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Wolfgang Pohrt über Joseph Huber: »Wer soll das alles ändern«

Das braune Grün der Alternativen Wolfgang Pohrt, 36, veröffentlichte im Rotbuch Verlag Essays und Pamphlete (Titel: »Ausverkauf"). Er lebt als freier Publizist in Hannover.
aus DER SPIEGEL 52/1980

Ein Buch, »auf das offensichtlich viele Leute besonders gespannt waren«, meint die Verlagsreklame, und Thema wie Autor rechtfertigen in der Tat gespannte Erwartung.

Das Thema -- die Alternativbewegung -- ist ein Wort, worunter sich jeder etwas und niemand etwas Genaues vorstellen kann, und der Verfasser bürgt mit seinem Namen für Sachkompetenz, Authentizität und wissenschaftliche Methodik.

Als Mitbegründer von »Netzwerk Selbsthilfe« hat er in alternativen Projekten Erfahrungen gesammelt, als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin ist er mit den Sozialwissenschaften vertraut, »und daraus« -- so schreibt er -»formte sich in mir, vor dem Hintergrund futurologischer und sozialwissenschaftlicher Theorien, ein neues Stück Weltbild«.

Dies Bild ist eine ansprechende Erscheinung, der Blick des Lesers ruht auf einer ausgewogenen Komposition. Ein Klassifikationsschema zu Beginn verhilft der Alternativbewegung zu klaren Konturen, im zweiten Teil, einer Bestandsaufnahme, gewinnt sie Gestalt. Im dritten Teil des Buches leuchtet Huber den Hintergrund oder das Umfeld aus, und im vierten schließlich erkennt man die große, über den gezogenen Rahmen hinausweisende Linie: die Vereinigung von etablierter Kultur und Subkultur zur intermediären Kultur. Und obgleich von dem inspiriert, was Huber als »intermediäre Philosophie« bezeichnet, zeigt sein Bild die Welt nicht grau in grau, sondern in lebensfrohen Farben. »Ein Feuerwerk von Ideen« oder »Ein Karussell von Projekten« lauten die Zwischentitel.

Die Farben aber sind es dann auch, die das Bild zum Kippen bringen. Man braucht kein Anhänger der Alternativbewegung zu sein, um zusammenzuzucken bei Hubers lapidarem Befund: »Der bunte Pluralismus der Alternativbewegung ist ein Schatz an Philosophie und Lebensmöglichkeiten.«

Die Abgeschmacktheit des Kompliments bezeugt eine Geringschätzung des Adressaten, die ihn als unschädlich voraussetzt, tendenziell schon, wie in den Traueranzeigen, als Leiche. Unter solchen Kranzschleifen vergrub man in Deutschland die Bücher, bevor man sie verbrannte.

Der Klecks in Hubers Weltbild erklärt dessen anheimelnde Wirkung auf den zerstreuten Betrachter und macht verständlich, warum man kein Philosoph sein muß, um die intermediäre Philosophie auf Anhieb zu begreifen. Man kannte sie nämlich schon, freilich unter anderem Namen. Adorno nannte sie das autoritäre Syndrom.

Es hat sich in der Ruhepause, welche die Protestbewegung ihm verordnete, offenbar gut erholt und konnte sich die zum unverbindlichen Dekor, zu preiswerten Kennmarken für moderne Lebensart mutierten linken Begriffe um so leichter einverleiben, als es seine Identität und Dauer nicht im ausgearbeiteten, die Begriffe ernst nehmenden Gedankengang findet. Es gehorcht vielmehr seiner Bedürfnisökonomie und montiert beliebige und einander mit beliebiger Schärfe widersprechende Begriffe zu einer ebenso konfusen wie einfachen und eingängigen Formel.

Welcher schiefen Bilder, sonderbaren Argumente, unbekannten Neologismen diese Formel sich auch bedienen mag -- man versteht sie sofort, weil ihr Ton ganz unabhängig vom Text dem Wort eine Stimme verleiht, welches von allen hinausgeschrieben werden möchte: dem bedingungslosen Jawoll.

