Samira El Ouassil

Wladimir Putin Feedbackloops eines isolierten Tyrannen

Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
Ein Tyrann regiert ohne Korrektiv – so auch Wladimir Putin: Weil er keine Kritik bekommt, bleibt er in der Rückkopplungsschleife seiner eigenen Fiktion stecken, die da heißt: »Die Ukraine existiert nicht wirklich.«
Wladimir Putin auf einem Demoplakat in Barcelona

Wladimir Putin auf einem Demoplakat in Barcelona

Foto: Joan Valls / NurPhoto / picture alliance

Stadtplaner einer Gemeinde in Kalifornien versuchten 2003 Autofahrer dazu zu bewegen, nicht mit überhöhter Geschwindigkeit durch eine Schulzone zu rasen, in der es häufiger zu Todesfällen gekommen war . Man versuchte es mit auffälligen Warnschildern, dann durch die Präsenz der Polizei und durch strengere Bestrafung. Die Zahl der Unfälle änderte sich kaum. Schließlich probierte man etwas anderes: Man stellte Anzeigen auf, die den Fahrern nicht nur die erlaubte Höchstgeschwindigkeit, sondern auch das eigene Tempo vermittelten. Feedback in Echtzeit. Was wir natürlich auch hier in Deutschland kennen, wurde dort genauer betrachtet und zum Erfolgsmodell. Anfangs wurden die Geschwindigkeitsanzeigen noch schief beäugt, zumal keine Bestrafung erfolgte, sondern den Fahrern lediglich diese Information mitgeteilt wurde, die sie ohnehin auf ihrem Tacho ablesen konnten. Aber es funktionierte. Durchschnittlich fuhren alle 14 Prozent langsamer. Der Effekt einer Rückkopplungsschleife, die zu einem veränderten Verhalten führte.

Diese kleine Anekdote als Einstieg, um zu fragen: Wie sieht das in anderen gefährlichen Situationen aus, in denen Menschen kein Korrektiv zur Verfügung steht, das ihnen ihr eigenes Verhalten auf eine Art spiegelt, die sie zu einer Verhaltensänderung mobilisieren könnte? In Situationen, in denen durch unkritisiertes Handeln Menschen sterben, tödliche Fehler begangen und in Kauf genommen werden, die mangels Spiegelung und Einsicht nicht als solche wahrgenommen werden? Möglicherweise mag ihnen diese Überleitung wie ein Auffahrunfall erscheinen – schließlich wird in diesen Tagen auch viel über das Autofahren und hohe Spritpreise diskutiert. Aber mich führen diese Gedanken zu einer politischen Figur, die per definitionem kein Korrektiv von außen kennt: dem isolierten Tyrannen.

Dem isolierten Tyrannen kann und möchte niemand ein Korrektiv sein – allein aus purer Angst – weshalb dieser Fehler macht, die ihn immer tiefer in eine eigene Rückkopplung seines bedrohlichen Verhaltens drängen. Und das führt mich zu Putin, der das Töten offenbar großzügig in Kauf nimmt. Kann man ihn in seiner kriegerischen Isolation als einen Tyrannen bezeichnen? Eine schnelle Antwort lautet, nach Aristoteles: natürlich.

Der Philosoph betrachtete in seinem Buch »Politik« die »Tyrannis« als »die schädlichste Staatsform«  für die Bürger. Der Tyrann, den er beschrieb, ignoriert die Existenz des Gemeinwohls wie auch der öffentlichen Angelegenheiten. Er verwechselt den Staatshaushalt mit seinem Vermögen, instrumentalisiert die Justiz, um sein persönliches Verlangen zu verwirklichen. Er herrscht mit Gewalt, Einschüchterung, Terror und verkörpert eine Pathologie der Politik, deren Unberechenbarkeit darauf abzielt, mit permanenter Angst zu regieren. Dabei ist es unerheblich, ob er die Macht mit Gewalt an sich gerissen oder ob er eine ursprünglich demokratische Wahl missbraucht hat. Nichts begrenzt diese Maßlosigkeit der Macht, nur konkurrierende Kräfte benachbarter Tyrannen. Die Korrektur auf öffentlicher oder politischer Ebene erfolgt nicht oder nur sehr leise, denn die Angst vor der Bestrafung durch den Tyrannen ist nicht nur enorm, sondern berechtigt – und wenn sie zu laut erfolgt, wird sie sofort zum Verstummen gebracht. Somit werden Fehler zu Heldentaten verklärt, Launen zu Gesetzen, Fantasmen zur nationalen Aufgabe, Presse zu Propaganda. Je unangreifbarer sich der Tyrann macht, desto mehr isoliert er sich. Je mehr er sich isoliert, desto mehr wird er zum Tyrannen. In seinem Stück »Macbeth« hat Shakespeare diese Entwicklung vom Kämpfer zum einsamen Tyrannen beispielhaft dramatisiert.

Man nimmt wahr, wie sehr sich Putin dabei vor allem an der historischen Wahrheit abarbeitet. Es ist bekannt, dass er von allen abgeschnitten ist, gefangen in der Angst, die er selbst verbreitet. Seine gegenwärtige Abgeschirmtheit sei »eine Hauptsorge«, zitiert NBC einen mit Russland vertrauten Diplomaten: »Wir glauben nicht, dass er realistische Einblicke hat in das, was gerade passiert«.

