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»Wir zeigen auch das Verirren«

Frank Baumbauer über den Mut zum Scheitern, Zuschauerprotest gegen Gewalt auf der Bühne und seinen Münchner Start
aus DER SPIEGEL 43/2001

SPIEGEL: Herr Baumbauer, in Basel, in Hamburg und als Schauspielchef der Salzburger Festspiele haben Sie es zum erfolgreichsten Theaterleiter der letzten Jahre gebracht. Nun übernehmen Sie ein Haus, in dem über 20 Jahre lang ein und derselbe Mann einen bewusst konventionellen Stil prägte. Wollen Sie die Münchner nun mit wilden Theaterneuerungen schocken?

Baumbauer: Mir geht es um eine prinzipielle Offenheit, um einen Mut zum Ausprobieren. Das wird für manche traditionelle Kammerspiel-Besucher gewöhnungsbedürftig sein: weil sie jetzt nicht mehr die absolut abgezirkelte Perfektion von Theaterarbeit sehen werden, sondern den Weg und die Arbeit, und damit manchmal auch das Irren oder Verirren. Vor allem aber wollen wir den Kammerspielen eine neue Identität geben.

SPIEGEL: Warum beginnen Sie dann ausgerechnet mit einem Abend von Achternbusch - den gab es schließlich vorher auch schon an den Kammerspielen?

Baumbauer: Wir wollten die Auftakt-Erwartungen bewusst unterlaufen und nicht mit »Wallenstein« oder den »Räubern« anfangen. Den Druck einer solchen Eröffnung hält niemand aus. Achternbuschs »Daphne von Andechs« ist die erste von zehn Eröffnungspremieren - und für mich hat es einen gewissen Charme, mit einem Stück über München anzufangen. Einem Stück, in dem zwei Männer, die getrunken haben und berauscht sind, beschließen, weniger zu trinken und nicht berauscht zu sein und mit einem Esel wandernd einen neuen Blick auf München werfen.

SPIEGEL: Auch Ihr Blick auf München wirkt eher nüchtern. Wie beurteilen Sie, dass in der »Theater-Hauptstadt Deutschlands«, so die »Abendzeitung«, wegen einer eher gewöhnlichen Baumaßnahme ein hoch bezahltes Ensemble über Monate und Jahre kaum mehr zum Einsatz kam?

Baumbauer: In anderen Städten wäre dieses Abtauchen eines Theaters über so lange Zeit einfach nicht möglich gewesen. In Hamburg hätten sich das die Medien und die Politik einen Monat angeschaut, und dann hätten sich die Handelsleute zu Wort gemeldet. Hier in München gab es eine große Geduld, wohl weniger aus Treue zum Theater, sondern viel mehr aus ohnmächtigem Ärger und Resignation.

SPIEGEL: Gefällt Ihnen wenigstens das neue, nach skandalösen Fehlplanungen endlich fertige Haus, in dem Sie die meisten Ihrer Premieren präsentieren müssen, bis der alte Kammerspiele-Bau renoviert ist?

Baumbauer: Natürlich war ein Neubau für die Werkstätten und Probebühnen nötig, aber das neue Probengebäude ist ein hoch kompliziertes Haus. Wir müssen jetzt das Beste daraus machen.

SPIEGEL: Im Lauf Ihrer Karriere gab es immer wieder Skandale und Zuschauerproteste - etwa nach Aufführungen von Marthaler, Castorf und Schlingensief. Gehört ein gewisses Maß an Provokation auch in München zu Ihrem selbst gesteckten Auftrag?

Baumbauer: Mir geht es nicht um Provokation. Es geht um Neugier und, ganz wichtig, um Konsequenz. Wenn wir uns im Theater für einen Inhalt und eine Art des Erzählens entscheiden, dann müssen wir das auch durchhalten. Wo sehen Sie Provokantes in unserem Spielplan?

SPIEGEL: Zum Beispiel im »Macbeth« des katalanischen Regisseurs Calixto Bieito, den Sie aus Salzburg übernehmen, wo es wegen einer Szene, in der auf der Bühne die Schändung einer weiblichen Leiche angekündigt wird, im Sommer laute Tumulte gab.

Baumbauer: Das war nicht so beabsichtigt ...

SPIEGEL: ... aber bescherte Ihnen durchaus erwünschte Aufmerksamkeit.

Baumbauer: Das Spannende war doch, dass sich einige Menschen im Publikum über etwas erregten, was auf der Bühne gar nicht zu sehen war. Offenbar gibt es in den Köpfen der Menschen verdrängte Bilder der Gewalt, gegen die sie sich wehren mit Rufen wie »Die möchten wir nicht sehen!« Aber so was wollen wir und können wir doch gar nicht kalkulieren.

SPIEGEL: Wollen Sie bestreiten, dass die Krawalle um Aufführungen wie Castorfs »Wilhelm Tell« in Basel und Marthalers »Stunde Null« in Hamburg Ihren Ruhm als Theaterleiter gefördert haben?

Baumbauer: Nein. Aber ich will das nicht heroisieren. Glauben Sie wirklich, Proteste lassen sich planen? Das geht nicht. Manchmal denkt man als Theaterleiter einfach: »Das stimmt«, und dann zieht man es auch durch. Als wir in Basel die erste Spielzeit hinter uns hatten, stand um das ganze Theater in Riesenschrift gesprayt: »Baumbauer raus! Ausländer raus!« Natürlich hatten wir einige für die Schweizer ungewohnte Aufführungen gezeigt - und doch ist man jedes Mal wieder überrascht, wie stark sich Menschen davon irritiert und provoziert fühlen.

SPIEGEL: Wie lange Zeit geben Sie sich, um in München wirklich erfolgreich zu sein? Gilt für Ihr Theater der einst auf Frank Castorfs Berliner Volksbühne gemünzte Spruch »In zwei Jahren seid ihr entweder berühmt oder tot«?

Baumbauer: Vielleicht. Wir sind schließlich im Süden. Hier ist - ob in München, Wien oder Salzburg - die Situation komplizierter als etwa in Hamburg. Dort gibt es diese oft auch nervende Toleranz und eine Offenheit, hier äußert sich eher ein Besitzanspruch von Menschen, die sagen: »Das ist unser Theater, und in dem wollen wir dies und das nicht haben.« Es wird Auseinandersetzungen geben, da bin ich sicher.

SPIEGEL: Wie wollen Sie dagegen angehen, dass Sie für viele im Münchner Kultur-Establishment der Mann sind, der den sich zum Märtyrer stilisierenden Theatermann Dieter Dorn verjagt hat?

Baumbauer: Ich habe ihn nicht verjagt. Nein. Und ich habe gute Nerven.

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