Wenn Huber zu einer Fundamentalkritik daran ansetzt, was er als »materialistisches Weltbild« bezeichnet und schreibt: »Handle es sich um den Positivismus der sogenannten bürgerlichen Wissenschaften oder um den sogenannten dialektischen und historischen Materialismus des späteren Marxismus, beide sind in einem instrumentellen und physikalischen Denken vereinseitigt« -- dann muß man es ebensowenig wie der routiniert bluffende Verfasser wissen, was denn der sogenannte historische und der sogenannte dialektische Materialismus sind, warum sie immer so genannt werden und was sie eigentlich unterscheidet.

Man braucht nicht zu wissen, was anderes als an der Sprache begangene Gewaltverbrechen Wörter wie »physikalistisch«, »vereinseitigt« und gar »in einem physikalistischen Denken vereinseitigt« noch bedeuten können, um zu begreifen.

Man braucht nur den Satz zu lesen, der auf den zitierten folgt, um -- ganz gleich ob man dafür oder dagegen ist -- zu erkennen, was Huber meint: »Je mehr man die Stoffe unterm Mikroskop sezierte, um so mehr entglitt uns ein Bewußtsein des Seelischen und Geistigen.« Er meint die nörgelnde Stammtischtirade, für die sich meistens eine Mehrheit findet, weil sie das Erstarren des Lebens unter dem Bann drohender atomarer Vernichtung verharmlost zum Verlust des Dinges, welches Huber in der Sprache traditioneller Geistesfeindschaft 'das Seelische und Geistige' nennt.

Fürs angebliche Verschwinden von Geist und Seele -- weiß der Himmel, ob es dergleichen in Deutschland überhaupt je gegeben hat -- macht er nach altdeutscher Art verantwortlich das genaue Beobachten, den forschenden, zersetzenden analytischen Verstand und die Erweiterung des Gegenstandsbereichs der menschlichen Sinne, für welche das Mikroskop einsteht. Es war in Deutschland aber nicht das Mikroskop, sondern es waren bewaffnete Formationen des Staates, welche den Geist in die Emigration und in die Gaskammern getrieben haben.

In der nörgelnden Stammtischtirade, maulig bis polternd im Ton und immer konziliant in der Sache, entfaltet das autoritäre Syndrom seine assimilierende Kraft. Aus der begreiflichen Empörung von Leuten, denen man den Auslauf S.174 zubetonieren will, wird in Hubers Sprache ein Kreuzzug zur Verteidigung von ländlichem Brauchtum und kulturellem Erbe. Und wenn er den Regionalismus anerkennend beschreibt als einen Versuch, »die eigenen kulturellen und sozialen Wurzeln vor der Ausradierung zu bewahren«, dann muß man kein im deutschen Mutterboden nicht verwurzelter Ausländer oder wurzelloser Asphaltjournalist sein, um über dieses markige Wort zu erschrecken.

Das schiefe Bild -- man kann, wenn das Wort auch im übertragenen Sinn noch an seine ursprüngliche Bedeutung erinnern soll, nur ausradieren, was an der Oberfläche ist, zum Beispiel Städte, nicht aber Wurzeln --, das schiefe Bild von den ausradierten Wurzeln also beschwört einen Vernichtungsfeldzug, in welchem es das Recht, ja die Pflicht des Gewachsenen und Gewordenen, in der heimatlichen Scholle Verankerten wäre, der sozialen und kulturellen Überfremdung den totalen Krieg zu erklären.

Nicht immer gelingt der assimilierenden Kraft des autoritären Syndroms jene Gleichschaltung, gegen die Huber ebenso unverdrossen eifert wie jeder aufrechte Bürokrat gegen die Bürokratie, durch den einfachen und fast eleganten Rückgriff auf solche klassischen Stereotypen, die jedes geschulte Ohr sofort aufhorchen lassen.

Wo diese Kraft kein einzelnes Phänomen, sondern die ganze Alternativbewegung und den Rest der Gesellschaft gleich noch dazu verschlingen muß, um beide zur intermediären Kultur zu verdauen -- da gelingt ihr dies nur unter Krachen und Knirschen und nicht ohne Anwendung roher Gewalt.