Mit der eigenen Revision der Geschichte überzeugte er sich davon, dass Russland immer noch vom Westen gedemütigt wird und dass die Ukraine als Nation nicht existiert. Nachdem er 2021 die NGO »Memorial«, welche die Erinnerung an die politisch Verfolgten zur Zeit der Sowjetunion bewahrt, aufgelöst hat , bombardierte das russische Militär nun Anfang März die Shoa-Gedenkstätte Babyn Jar.

Mit der Zerstörung der Geschichte löscht er nun auch die historischen Korrektive aus. Es ist, als wollte er nicht an die Fehler der Vergangenheit erinnert werden und die Warnschilder beseitigen.

Susanne Schattenberg, Direktorin der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, erklärte dem NDR zur Auflösung der Nichtregierungsorganisation »Memorial«, welche unter anderem 3,5 Millionen Lebensgeschichten von Opfern des Stalinismus archiviert hat:

»Das ist sicherlich eine Katastrophe, weil damit das Gewissen oder so eine letzte Instanz einfach wegbricht, also die letzten Mahner, die immer wieder versucht haben, gegenzusteuern gegen Geschichtsklitterung, gegen zu viel Großmachtsfantasien und einen ungesunden Patriotismus. Für die Organisation selbst ist es auch schwierig, weil sie ein riesiges Archiv hat, ein riesiges Wissen. Die Frage ist, was mit den ganzen Experten passiert, die sich dort versammelt haben. […] Aber das ist schon eine gewaltige Zäsur, wenn ›Memorial‹ selber nicht mehr in Russland aktiv sein könnte.«

Zwei Impulse lässt Putin allerdings zu: die des konservativen Religionsphilosophen Iwan Iljin  aus dem 20. Jahrhundert, der argumentiert, dass man einen Anführer mit seiner Stimme nur unterstützt und bekräftigt – nicht etwa wählt. Eine Philosophie, die Slavoj Žižek als »eigene Version des russischen Faschismus« beschreibt .

Und aktuell den Philosophen und Anhänger des sogenannten Eurasianismus, Aleksandr Dugin, der erklärt: »Die Postmoderne zeigt, dass jede sogenannte Wahrheit eine Frage des Glaubens ist. Wir glauben also an das, was wir tun, und wir glauben an das, was wir sagen. Und das ist die einzige Möglichkeit, um die Wahrheit zu definieren. Wir haben also unsere spezifische russische Wahrheit, die Sie akzeptieren müssen.«

Weiter sagt er der BBC: »Wenn die Vereinigten Staaten keinen Krieg beginnen wollen, müssen sie anerkennen, dass die Vereinigten Staaten nicht mehr der einzige Herrscher sind. Und [mit] der Situation in Syrien und der Ukraine sagt Russland: ›Nein, ihr seid nicht mehr der Boss.‹ Das ist die Frage, wer die Welt beherrscht. Nur ein Krieg kann das wirklich entscheiden.«

Als isolierter Tyrann reagiert Putin mit seinen ausgewählten Bettphilosophen in der Rückkopplungsschleife seiner eigenen Fiktion – was jede Umkehr erschwert bis verunmöglicht, denn die beiden wesentlichen Lügen, auf denen er seinen Krieg begründet, lauten:

  1. »Die Ukraine existiert nicht wirklich.«

  2. »Die Ukraine wird von Nazis regiert.«

Ergo: »Die Ukraine wird sich schnell ergeben.«

Die Ergebnisse dieses Krieges sind nun aber:

  1. Mehr Menschen als zuvor können sagen, wo die Ukraine liegt. Sie existiert nicht nur staatlich, sondern weltweit medial und in den Köpfen vieler Menschen. Eine Art geopolitischer Streisand-Effekt.

  2. Die Weltöffentlichkeit lernte den demokratisch gewählten Präsidenten Selenskyj kennen, respektiert und bewundert ihn als Held der liberalen Welt. Er ist die Personifikation einer großen Niederlage Putins im politischen Krieg, auch wenn dieser militärisch noch ausgefochten wird.

»Diese Niederlage kann ja aber gar nicht sein!«, erklärt nun der isolierte Tyrann beharrlich. Schließlich gelten ja MEINE 1. und 2.! Sein Denken und Handeln verharrt in der Tautologie der Kriegslogik einer Person in einer Echokammer. Das Echo: »Die Ukraine kann gar nicht gewinnen, denn es gibt sie ja nicht, sie gehört zu Russland!« Dieses Fantasma muss unter allen Umständen verteidigt werden, und alles, was sich seinem Mythos in den Weg stellt, vernichtet. Aristoteles schrieb über den Tyrannen: Er »fängt auch gern Kriege an, damit die Unterthanen keine Musse behalten und fortwährend eines Anführers bedürfen.«

Ich habe keine Hoffnung, dass im Falle Putins irgendwelche Signale aus dem näheren Umfeld einen Kurswechsel bewirken können und gehe natürlich davon aus, dass er die Zahl seiner Todesopfer kennt. Er überfährt gerade ein Land und dessen Bevölkerung und gibt den Verkehrsschildern die Schuld dafür. Und der Nato bleibt momentan nur das Strafzettelausstellen.