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TOURISMUS Wo Yaks weiden

Wer mit Gipfeln prahlen will, geht auf Trekking -- Hochgebirgstouren in Anden oder Himalaja ohne klettertechnische Schwierigkeiten. Experten warnen aber vor der heimtückischen Höhenkrankheit.
aus DER SPIEGEL 36/1976

Tags zuvor hatte er noch eine Seilschaft des Deutschen Alpenvereins auf den 5593 Meter hohen Luza Peak geführt. Doch um 3.30 Uhr am 9. Mai, als die Gruppe einen Sechstausender im Mount-Everest-Gebiet angehen wollte, lag Ferdl Gschwendner bewußtlos im Zelt.

Nur mit reinem Sauerstoff konnten die Kameraden den 25jährigen aus seinem tödlichen Schlaf wecken. Obgleich der Bayer als konditionsstark gilt, mußte er sich im Huckelkorb eines Sherpas auf 3800 Meter Höhe zurücktragen und per Hubschrauber in die nepalesische Hauptstadt Katmandu fliegen lassen.

Die Ärzte wußten gleich, wonach zu suchen war. Röntgenaufnahmen zeigten Wasser in der Lunge deutlichstes Merkmal der Höhenkrankheit. Erst nach etlichen Tagen ließen Medikamente diese Ödeme abklingen, kam der Kreislauf wieder in Schwung.

Der Fall des Bergführers aus Bad Reichenhall erweist, welche Risiken eine neue Sparte des Luxus-Abenteuertourismus birgt: das Trekking, hochalpines Wandern ohne sonderliche klettertechnische Schwierigkeiten.

Vor allem sportive Westdeutsche suchen so, nachdem etwa Zugspitze und Matterhorn zu Modebergen abgesunken sind, mit Anden- oder Himalaja-Gipfeln ihr Party-Renommee zu heben. Mehrere Reiseveranstalter haben Trecking-Touren (für 2000 bis 7000 Mark) schon im Standardangebot.

Nepal, wo der Nadelwald bis in 4000 Meter Höhe reicht und darüber noch Yaks weiden können, scheint dafür besonders geeignet. Dort waren in der letzten, von Oktober bis Mai währenden Saison bereits 11 000 Trecker zu den leichter erklimmbaren Vorbergen der höchsten Erderhebung unterwegs.

Der ehemalige bhutanische Offizier Penjo Ongdi, der in Katmandu eine Agentur für Leihausrüstungen und Träger betreibt, schätzt allerdings auch, daß dabei jedes Jahr durchschnittlich 45 Touristen verunglücken und fünf nur mehr im Sarg vom Dach der Welt herunterkommen.

Euphorie ist das tückischste Symptom der Höhenkrankheit. Dadurch werden andere Warnzeichen wie Benommenheit, Kopfschmerz und Übelkeit leichtfertig übergangen.

Doch in großen Höhen wird das Atmen immer weniger effektiv. Hände und Füße schwellen an, Stoffwechsel und Kreislauf versagen schließlich. Allein Sauerstoffdusche und rascher Rücktransport ins Tal können den Höhenkranken dann noch retten.

Für Kuno Boppre, Kanzler der bundesdeutschen Botschaft in Katmandu, ist offenkundig, weshalb auch junge Bergfexe dem gefährlichen Rausch verfallen. In der Pionierzeit des Trekking, Ende der sechziger Jahre, mußten sich die Touristen durch die Dschungelzone zu Fuß emporquälen; inzwischen lassen sie sich mit Kleinflugzeugen in Lukla oder Khumjung absetzen. Kaum trainiert und akklimatisiert, machen sie sich in über 3000 Meter Höhe auf die ersten strapaziösen Kraxelwege.

Der Münchner Sportmediziner Professor Erich Hipp bestieg, um Erfahrungen zu sammeln, den 5598 Meter hohen Gokyo Kang. »Für unser Alter«, bekundete der 46jährige, »ist eine solche Tour nicht zu verantworten.« Auf seine Anregung hin will der Deutsche Alpenverein demnächst in München ein Symposion über Höhenkrankheit abhalten.

Der Südtiroler Reinhold Messner, derzeit weltbester Kletterer, weiß schon -- nachdem er seinen Bruder am Nanga Parbat verlor -- probate Vorsichtsmaßregeln: Auf jedes Trekking müsse ein Arzt mitgehen, und insbesondere fordert er Gewöhnungstraining.

Wer mit Messner auf einen Fünftausender will, muß zuvor in knapp 4000 Meter Höhe ein bis zwei Wochen wandern. Wer gar einen Siebentausender anstrebt, kommt nur nach einmonatigem Üben an Messners Seil.

Bergführer Gschwendner freilich haderte, er habe sich gewissenhaft vorbereitet, »und ausgerechnet mich erwischte es«. Vielleicht, meint Mediziner Hipp, war seine Jugend eher von Nachteil -- »die Älteren sind stabiler«.

Paradefall ist ein Pharma-Industrieller. Sechs Wochen lang stieg er in mittleren Regionen des Himalaja herum, bevor er ohne jeden Höhenrausch einen -- seinen hundertsten -- Fünftausender erklomm. Der Mann ist 68 Jahre alt.

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