Die äußert sich zunächst in sprachlichen Verbildungen von einer Fülle, die ausreichen würde, einen Autor für sein ganzes Leben lächerlich zu machen, wenn es nur die Instanz, vor der man sich blamieren könnte, noch gäbe.

Keine der abgenutzten Floskeln aus dem Nachrichten-Jargon, vom Alleingeltungsanspruch über die tragfähigen Mehrheiten bis hin zu den tragfähigen Potentialen muß man vermissen.

Da treten die Intermediären auf, »ganz und gar Geistesmenschen und Bildungsbürger«, und dann wird es weihnachtlich: »Ihnen gehen immer wieder neue Lichter auf, auch wenn der Wind der Geschichte die meisten davon gleich immer wieder ausbläst.«

Da koexistieren die »Dürreperioden des Lebens« mit einer »Katerstimmung böser Geister und Dämonen«, und niemand begreift, wer nun eigentlich zu viel getrunken hat. Man liest den Satz: »Die 'Vernetzung' scheint ein so vollkommenes und wunderbares Geschöpf zu sein, daß man sie lieber nicht in diesseitiger Ernüchterung in seiner nächsten Umgebung erleben möchte« -- und man weiß es wirklich nicht, ob Herold gerade vorm Computer kniend zu seinen gesammelten Dateien betet oder Huber zum Netzwerk. S.175

Da werden »die alternativen Ideen und Entwürfe in den Projekten symbolisch dargelebt«, da gibt es den »Zwei-Kulturen-Schuh« und außerdem einen »ideologiekritischen Menschen«, und der stellt, nachdem er Kochen, Backen, Musizieren etc. aufgezählt hat, kameradschaftlich fest: »Einem richtigen 68er fehlte für derlei der Sinn. Ökologie, Lebensstil, Sensibilität und Muße standen damals noch nicht so im Mittelpunkt.«

Neben Verbildungen der Sprache tauchen dann aber andere auf, in denen das autoritäre Syndrom nicht seine Unbeholfenheit, sondern seine Gewalttätigkeit zeigt. Ächzend unter der Last der wahrhaft gesamtgesellschaftlichen Planungsaufgabe, die Alternativbewegung und den Rest der Gesellschaft gleich mit dazu überzuführen in die intermediäre Kultur und dabei alle Unterabteilungen dieser neuen Firmenkonstruktion tüchtig zu vernetzen, sieht sich das Management manchmal zu harten Maßnahmen gezwungen.

Dann heißt es: »Eine zu große Zahl von Sozialstaatsrentnern und alternativen Subventionsempfängern wäre ökonomisch untragbar« -- und dabei blitzt der Schrecken auf, den das Wörtchen untragbar stets verbreitet. Der affirmativ gemeinte Satz: »Die Individuen in Alternativprojekten werden nicht nur sozial eingebunden, sie werden auch nachsozialisiert im Sinne der Normen des 'anders leben' in einem gedanklich vorweggenommenen Ökosozialismus« -- dieser Satz beschwört allein durch die Floskel »sozial eingebunden« die Vorstellung einer Zwangsjacke herauf.

Und die stolze Erfolgsmeldung schließlich, es würden die Menschen in den alternativen Projekten nachsozialisiert, also noch nicht sonder-, aber doch gewissermaßen nachbehandelt, gibt Anlaß zu der Befürchtung, Huber wünsche sich eigentlich Arbeits-, Schulungs- und Umerziehungslager.

Der Argwohn verdichtet sich bei Hubers Beschreibung jener Leute in den Alternativprojekten, die aus Arbeiterfamilien kommen: »Die von vornherein nie einen Fuß in die Tür bekommen haben, sind schließlich die eigentlichen Proletarier und stammen in der Regel auch aus Arbeiterfamilien. Wenn es gutging, Hauptschulabschluß. Keine Lehrstelle bekommen, wenn doch, irgendwann den Löffel geschmissen. Die Mühle war nicht auszuhalten. Ein bißchen gejobbt oder auch nicht. Sie sind einfach, und sie handeln einfach. Etwas anderes als 'direkte Aktion]' würde ihnen kaum entsprechen.«

