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MEDIZIN / HERZVERPFLANZUNGEN Wirres Knäuel

aus DER SPIEGEL 35/1968

Joao Ferreira da Cunha, 23, Patient j im Hospital das Clinicas zu San Paulo, saß in seinem Bett und klimperte auf der Gitarre. Das Radiogerät neben ihm brachte Nachrichten.

Da schreckte eine Meldung den Kranken auf. Ärzten in Sao Paulo. so berichtete der Rundfunksprecher, sei vor einigen Tagen die erste Herzverpflanzung in Lateinamerika gelungen -- bei einem Patienten namens Joao Ferreira da Cunha.

Da Cunha, der eine Woche zuvor

am 26. Mai -- operiert worden war, rief seine Pflegerin: »Von wem ist da im Radio die Rede?« Die Krankenschwester zeigte sich verwundert: Wieso -- von Ihnen natürlich.

Aus dem öden Hochland von Mato Grosso im Westen Brasiliens war der Cowboy da Cunha im April nach Säo Paulo gereist. In seiner Brust hämmerte unerträglicher Schmerz, als er sich mit letzter Kraft ins Hospital das Clinicas schleppte.

Als ihn dort der Chirurg Euriclides de Jesus Zerbini fragte, ob er einer Herzverpflanzung zustimmen würde, gab da Cunha blindlings seine Einwilligung: »Ja, was Sie wollen, wenn nur die Schmerzen aufhören -- verstanden aber hatte er offenbar nichts.

Der Fall des Cowboys da Cunha. über den das US-Medizinerblatt »Medical World News« berichtete, verdeutlicht ein Problem, das in der Diskussion um die Herztransplantationen bislang kaum erörtert wurde: die Frage, ob die Ärzte den Empfänger eines fremden Herzens über alle möglichen Folgen und Gefahren des Eingriffs aufklären sollten.

Überall in der Welt haben sich in den letzten Wochen die Wissenschaftler darum bemüht, jenes Knäuel aus ethischen und juristischen Fallstricken zu entwirren, das die Ärzte seit der Pioniertat des Professors Barnard beunruhigt. Fast immer aber galt dabei die Sorge der Mediziner vor allem dem Spender, weniger dem Empfänger eines Herzmuskels.

So verfaßten Anfang August in Australien die Mitglieder der internationalen Ärzte-Vereinigung World Medical Association« die »Deklaration von Sidney« sie enthält vor allem Richtlinien zum Schutz des Organspenders. Der Tod des Spenders bei einer Herzüberpflanzung soll danach künftig von zwei Ärzten festgestellt werden, die dem Operationsteam nicht angehören dürfen. Zu einem ähnlichen Resultat kam Anfang des Monats ein Untersuchungskomitee der amerikanischen Harvard-Universität.

In Texas schließlich, wo der Chirurg Denton Cooley ("Der schnelle Texaner") letzte Woche seine zehnte Herzverpflanzung vornahm (Operationsdauer: 80 Minuten), diskutierten Ärzte und »Juristen einen Gesetzentwurf, der die Rechtslage bei Organtransplantationen eindeutig fixieren soll. Mordopfer, so forderten einige Befürworter des Gesetzes, sollen künftig als Herz-Spender ausgeschlossen werden. Bei einer seiner früheren Herzübertragungen hatte Chirurg Cooley den Herzmuskel eines Mannes überpflanzt. der in einer Bar erschlagen worden war.

Mit den juristischen Komplikationen bei der Herzverpflanzung hatten sich auch deutsche Ärzte im April auf dem 85. Chirurgen-Kongreß in München befaßt. Dort erörterten die Mediziner erstmals auch die Aufklärungspflicht. die der Arzt dem Organ-Empfänger gegenüber zu beobachten habe.

Pupillenklare Aussprache mit dein Patienten. so formulierte der Heidelberger Chirurgie-Professor Karl Heinrich Bauer, müsse »Gewissenspflicht der Mediziner sein -- ein Gebot. das Herzchirurg Zerbini aus Säo Paulo im Fall da Cunha offenkundig mißachtet hat,

Zerbini freilich glaubt. seinen Verstoß mit guten Gründen rechtfertigen zu können: Analphabet da Cunha wäre--auch bei klarem Bewußtseinschwerlich fähig gewesen, die mit einer Herzverpflanzung verbundenen Risiken zu begreifen. Überdies, so glaubt Zerbini, würde die Aufklärung für einen Patienten wie da Cunha eine seelische Belastung dargestellt haben, die seine Genesung möglicherweise eher gefährdet hätte.

Es war indes gerade die unbedachtsame Einfalt, die dem Cowboy schließlich zum Verhängnis wurde. Da Cunha, der sich in der dritten Woche nach der Operation bereits gut erholt hatte, verließ ohne Erlaubnis sein Bett und lief im Zimmer umher.

Am 22. Juni starb er; nicht an der gefürchteten Abstoßung des fremden Herzens, sondern an einem -- bei strikter Bettruhe wohl vermeidbaren

Blutgerinnsel in den Gefäßen, an einer Embolie.

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