses eine Mal habe ich es gemocht. Wir haben sogar mit Feuer und Rauch gedreht, es gab Sauerstoffmasken für Notfälle, kurz: Es war alles sehr aufregend für eine alte Frau wie mich. Und außerdem: In all den Jahren der Filmerei hatte ich noch nie einen so großartigen Wohnwagen. Er war nagelneu, und alles an ihm funktionierte, sogar die Klimaanlage. Langsam begreife ich, warum die Filme heute so teuer sind.

SPIEGEL: Würden Sie im Hollywood von heute gern noch einmal jung sein?

Saint: Bloß nicht! Alles ist aus dem Ruder gelaufen. Früher kamen die Journalisten zu uns nach Hause für ihre Artikel über das Privatleben der Stars. Aber ich habe dabei immer darauf geachtet, dass meine Kinder nie im Bild zu sehen waren. Ich war auf vielen Titelbildern, etwa von »Life«, aber niemand hat sich deswegen wie ein Bohrer in mein Leben gedrängt. Schauen Sie sich an, wie sich Journalisten und Schauspieler heute benehmen. Und wie viel über sie geschrieben wird. Amerika ist jetzt auf kranke Weise besessen von Stars. Dabei verdienen sie all diese Aufmerksamkeit nicht. Sie sind nur Schauspieler - und nicht etwa Forscher, die den Krebs besiegen oder sonst etwas Großartiges tun.

SPIEGEL: Stars bekommen heute pro Film oft zweistellige Millionengagen. Sie haben für »Der unsichtbare Dritte« 2000 Dollar pro Drehtag verdient. Macht Sie das nicht doch etwas neidisch?

Saint: Ab und zu erwische ich mich dabei, dass ich sage: »Mein Gott, wofür bekommt eine Schauspielerin 20 Millionen Dollar?« Ich frage mich, ehrlich gesagt, was die Leute mit so viel Geld eigentlich machen.

SPIEGEL: Geld allein macht schließlich nicht glücklich. In Hollywood braucht man auch Villen, Yachten und Privatflugzeuge.

Saint: Ich brauchte das nie. Ich wollte einen lieben Mann und großartige Kinder, und beides habe ich bekommen.

SPIEGEL: Ein Star zu werden war nie Ihr Ziel?

Saint: Nein, ursprünglich wollte ich Lehrerin werden. Mit der Schauspielerei habe ich ganz klein angefangen, mit Werbespots und Statistenrollen beim Live-Fernsehen Ende der vierziger Jahre. Nur so, in kleinen Schritten, lernt man die Branche kennen - und nur dann bekommt man genug Selbstvertrauen für größere Aufgaben. Viele junge Schauspieler wollen heute gleich auf Anhieb große Rollen spielen und um jeden Preis berühmt werden.

SPIEGEL: Sie hatten die Chance, zum Superstar aufzusteigen, aber Sie haben sie bewusst ausgeschlagen. Haben Sie das je bereut?

Saint: Ich bin sehr zufrieden mit dem Gang meiner Laufbahn. Als ich 1965 mit Richard Burton und Liz Taylor »Die alles begehren« in Frankreich drehte, konnten die beiden das Hotel nicht verlassen. Sie waren förmlich eingesperrt. Aber ich konnte durch die Geschäfte bummeln, Brot und Käse kaufen, zum Strand gehen. Manchmal wurde ich erkannt, aber nie von Paparazzi verfolgt.

SPIEGEL: Millionen Menschen bewundern die wenigen Superstars. Dabei scheinen viele von ihnen in Wahrheit doch eher tragische oder bizarre Existenzen zu sein wie Michael Jackson, Liza Minnelli oder Tom Cruise. Was wird den Reichen und Berühmten der Showbranche zum Verhängnis?

Saint: Alle Welt misst ihnen so viel Wichtigkeit bei - und am Ende glauben manche Stars das dann selbst. Ihnen fehlt der Anker im Leben. Niemand sagt ihnen jemals »Nein«. Auch die Figur, die Sam Shepard

in »Don't Come Knocking« spielt, ist ja ein Star, der mit seiner Popularität nicht klarkommt - ein menschliches Wrack. Viele Leute sind all dem Geld nicht gewachsen - oder den Drogen. Hollywood war ja immer voll von Drogen. Manche dieser jungen Schauspielerinnen laufen herum mit Entouragen von sechs, sieben, acht Leuten, die über jeden ihrer Witze lachen und sie vollkommen von der Realität abschirmen. Das ist gefährlich. Ich habe nur einen Ehemann, einen PR-Mann, einen Anwalt und einen Agenten. Mehr braucht man nicht.