Der Intermediäre, »ganz und gar Geistesmensch und Bildungsbürger«, spricht wie ein ostelbischer Krautjunker, der einem wegen des Elends bestürzten Besucher erklärt, etwas anderes als Kartoffelsuppe wollten seine Leibeigenen sowieso nicht essen, das würde ihnen, einfach wie sie nun mal sind, gar nicht entsprechen. Es bedürfte freilich nicht erst des abschließenden S.176 Befundes, um in der Sprache, welche vielleicht die Lakonie des Lebens Ausgebeuteter und Herumgestoßener ausdrücken wollte, tatsächlich aber im schneidigen Casino-Ton kurzen Prozeß damit macht, eine Menschenverachtung zu entdecken, die dann kulminiert in dem einen ungeheuerlichen Satz: »Wenn wir faschistische Methoden ausschließen (z.B. die Leute einfach zu vergasen), werden wir auf unabsehbare lange Zeit ohne sozialstaatlich umverteilte Geldströme, ohne institutionelle Versorgung und ohne professionelle Sozialdienste sowie andere personenbezogene Dienstleistungen nicht auskommen.«

Verblüfft schon die Gelassenheit, mit der Huber das Vergasen in sein Kalkül einbezieht, indem er es nachdrücklich ausschließt, so verbreitet die erste Person Plural, in welche sich der Autor setzt und durch die er sich zum Kollegen derer macht, die über die Alternative »Sozialhilfe oder Vergasung« entscheiden, schieres Entsetzen.

Im »Wir« spricht die Gesamtverantwortung für das Ganze, und sie erklärt: Sozialhilfe oder Vergasung, eine dritte Möglichkeit gibt es nicht. Das ist nun nicht mehr das autoritäre Syndrom, sondern das ist unmittelbar die Logik der Nazis, auf die Formel gebracht durch den berühmten Witz: »Keiner muß hungern und frieren, wer's trotzdem tut, kommt ins KZ.«

Innerhalb des Sachzwangs, mit dem Huber sich identifiziert, heißt die Alternative zur Sozialhilfe nicht einfach keine Sozialhilfe, die Alternative zum staatlich garantierten Existenzminimum nicht nacktes Elend, vielleicht sogar Hunger, sondern die Alternative heißt Vergasung.

Im flächendeckenden, personenbezogenen Dienstleistungssystem von Joseph Huber, der fortwährend ebenso gehässige wie harmlose Stammtischtiraden gegen die Megamaschine, die Bürokratie und die Technokratie vom Stapel läßt, klafft gewissermaßen keine Lücke.

Sein Eifer, niemanden entkommen zu lassen, strukturiert die konfuse Modellbastelei und Modellrechnerei, welche den Hauptteil des Buches ausmacht, und sie prägt den zitierten ungeheuerlichen Satz. Die penible Auflistung von lauter langweiligen Dingen, die alle auf das gleiche hinauslaufen, von sozialstaatlich umverteilten Geldströmen, institutioneller Versorgung, professionellen Sozialdiensten und, um das Maß vollzumachen, anderen personenbezogenen Dienstleistungen, offenbart eine libidinöse Besetzung von Verwaltungskategorien, die es begreiflich macht, wenn Huber auf den Vorwurf, die Alternativprojekte degradierten die Beteiligten zu Sozialfällen -- also zu Objekten und Opfern -- naßforsch erklärt: »Dies ist wohl zutreffend, aber wieso soll das ein Vorwurf sein?«

Eine andere, sehr entschiedene Erklärung Hubers, die Erklärung seiner Feindschaft gegen jedwede Revolution, wird erst in diesem Zusammenhang interpretierbar. »'Revolution' kann unter den gegebenen Umständen wohl kaum etwas anderes bedeuten als gesellschaftlich abgehobener menschlich kaputter und politisch verheerender RAF-Terrorismus.«

Die Feststellung, daß keine Revolution möglich sei, ist nur die konsequente Folgerung aus Hubers politischer Prämisse: aus der vorausgesetzten Konterrevolution, die Menschen entweder in Sozialhilfeempfänger zu verwandeln oder zu vernichten.

Den Alternativen weist Huber in diesem strategischen Konzept wichtige Aufgaben zu. Ob die Alternativen diese Aufgaben erfüllen werden?

Wolfgang Pohrt
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