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FORSCHUNG / BADEZIMMER Wohlige Schauer

aus DER SPIEGEL 35/1967

Am Wochenende zogen sich die Forscher ins Badezimmer zurück und installierten ein Arsenal von Meßapparaten. Dann verfielen sie in ungewöhnliche Betriebsamkeit.

Einige dutzendmal betätigten die Wissenschaftler die WC-Spülung und hoben und senkten dabei den Toilettendeckel. Sie ließen heißes und kaltes Wasser in die Badewanne plätschern und wieder ablaufen. Sie wuschen sich gemächlich, dann hastig die Hände und ließen die Dusche mehrere Stunden lang rauschen.

Als Resultat der Spritz- und Sprudel-Orgie trugen Edward T. Pierce und Arthur L. Whitson, Physiker am Stanford-Forschungslaboratorium in Menlo Park (US-Staat Kalifornien), einen Stoß Tabellen und Meßkurven aus dem sanitären Raum. Sie vermochten damit zu klären, warum Männer in der Badewanne zu singen anheben und weshalb ein Duschbad wohlige Schauer auslöst.

Zersprühendes Wasser, so erläuterten Pierce und Whitson in der britischen Meteorologen-Zeitschrift »Weather«, lädt die Luft elektrisch auf; und bestimmte Spannungen in der Atmosphäre stimmen frohgemut. Aus knisternder Spannung hatte schon vor zweihundert Jahren der Erfinder des Blitzableiters, der amerikanische Seifensieder-Sohn und Politiker Benjamin Franklin, Behagen zu ziehen versucht -- er konstruierte dafür eine Art elektrischen Stuhl.

Aufheiterungs-Bedürftige, empfahl Franklin, sollten sich auf ein gegen den Boden isoliertes Ruhemöbel setzen und von einer unter Spannung stehenden Metallplatte an der Decke mit sogenannten Ionen -- elektrisch geladenen Atomen -- berieseln lassen.

In der westlichen Welt geriet diese Gute-Laune-Maschine in Vergessenheit, nicht aber in der Sowjet-Union. Ende letzten Jahres berichtete der sowjetische Wissenschaftler Igor Ostrjakow, Experte für statische Elektrizität, in der populärwissenschaftlichen Sowjet-Zeitschrift »Niwa« über eine ähnliche, noch einfachere Quelle »der erheiternden Spannung.

Ostrjakow hatte eine Topfblume elektrifiziert. Die von diesem Zimmergrün abgesprühten Ionen, meinte der Forscher beobachtet zu haben, verstärkten das Wachstum benachbarter Pflanzen, unterdrückten schädliche Mikroorganismen und verbesserten das Blut von Versuchstieren. Der unter Spannung stehende Blumentopf, bekannte Ostrjakow, »ist mein guter Freund, der mir über schwierige Stunden hinweghilft, wenn ich müde bin oder zuviel gearbeitet habe«.

Und auch für das Hochgefühl des Menschen in der Nähe rieselnder Quellen und gischtender Fluten, so hatte erstmals Ende des vorigen Jahrhunderts der Bonner Mediziner und Physiker Philipp Lenard mit Labormethoden ermittelt, sind elektrische Felder die Ursache. Der spätere Nobelpreisträger, zuletzt Ordinarius für Physik in Heidelberg, schleppte Meßgeräte an alpenländische Wasserfälle und ließ in seinem Institut Kaskaden sprudeln. Die stimmungshebende Aufladung der Luft, erläuterte Lenard 1892 in den »Annalen der Physik«, sei dann am kräftigsten, wenn das Wasser heftig zerstiebt.

Stimmungs-Kanonen in Form von Miniatur-Wasserfällen, überlegten nun die US-Physiker Pierce und Whitson, haben zivilisierte Leute jederzeit im Haus: In einem gewöhnlichen Badezimmer vermochten sie mit Sturzbächen aus der Wasserleitung die Luft noch stärker aufzuladen, als es in der Natur durch Wasserfälle oder in Schönwetter-Perioden geschieht.

»Es ist spaßig«, resümierten Pierce und Whitson in ihrem »Weather«-Bericht mit einem Seitenhieb auf die Hygieniker, »daß der erfrischende Effekt eines Duschbades womöglich eher durch Aufladung der Luft als durch Reinigung des Körpers zustande kommt.«

Noch stärkeres Wohlbehagen widerfuhr den Forschern freilich durch eine Störung ihres Experiments. Das »mächtigste elektrische Feld« hätten ihre Apparaturen angezeigt, so berichteten Pierce und Whitson, als eine Dame das Badezimmer betrat und ihr hüftlanges Haar kämmte.

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