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»Wo ist der Schmunzelhase?«

Nahaufnahme: Deutschland sucht sein nächstes Top-Model - Heidi Klum gewinnt in jedem Fall.
Von Rebecca Casati
aus DER SPIEGEL 9/2007

Eine Ausfallstraße, im doch eher unschönen Kölner Stadtteil Riehl. Vor der Tür schnorren ein paar Türkenjungs Zigaretten. Der Februarwind schürft ein leeres Fläschchen »Kleiner Feigling« übers Pflaster. Die Tür des Fotostudios bewacht Lars, Bodyguard von Heidi Klum.

Die Stimmung hier ist für einen Aschermittwoch im Rheinland durchaus emsig. Es zupft, stäubt, raschelt. Die Mädchen fiepen. Die Heidi kommentiert. Der Seal guckt in den Computer. Vier Folgen der neuen Staffel der Pro-7-Show »Germany's Next Topmodel« sind schon im Kasten, neun weitere werden es noch. Es gibt keine großen Unterschiede zur ersten Staffel. Die Mädchen müssen Aufgaben lösen und werden ausgesiebt.

Heute lautet die Aufgabe: Fallen. Mädchen zum Set, Mädchen aufs Podest, Mädchen wird fotografiert, wie es in vollem Ornat auf eine dicke Turnmatte plumpst. Und wird dabei gefilmt, wie es fotografiert wird.

»Du kommst zu viel mit Schmackes«, sagt Heidi zu einer Brünetten, die sich jedes Mal so eifrig vom Podest abstößt wie eine dressierte Robbe vom Beckenrand. »Ich will ja nicht, dass das Kleid kaputtgeht«, wirft die ein. Gibt das jetzt einen Pluspunkt fürs Nicht-auf-den-Mund-gefallen-Sein? Nee. »Überleg lieber noch mal mit deinem rechten Arm. Das Kleid kannst du einfach mitanheben.« Nach dem siebten Sprung reibt sich das Mädchen die nackte Schulter: »Mit dem Arm passiert aber nichts? Dass der bricht oder so?« Verständnislosigkeit bei den Experten. Angst vor Armbruch? Wenn das mal nicht Abzüge in der Disziplin »Zähigkeit« bringt.

Die Nächste ist blond. »Wo ist der Schmunzelhase?«, fragt Heidi. »Lass ihn raus!« Das sage sie oft, das mit dem Hasen: »Es darf ruhig auch mal süß aussehen.«

Wer sie so ansieht, denkt dasselbe. Heidi Klum ist nicht atemberaubend, betörend oder bedrohlich. Sie ist süß. Sie plappert. Sie jodelt. Sie singt deutsche Kinderlieder, gern dann, wenn gerade kein anderer redet. Das Einzige, was Heidi Klum wirklich über sich preisgibt: Sie ist wohl ein bisschen stolz auf ihre Stimme.

15 Minuten Interview gibt es mit ihr, »wir haben dafür extra die Produktion unterbrochen«, heißt es feierlich. Vater Klum, in Heidis Birkenstocksandalen, und ihr persönlicher Assistent quetschen sich auch schnell mit rein in den kleinen Interviewraum. Der Heidi-Motor läuft. Die Frau ist gescheit und antwortet Unverfängliches. In gemütlichem Singang, akzentuiert von dem, was die Rheinländer statt eines Punktes benutzen, dem »näähh«.

Es ist die volle Kontrolle; internationales Profitum plus gezücktem Regional-Joker.

Hat sie überhaupt Kontakt zur Modelszene? Zu »Vogue«-Stars wie Gemma Ward und Jessica Stam? Zu den Osteuropäerinnen, die auf jeder wichtigen Schau laufen, klapprig wie der Tod auf Stelzen?

»Ich weiß gar nicht, was die Model-szene ist.« Das kam ein bisschen sehr trotzig rüber. Merkt sie auch gleich, schadet nichts, die nächsten Sätze drängeln schon hinterher: »Ich glaube jedenfalls, ich war noch nie in der Modelszene. Die gibt es eher in Mailand. Unter den Laufsteg-Mädchen. Ich hab eine ganz andere Schiene.« Die wird nicht verlassen. Lässt sich die »Vogue« von ihren Gewinnern beeindrucken? Ohne Zögern: »Das müssen Sie die fragen.« Lena, die Gewinne rin vom letzten Mal, ist jedenfalls gerade auf dem Cover von »TV-Spielfilm«.

Ihre Sendung würde Magersucht fördern, warf die Presse Heidi Klum bei der letzten Staffel vor. Tatsächlich sieht hier kein Mädchen magersüchtig aus. Die Wladas und Nataschas, die gerade in Mailand die Mode von Marni vorstellen, wären hier vielleicht nicht mal in die engere Auswahl gekommen. Was umgekehrt wohl genauso gilt. Mit anderen Worten: Dies hier ist die fernsehgerechte Modelwelt-Version. Es wird nach Selbstbewusstsein gecastet, vom Buffet gegessen. Und es wird geschmunzelt. Es ist die Abbildung der Abbildung der Abbildung. Und der Erfolg ist die Rache der Masse an den Snobs.

Heidi entschuldigt sich nun: »Ich muss ja immer bei allen dabei sein, sonst heißt es: ungerecht! Wo ist die Heidi?«

Präsenz zeigen ist ihr bester Stunt. Viele wollen Model werden, weil sie weg, fort, raus wollen aus Thüringen, Augsburg, Berlin. Und sie, Weltstar Heidi, feierte vor zwei Tagen im Clowns-Kostüm im rheinischen Karneval. Nett, näähh?

Wenn sich ab dem 1. März die deutschen Zuschauer wieder an ihr entlang zum Weltstar träumen, wird Heidi Klum im Federbett liegen und ihren amerikanischen Traum weiterträumen. Vielleicht wird Boris Entrup, der neue Juror, für ein paar Wochen lang Deutschlands neuer Top-Darling werden. Aber Gemany's next Topmodel, das bleibt bis auf Weiteres sie.

So gut die Show auch wird, die Heidi-Show ist besser. REBECCA CASATI

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