SPIEGEL: Sie sind seit 1951 mit demselben Mann, Jeffrey Hayden, verheiratet. Damit sind Sie eine Rarität in Hollywood.

Saint: Ich weiß. Wir haben Glück gehabt - etwa dass wir damals beide in New York lebten. Jeff sah mich in der U-Bahn, ihm gefiel mein Gang. Später begegneten wir uns wieder beim Fernsehsender NBC. Hier in Los Angeles wäre uns das nicht passiert, schon weil es hier keine richtige U-Bahn gibt. Es ist eine einsame Stadt. In Los Angeles sitzt jeder nur allein in seinem Auto. Kein Wunder, dass sich viele Leute auf Filmsets verlieben, diese Umgebung suggeriert Intimität. Aber Schauspielerehen gehen oft in die Brüche. Zwei Neurotiker zusammen, das geht nicht immer gut. (lacht)

SPIEGEL: Wie hat Ihr Mann es ertragen, wenn Sie vor der Kamera leidenschaftlich Männer wie Cary Grant oder Marlon Brando küssten?

Saint: Wäre ich mit einem Versicherungsmakler oder Arzt verheiratet, wäre der vielleicht eifersüchtig geworden. Aber als Regisseur hofft Jeff - auch er verehrte Cary Grant - für mich immer, dass ich an jedem Filmpartner eine attraktive Seite finde. Und ich bin noch bei jedem fündig geworden: Mal mochte ich die Stimme, mal die Augen, mal den Körperbau ... Aber ich habe den Männern nie erzählt, was es war.

SPIEGEL: Was war es bei Marlon Brando?

Saint: Marlon war wie ein Prinz, als ich mit ihm »Die Faust im Nacken« drehte. Er war so jung und schön und der beste Schauspieler, mit dem ich je gearbeitet habe. Es ist eine Tragödie, dass er sich später ganz zurückgezogen und den Spaß an der Schauspielerei verloren hat. Aber damals - es war mein erster Kinofilm überhaupt, und ich war entsprechend nervös. Besonders bei einer Szene, in der ich Marlon küsse mit kaum mehr an als einem Slip. Elia Kazan, der Regisseur, merkte, dass ich mich schämte. Erst als er mir »Jeff« ins Ohr flüsterte und ich an meinen Mann statt an Marlon dachte, war der Kuss so umwerfend, wie er sein sollte.

SPIEGEL: Sind Filmküsse überhaupt echte Küsse?

Saint: Zumindest vom körperlichen Einsatz her sind sie das vollkommen. Aber emotional fehlt oft etwas. Zum Glück, sonst würde man sich ja dauernd bei der Arbeit verlieben.

SPIEGEL: Brando ist vor einem Jahr gestorben. Hatten Sie nach »Die Faust im Nacken« noch Kontakt zu ihm?

Saint: Ich habe ihn zum letzten Mal auf einer Geburtstagsparty von Liz Taylor in den sechziger Jahren gesehen. Wir haben uns zur Begrüßung umarmt, und ich hatte den Eindruck, dass Marlon sich wirklich freute, mich zu sehen. Aber nur einen Augenblick später verschwand er in die andere Ecke des Raums, denn dort stand ein schönes, junges Mädchen aus Tahiti.

SPIEGEL: Gibt es heute noch männliche Stars wie Brando?

Saint: Oder wie Cary Grant oder wie Gregory Peck? Das waren noch Männer. Einige der heutigen Top-Schauspieler wirken auf mich eher wie Jungs.

SPIEGEL: Einige benehmen sich auch so. Tom Cruise zum Beispiel springt in Talkshows über Sofas und faselt dabei von Liebe.

Saint: Das möchte ich nicht kommentieren. Aber verliebt zu sein ist für mich ein sehr ruhiges, aufrichtiges, reifes Gefühl.

SPIEGEL: Alfred Hitchcock hatte eine Obsession für Blondinen wie Sie. Er behauptete, Blondinen seien mysteriöser.

