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LITERATUR Wörterwust statt Sprache

Seit Jonathan Franzens Blitzkarriere servieren deutsche Verlage wie im Fieber neue Großerzähler mit dem Gütesiegel »made in USA«. Jüngste Entdeckung: Colson Whitehead. Eine Mode mit Tücken, denn die Übersetzungen werden immer schlechter. Von Elke Schmitter
aus DER SPIEGEL 8/2004

In diesen Tagen erscheint ein neuer Roman aus den USA - einer von vielleicht 200 in der Frühjahrssaison. Insofern nicht weiter bemerkenswert, dass »John Henry Days« von Colson Whitehead nun in deutscher Sprache vorliegt, doch wird man ganz bestimmt von diesem Buch in den nächsten Wochen viel hören*.

Es kommt genug zusammen, um Rummel verlässlich zu erzeugen: Der Roman zählt mehr als 500 Seiten. Der Autor hat viel zu erzählen. Der Verlag zahlt dem Autor einen Deutschland-Besuch. Der Verleger zählt Whitehead zu seinen größten Hoffnungen und setzt sich enorm für ihn ein. Jonathan Franzen hat Whitehead gelobt. Und beide sind Amerikaner.

Mit dem Buch selbst kann man sehr viel oder sehr wenig Zeit verbringen. Im ersten Fall liest man es von vorn bis hinten durch und erfährt allerlei über das Eisenbahnwesen der USA, die

Arbeitsbedingungen von Billigjournalisten und das empfindsame Bewusstsein eines Schwarzen aus New York, der in den Süden reist. Mit biografischen Rückblenden und Einsichten in das Innenleben verschiedener Personen, mit ausgedehnten historischen Exkursen und soziologischen Betrachtungen - all das gedrängt in eine Rahmenhandlung von nur wenigen Tagen - entspricht »John Henry Days« dem gerade wieder leuchtenden Ideal der Great American Novel, die ins volle Leben greift und drei Spielfilme sowie vier Fachbücher ersetzt. In seiner Durchmusterung fast aller Stilmittel der literarischen Moderne und beinahe aller Stimmungen, ohne sich für eine Tonlage, eine Erzählweise zu entscheiden, offenbart das Buch das wiederum klassische Scheitern eines im Einzelnen virtuosen und im Ganzen überforderten Autors, der, weil er fast alles kopieren kann, kaum Eigenes zu Stande bringt. Er kann vor Kraft nicht laufen und vor Belesenheit nicht schreiben.

Man kann mit dem Buch aber auch sehr schnell fertig sein: Dann gehört man zu jener empfindlichen Gattung Leser, die verständliches Deutsch erwartet. Dann hat man nach einigem Kopfschütteln das Interesse an Whiteheads Geschichten verloren und folgt einem Staunen ganz anderer Art. Was soll ein Kapitelbeginn wie dieser bedeuten: »En gros eingekauft, streben die Platzdeckchen von Herb''s Family Style nach der Perspektive von Berggottheiten und halten ein Jahrhundert mühsamer menschlicher Errungenschaften in angemessener Form auf dem durchsichtigen Papier fest.«

Was ist von einem Auftakt wie diesem zu halten: »Jeder Tag in dem Laden hat seine Vorstellungen reduziert. Am ersten Tag reduziert durch die dicht an dicht in den Deckenpaneelen sitzenden Leuchtstoffröhren; zurückgestutzt durch das fahlgrüne Licht auf den neutralen, vorgefertigten Stellwänden der Kabuffs und vollends kleingemacht durch die Rechtschaffenheit der kratzfesten Schreibtische, auf denen nichts zu sehen war von den Artefakten der legendären Gegenkultur, wie etwa zinnoberrot gefärbten, mit einem harzartigen Belag verkrusteten Bongs oder Regenbogenpostern, die die berühmten Gigs der psychedelischen Toten auflisteten, ja nicht einmal eine auf Irrwege geratene Schabe, irgendein kleines Etwas, das unterm Druck des Redaktionsschlusses den guten alten Gehirnstamm in Schwung brachte.« Hastu Problem, oder was?

Wer bringt die liebende Verstandeskraft auf, aus diesem Wust von grammatikalischen Unzulänglichkeiten und Begriffsverwirrungen, aus dieser heillosen Verknotung dessen, was einmal Sprache und vielleicht Gedanke war, eine Vorstellung zu entwickeln? Konsultiert man das Original, stellt man fest: Schon Whitehead hat sich in seinem Ehrgeiz verloren, zugleich möglichst originell, ironisch und anspielungsreich zu sein. »Mein Gott, ist das beziehungsreich«, heißt es bei Robert Gernhardt, »ich glaub, ich übergeb mich gleich ...« Der Übersetzer hat die Sache noch verschlimmert - unter anderem durch eine ängstliche Wort-für-Wort-Übertragung, wie sie in der ersten Arbeitsphase üblich sein mag. Aus reduzierten Vorstellungen wird später vielleicht eine beschädigte Phantasie, aus Leuchtstoff- werden Neonröhren, und möglicherweise vermisst man am Ende Überbleibsel der legendären Subkultur wie zinnoberrot verfärbte, harzig verkrustete Wasserpfeifen oder Plakate in allen Regenbogenfarben. In jedem Fall ist es vom zitierten Worthaufen zur Sprache noch ein weiter Weg.

