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FILM Wo ist der Honig?

»Flügel und Fesseln«. Spielfilm von Helma Sanders-Brahms. Deutschland/Frankreich 1984; 116 Minuten; Farbe. *
Von Urs Jenny
aus DER SPIEGEL 19/1985

Isabelle, die berühmte Filmschauspielerin, geht mit ihrer kleinen Tochter am Strand der Normandie spazieren. Sie begraben eine tote Möwe, die sie gefunden haben, und die Mutter erzählt ihrem Kind, daß sie einst, als sie selbst noch so ein kleines Mädchen war, in einem Film viele tote Sachen begraben hat: »Das war mein schönster Film.«

Kommt da die seit gut einer Kinostunde herbeigesehnte dramatische Wende? Kübelweise ist Isabelle von Vater und Mutter, bei denen sie zu Besuch ist, mit Haß überschüttet worden, weil in den Augen der Eltern die Schauspielerei nur ein Hurengewerbe ist. Stellt sich nun, überraschend, heraus, daß die Eltern selbst ihr Kind schon in zarter Minderjährigkeit diesem Gewerbe zugeführt haben?

Irrtum, Irrtum. Es war bloß eine Verwechslung: Die Schauspielerin Brigitte Fossey, die einst als Kinderstar der »Verbotenen Spiele« berühmt geworden ist, hat (kurz und folgenlos) sich selbst mit der Schauspielerin Isabelle verwechselt, die sie in dem Film »Flügel und Fesseln« von Helma Sanders-Brahms darstellt.

Natürlich ist das kein Versehen, sondern es steckt darin die Hoffnung der Regisseurin, eine durchaus konstruierte Geschichte mit Kunstfiguren würde an sogenannter Wahrheit gewinnen, wenn man einen Happen Privates, Autobiographisches hineinmanscht - auch wenn dann nichts mehr mit nichts zusammenstimmt.

So darf auch Hildegard Knef, die als Isabelles Mutter eine in vierzigjährigem Ehetrott versauerte und auf kleiner Haßflamme verschmorte Spießerin darstellen soll, sich ab und zu mit der unverwüstlich vitalen Show-Frau Hildegard Knef verwechseln, darf sich sogar in einer großen Song-and-Dance-Nummer produzieren: Ein Orchester rauscht auf, das bescheidene Eigenheim scheint sich zur Bühne zu weiten - wie schön, nur welcher Film ist das nun wieder?

Bloß Ivan Desny, der elegische Zivilist, gerät kaum in Gefahr, sich mit dem General i. R. und Haustyrannen zu verwechseln, der seine Rolle ist. Er sitzt in dem Haus, das doch seines sein soll, immer nur wie ein verlegener Gast auf der Sofakante und zieht bekümmert den Kopf ein, wenn Frau und Tochter einander mit Haß befetzen. Er weiß schon: Wenn die beiden erst blau genug sind, sinken sie, in Selbstmitleid zerfließend, einander wieder in die Arme.

»Flügel und Fesseln« ist also ein Familien-Selbstgerichts-Drama großen Stils, eines, wo die Beteiligten sich schon über die Frühstücksbrötchen weg schreckliche letzte Wahrheiten ins Gesicht schleudern ("Und überhaupt, wo ist der Honig?"), und vor allem ein Vollbad in Mutter-Tochter- und Tochter-Mutter-Haß.

Helma Sanders-Brahms hat dieses Drama mit besessenem Ernst beschrieben und inszeniert, mit Mut zur Lächerlichkeit, mit feurigem Atem und noch mehr heißer Luft - und hat sich dabei schrecklich in den Dimensionen ihres Themas verschätzt: Das Dilemma einer alleinstehenden Frau zwischen Karriereehrgeiz und Mutterpflichten ist nicht auf die hohen Stelzen der Tragödie zu hieven, auch wenn die Frau eine Berufstragödin ist und sich gern mit Kleists Penthesilea verwechselt. Mit Kleistscher Unbedingtheit, Kleistschem Selbstzerfleischungsfuror läßt sich die Frage, wer nach dem Frühstück mit Geschirrspülen dran sei, nicht lösen. Urs Jenny

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