Saint: Ich wünschte, ich wäre ein bisschen mysteriöser. Ich bin mehr wie ein offenes Buch.

SPIEGEL: Warum werden gerade Blondinen so verklärt? Brünette sind doch auch sehr schön.

Saint: Nicht wahr? In »Die alles begehren« spielte ich eine blonde Frau, die von Richard Burton verlassen wird - für eine Dunkelhaarige, nämlich Liz Taylor. Ich fragte Vincente Minnelli, den Regisseur: Warum ist es nicht umgekehrt? Seine Antwort: Blondinen würden niemals eine Familie zerstören. So ein Quatsch.

SPIEGEL: Blondinen haben in der Gegenwartskultur oft ein eher zweifelhaftes Image zwischen Über-Frau und Dummchen.

Saint: Wenn ich diese magersüchtigen Blondchen in den Magazinen betrachte, wundert mich das nicht. Sie sehen alle gleich aus. Als ich eine junge Schauspielerin war, wollte niemand aussehen wie irgend jemand anders. Wir wollten alle einzigartig sein. Wir wollten wir selbst sein.

SPIEGEL: Hitchcock war dennoch immer auf der Suche nach einem bestimmten Typ - den Sie oder auch Grace Kelly verkörperten. Stimmt es, dass er bisweilen zudringlich geworden ist?

Saint: Nicht mir gegenüber. Ich hatte zwei Wochen vor dem Beginn der Dreharbeiten zu »Der unsichtbare Dritte« mein zweites Kind bekommen. Tippi Hedren, die mit ihm »Die Vögel« und »Marnie« drehte, hat da andere Erfahrungen gemacht. Sie war noch sehr unerfahren, und für sie war die Begegnung mit Hitchcock nicht leicht. Aber mich hat er immer sehr sorgsam und sehr respektvoll behandelt.

SPIEGEL: Er soll Schauspieler gern als »Vieh« bezeichnet haben.

Saint: Aber nein, höchstens als »Schafe«. Hitch liebte Schauspieler. Er war ein sehr stilvoller Herr. Er trug sogar am Drehort immer einen Anzug mit Krawatte. Nur als ich mir einmal in einer Drehpause einen Kaffee in einem Styroporbecher holte, regte er sich auf. Er sagte: »Eva Marie, stell den Becher weg! Ich will nicht, dass du in einem Tausend-Dollar-Kleid vor dem ganzen Team aus diesem Ding trinkst!« Dann ließ er mir eine feine Porzellantasse bringen.

SPIEGEL: Sonst hatte Hitchcock keine Macken?

Saint: Doch. Seinen Frühstücksspeck ließ er sich eigens aus Dänemark einfliegen. Das hat mich damals sehr beeindruckt, aber ich war ja auch ein junges Ding.

SPIEGEL: Ms Saint, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Eva Marie Saint war die geheimnisvollste aller Hitchcock-Blondinen: In dem rasant-romantischen Thriller »Der unsichtbare Dritte« (1959) verführte sie als Geheimagentin Eve Kendall einen Werbemanager (Cary Grant) und kraxelte mit ihm über die Präsidentenköpfe am Denkmal Mount Rushmore. Bereits für ihre erste Kinorolle - in Elia Kazans Hafenarbeiterdrama »Die Faust im Nacken« (1954) an der Seite von Marlon Brando - hatte Saint einen Oscar gewonnen. Später arbeitete sie vor allem fürs Fernsehen. Jetzt kehrt die US-Schauspielerin mit gleich drei Filmen in die Kinos zurück: In Wim Wenders' Star-Parodie »Don't Come Knocking« (Start: 25. August) gibt sie die Mutter eines Westerndarstellers; in der Komödie »Winn-Dixie« (Start: 22. September) spielt sie eine Bibliothekarin; im Action-Spektakel »Superman Returns«, das zurzeit in Australien gedreht wird, verkörpert sie die Mutter des Comic-Helden. Eva Marie Saint, 81, seit 1951 mit dem Regisseur Jeffrey Hayden verheiratet und Mutter von zwei Kindern, lebt in Los Angeles.

Das Gespräch führten die Redakteure Marco Evers und Martin Wolf. * In »Die Faust im Nacken« (1954).

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