Es handelt sich um einen Einzelfall. Es handelt sich um keinen Einzelfall. Literatur aus den USA und der englischsprachigen literarischen Welt (wie Indien, Großbritannien, Südafrika) wird von den Verlagen gekauft, übersetzt und verkauft wie im Fieber. Es vergeht keine Saison ohne die verzückte und augenrollende Entdeckung eines rastagelockten Debütanten, eines Mädchens aus den Elendsvierteln, den Waschsalons, den Gemüseläden, eines Rappers, der einmal Türsteher war ... Sie alle haben etwas zu erzählen, denn sie alle hatten es schwer.

Dass sie ein Buch geschrieben haben, weil sie per Pech nicht singen können, macht langfristig keine Umstände, denn in der folgenden Saison steht schon die nächste junge Hoffnung auf der Bühne und wird als beeindruckende neue Stimme, glühend vor Intensität, gepriesen und bejubelt von jenen Magazinen, die von solchen Geschichten leben.

Colson Whitehead spielt in einer anderen Liga - die aber klebt mit den Lesefutterlieferanten zusammen wie der Zuckerguss auf der Torte. Ob Jonathan Franzen (mit dem Familienroman »Die Korrekturen« der Held des vorletzten Jahres) oder Jeffrey Eugenides (2003 nicht ganz so erfolgreich mit dem Einwanderungsepos »Middlesex"), ob Don DeLillo oder Thomas Pynchon - sie werden für etwas gefeiert, was man ihren deutschen Kollegen, erst recht Autoren aus Frankreich oder Osteuropa übel nimmt: das Anspruchsvolle ihrer Literatur, die Schwierigkeit der Lektüre. Sie gelten als Avantgarde und sorgen dafür, dass der Mechanismus von Mode und Geld, dem der Buchmarkt insgesamt folgt, nicht diskutiert, sondern durchgespielt wird.

Es ist sicher kein Zufall, dass schon die Titel der Romane »Die Korrekturen«, »Middlesex«, »John Henry Days« und der in dieser Woche erscheinende »Franklin Flyer« von Nicholas Christopher ihre Herkunft aus den USA so unbeholfen wie programmatisch ausstellen. Autoren aus Amerika erwarten hohe Vorschüsse, die müssen hereingespielt werden, der Verlag gibt noch einmal so viel aus für Werbung und für Lesereisen - und, o Wunder, die Rechnung geht oft genug auf. Wie bei Hamburgern und bei Popmusik. Und langsam klingt es auch so.

Denn diese fiebrig zusammengekaufte und produzierte Literatur ist immer häufiger auch verheerend übersetzt. Alarmierend sind weniger die offensichtlichen Patzer, die ein Scheitern der Übersetzer an einer ohnehin verquasten, geronnenen und künstlich angedickten Prosa zeigen - wie bei einem gerühmten Roman von Michael Ondaatje, in dem von einer »töchterlos wirkenden« Frau und einem Holzbalken mit »einer idiosynkratischen Neigung« die Rede ist. Alarmierend ist eher das Einsickern von Redeweisen, die eben nicht übersetzt, sondern nur wörtlich übertragen sind und auf die Dauer das Gefühl für das Deutsche, seinen Reichtum und seine Nuancen beschädigen. Die mediale Alltagssprache geht hier voran.

Was haben die Moderatoren eigentlich gesagt, bevor sie »einmal mehr« »etwas kommunizierten«, seit wann »macht jemand nicht wirklich einen guten Job« statt seine Sache eigentlich nicht gut, wieso »kritisieren« wir »für«, und warum muss das auch noch »Sinn machen«?

