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PHILOSOPHIE / JESUITEN Wo ist der Chef?

aus DER SPIEGEL 12/1968

Am Donnerstag vorletzter Woche gab es bei der alljährlich stattfindenden Festakademie zu Ehren des heiligen Thomas von Aquin (um 1225 bis 1274) in der Jesuiten-Hochschule für Philosophie in Pullach bei München drei Novitäten.

Zum erstenmal war Werner Heisenberg, Primus der deutschen Physiker, zu Gast. Zum erstenmal auch stand im Refektorium eine Tischkarte mit der Aufschrift »SPIEGEL« -- für manchen Pater ein Anlaß zu Spaß und Selbstironie.

Den Clou des Thomas-Festivals aber lieferte der hauseigene Philosoph Professor Wolfgang Büchel: Er attackierte vor dem Provinzial der süddeutschen Jesuiten, Pater Krauss, bislang als nahezu sakrosankt geltende Grundsätze der offiziösen Kirchenphilosophie und propagierte eine neue Theorie über Geist und Materie.

Die einst als eine Truppe von Dunkelmännern und als Avantgarde der Orthodoxie apostrophierte »Societas Jesu« gilt seit rund zwei Jahrzehnten als die Avantgarde des Modernismus in der Kirche.

Das neue Bild der Jesuiten-Gesellschaft prägen Ordensleute wie

> Karl Rahner, Professor in Münster und Wortführer eines Dialogs zwischen Christen und Kommunisten;

> Pierre Teilhard de Chardin, über den das französische ZK-Mitglied Roger Garaudy schreibt: »Pater Teilhard und der marxistische Philosoph sind auf demselben Wege gegangen«;

> Augustin Kardinal Bea, der alle Christen zu Brüderlichkeit und Einigkeit auffordert und bei Nichtkatholiken mehr Popularität genießt als je ein Kardinal der Kirchengeschichte vor ihm;

> Gustav Wetter, Vatikan-Experte für eine objektive Kommunismus-Forschung.

Dem neuen Ordensbild entspricht die Erziehung der Zöglinge. War früher die lange, schwarze Soutane obligates Ordensgewand, so sind heute bunte Pullover und modische Anzüge der Dernier cri. Philosophische Disputationen wurden früher in Latein abgehalten, heute in Deutsch. Und Jung-Jesuiten können jetzt auch Vorlesungen über Atomphysik, moderne Biologie, Soziologie und Politologie hören.

Die Pullacher Patres besitzen einen-Swimming-pool für 34 000 Mark -- ausgehoben von Bulldozern amerikanischer Pioniere, zwei Fernsehzimmer: »Solo für O. N. C. E. L. ist nicht besonders gut, Emma Peel sehen wir lieber.« Statt der früher ehrfürchtig geflüsterten Frage, wo der Pater Rektor sei, ruft man heute laut nach dem »Chef«.

Sechs Jesuiten-Studenten haben sogar im Herbst letzten Jahres eine Kommune gegründet. Sie studieren an der Münchner Universität, wohnen in einem gemieteten Einfamilienhaus, kochen selbst und verwalten ihren eigenen Etat, den sie durch den Verkauf von selbst hergestellten Kurzfilmen aufbessern -- für 15 000 Mark hat das Bayerische Fernsehen ihren ersten Film erworben.

Selbst angesichts der veränderten Lebensbedingungen des Jesuitenordens überraschte Professor Büchels Angriff auf die philosophische Tradition der Gesellschaft Jesu.

Seit dem Begründer der offiziösen Kirchenphilosophie Thomas von Aquin gilt die Materialität des Menschen als Wurzel seiner Räumlichkeit und Zeitlichkeit. Gegenüber dem Geist, der Raum und Zeit beherrscht, galt die Materie als minderwertig, als etwas, das determiniert und der Zeit unterworfen ist. Nur der Geist vermag sich über die Zeit zu erheben.

Diese Ansicht führte zu einer Überbewertung des Geistigen. Materielle Bedürfnisse wurden als teuflisches Blendwerk verabscheut. Soziale Bewegungen, welche die materiellen Lebensbedingungen der Menschen verbessern wollten, galten als Widersacher einer Hierarchie der Werte, die sich auf den Vorrang des Geistigen gründete.

Diesem Materie-Begriff widersprachen aber die Ergebnisse der modernen Naturwissenschaften. Die Elementarteilchen, so stellten die Physiker fest, verhalten sich rätselhaft, zumindest aber nicht determiniert.

Noch rätselhafter wurde die Materie für Physiker und Philosophen, als Albert Einstein 1935 ein erstaunliches Experiment beschrieb: In die Bahnen zweier aus dem Zerfall eines Positrons (positiv geladenes Teilchen) entstandener Lichtquanten wird je ein Meßapparat gestellt, der für verschiedene Messungen eingerichtet ist. Solange die Lichtquanten noch nicht in die Apparate eingetreten sind, können die verschiedensten Messungen eingestellt werden.

Die beiden Lichtquanten »wissen« also noch während ihres Fluges nicht, welche Meßeinstellungen sie antreffen werden. Gleichwohl reagieren beide Lichtquanten synchron.

Einstein schloß daraus, daß die beiden Quanten für alle möglichen Messungen »eine eindeutige Festlegung in sich tragen« (Büchel).

Demgegenüber errechnete jedoch der amerikanische Physiker J. 5. Bell im Jahre 1964, daß die Lichtquanten keineswegs für jede Art von Messung determiniert sind, und stellte die Frage, welchen Gesetzen die Quanten gehorchen.

Eine Determination der Elementarteilchen war ausgeschlossen, ebenso eine Wechselwirkung in der Weise, daß das eine Quant dem anderen signalisiert, wie es sich im Zeitpunkt des Eintritts in den Meßapparat verhalte.

Philosoph Büchel zog die Konsequenz aus dem Einsteinschen Experiment: »Die Lichtquanten können »hellsehen'.« Sie »wissen« bereits im Zeitpunkt ihres Abfluges, welche Messung der Experimentator später vornehmen wird.

Daraus ergibt sich, so folgert der Jesuit, daß die Materie ebenso wie der Geist über die meßbare Zeit erhaben ist, daß sie gleichwertig ist mit dem

* Von links: Jesuiten-Provinzial Krauss, Heisenberg.

von Raum und Zeit unabhängigen Geist.

Damit erschütterte Büchel das Fundament, auf dem bislang der Primat des Geistes und damit auch der sozialen Rangordnung aufgebaut war.

Während Professor Heisenberg Büchels neuen Materie-Begriff behutsam als einen Versuch charakterisierte, »etwas zu erklären, was die Physiker nicht erklären können«, bejubelten die Jung-Jesuiten auf den Hinterbänken die Büchel-Attacke gegen die herrschende Kirchenphilosophie.

Jesuit Büchel: » Ein undogmatischer Materialismus hat große Chancen, die Geistphilosophie abzulösen.«

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