Wir haben uns daran beinahe gewöhnt, wie an Infinitivfriedhöfe und die Häufung von Partizipien im Präsens ("in der Tür stehend, sah er sich um"), an Babelsche Türme aus Substantivierungen und Sätzen, in denen Subjekt und Sinn hoffnungslos verwurstelt werden: »Bei dem Versuch«, wie es in Franzens »Korrekturen« über die »Sammelschiene« eines Notstromgenerators heißt, »sie im Licht von Kerzen und Taschenlampen wieder anzubringen, brannte der Mechaniker mit seiner Lötlampe ein Loch in die Hauptinduktionsspule, und da es, wegen der politischen Instabilität im Vorfeld der Wahlen, in ganz Vilnius keine anderen gasgetriebenen Wechselstromgeneratoren zu kaufen gab (und erst recht keine altmodischen Dreiphasengeneratoren, auf die man die Schaltzentrale umgerüstet hatte, bloß weil ein solcher Dreiphasengenerator aus der Breschnew-Ära damals billig zu haben gewesen war) und polnische und finnische Lieferfirmen sich, wegen nämlicher politischer Instabilität, inzwischen sträubten, irgendetwas nach Litauen zu verschiffen, ohne im Voraus harte westliche Währung dafür zu sehen, fiel das ganze Land, dessen Bürger, wie etliche ihrer westlichen Zeitgenossen, im Zuge der Verbilligung und immer universaleren Nutzung des Handys ihre Kupferdrahttelefone kurzerhand abgemeldet hatten, in puncto Kommunikation auf den Stand des neunzehnten Jahrhunderts zurück: Es herrschte tiefes Schweigen.« Schön wär''s.

Dass jeder meint, Englisch zu können, ist mutmaßlich Teil des Problems. Denn wie ist zu erklären, dass gerade in diesem Bereich, wo die Auswahl an Übersetzern die größte ist, die Qualität in einem fort sinkt? Das berühmte Bonmot von Karl Kraus über Stefan George - er übersetze aus dem Englischen in eine Sprache, die er auch nicht beherrsche - scheint das geheime Motto vieler Verlage, die den Überschuss an Übersetzern nutzen, um an gleich zwei Stellen zu sparen: beim Honorar und beim Lektorat.

Die enorme Konkurrenz gerade bei Übersetzern aus dem Englischen sorgt für sinkende Preise pro Seite und damit für steigenden Zeitdruck. Andererseits werden die Lektorate im Verlag zunehmend mit Marketing-Aufgaben belastet (sofern sie nicht, wie in den letzten Jahren, über Fusionen, Umzüge und Kündigung nachdenken müssen). So bleibt keine Zeit, eine Übersetzung derart aufmerksam zu betreuen, wie es immer notwendig ist - gerade bei Monumentalwerken, die auch ein brillanter Übersetzer wochenlang liegen lassen müsste, um dann, mit frischem Auge, die eigenen Schwerfälligkeiten zu sehen.

Und schließlich enthält sich die Literaturkritik oft aus Bequemlichkeit des Urteils oder fertigt die Arbeit eines halben Jahres mit einem Satz ab, ohne das Original einzusehen oder sich mit Belegen zu belasten. Da ist dann von »bedauerlichen Trübungen« die Rede, von einer »nicht makellosen Arbeit": beiläufige Verdammung, damit der Kritiker sich als Connaisseur zeigen kann.

Für die Übersetzer bedeuten Phrasen wie diese häufig die einzige Würdigung einsamer Mühe - und, als öffentliche Rüge für eine Arbeit im Verborgenen, eine besondere Erfahrung von Ohnmacht. Doch auch pauschales Lob verdirbt die Preise und ist selten mehr als die ahnende Anerkennung, dass das Original (zum Beispiel Franzen) wohl recht schwierig war. Eine Literaturkritik, die sich Runde um Runde am Nasenring der Verlage führen lässt, verliert in jedem Sinn ihre Autorität.

Es ist eine für Lektoren und Übersetzer selbstverständliche Erfahrung, dass schon nach Stunden der Arbeit an einem nicht vollkommenen Text das Gespür für die Sprache leidet; allenfalls gibt es noch einen leisen Alarm, der anzeigt, dass »irgendwas nicht stimmt«. Das beste Mittel, dieses Gespür wieder zu wecken, ist die Lektüre eines guten Autors - sogar übersetzt. Die Bücher von Andrej Bitow, Zygmunt Haupt und Juri Andruchowytsch sind jüngste Beispiele dafür, dass das sprachliche Niveau der Übertragungen gerade aus Osteuropa oft höher ist als das deutschsprachiger Prosa selbst. Doch für diese Autoren gilt, wie in der Popmusik: Ihre Herkunft macht sie zu armen Verwandten, deren düstere Lieder, uncoole Klamotten und Vorliebe für Fassgurken ein bisschen unangenehm berühren. Ein großer Toter wie der Russe Anton Tschechow wird verehrt und gepflegt bis zur Putzigkeit - der lebende Nachwuchs jedoch führt (von schönen Ausnahmen wie Andrzej Stasiuk abgesehen) ein trübes Dasein im Winkel.

Seinem stolzen Selbstbewusstsein zum Trotz folgt der Literaturbetrieb in seinen Reflexen jener US-Kulturindustrie, vor der die europäischen Exilanten Theodor W. Adorno und Max Horkheimer vor 60 Jahren schon warnten: die Schwarzseher von damals, sie wären heute Realisten.

* Colson Whitehead: »John Henry Days«. Aus dem Amerikanischenvon Nikolaus Stingl. Hanser-Verlag, München; 528 Seiten, 24,90Euro.

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