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KAMPFSTOFFE Wolke des Wahnsinns

Ganze Divisionen wollten US-Militärs mit dem Psycho-Kampfstoff BZ zu willenlosen Idioten machen: Nun erwiesen sich die Bomben als Blindgänge,.
aus DER SPIEGEL 31/1979

Vor dem amerikanischen Armeelager Dugway, mitten in der Wüste des US-Bundesstaates Utah gelegen, tauchten jählings fremdartig uniformierte Gestalten auf. Doch statt die schwerbewaffneten Angreifer abzuschlagen, benahm sich die Camp-Wache wie eine Horde Irrer: Die meisten hockten mit blödem Grinsen im heißen Sand.

Wie 1964 in Dugway, so erprobten die US-Kampfstoffeinheiten Chemical Corps seit Ende der fünfziger Jahre das Halluzinogen BZ -- immer am lebenden Objekt und immer mit demselben Erfolg: Soldaten, denen die Psychodroge verabreicht wurde, kam unversehens jeglicher Verteidigungswille abhanden -selbst wenn sie in Lebensgefahr schwebten.

Angesichts solch idiotisierender Wirkung glaubten die Militärchemiker die ideale Waffe für den »humanen Krieg« gefunden zu haben. Denn anders als Gelbkreuz und Tabun, die Giftgase aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, sollte BZ den Gegner nur zeitweise außer Gefecht setzen: Bis zu 80 Stunden taumelten oder tanzten BZ-gedopte Versuchspersonen -- dann schienen sie psychisch und physisch wieder fit zu sein.

Nach ausgedehnten Menschen- und Laborversuchen begannen die Amerikaner zu Beginn der 50er Jahre insgesamt 50 Tonnen hochkonzentrierten BZ-Giftes in 750-kg-Bomben zu füllen -- und zwar in Form einer pulverartigen Masse, die Pentagon-Chemiker vornehmlich aus 3-Chinulidinol-Benzoat gewannen. Die Flugkörper, deren Drogenladung ausreichen wurde, alle Erdbewohner in viertägiges Delirium zu versetzen, lagern noch in Arsenalen in Arkansas, Utah und Maryland.

Inzwischen freilich wären die US-Militärs froh, wenn sie die Wunderwaffe von einst los wären: Sie funktioniert nicht. »Das Gerät ist«, wie ein Pentagon-Sprecher jüngst eingestehen mußte, »taktisch nicht wirksam.«

Bislang wissen die Amerikaner jedoch noch nicht, wie sie ihre Geistes-Geschosse entschärfen sollen. »Man kann«, so das US-Verteidigungsministerium, »die Dinger nicht einfach in Zement gießen und im Ozean versenken.«

Für die Erprobung der Blindgänger hatten viele Freiwillige gelitten: Allein zwischen 1960 und 1969 testeten Chemiker, Mediziner und Psychologen die sieben bekannten BZ-Arten an 2490 US-Soldaten. Manche, wie etwa der Luftwaffenangehörige Robert Bowen, wurden zusammen mit Versuchstieren in BZ-Gaskammern geschlossen; andere schluckten die Droge im Drink.

Die meisten durchlebten wahnsinnsartige Anfälle: Tagelang wußten sie nicht mehr, was sie taten und wo sie sich befanden. »Ein Fallschirmjäger«, erinnert sich Bowen, »stand in voller Montur unter der Dusche und rauchte eine Zigarre.«

Schon 1953 hatten Corps-Chemiker, vornehmlich mit der Entwicklung von Gift- und Nervengasen beschäftigt, Halluzinogen-Experimente begonnen: Mal testeten sie das Gift Meskalin, das Rio-Grande-Indios zur Sinnesvernebelung benutzen; mal den Pilzwirkstoff Psilocybin, der ebenfalls das Bewußtsein ins Schleudern bringt. Und ebenso erfolglos wie die CIA experimentierte auch die US-Army mit LSD, aber die Droge erwies sich als unberechenbar. Statt in wehruntüchtiger Pose zu verharren, wurden viele der LSD-Probanden aggressiv -- der friedliche Rausch geriet zum Horrortrip.

Nicht ohne Folgen: 1953 starb der 42jährige Proband Harold Bauer an einer Mescalin-Derivat-Überdosis, ein US-Oberleutnant beging Jahre nach LSD-Tests Selbstmord, Versuchssoldaten klagten über psychische Störungen.

Doch erst nach Lektüre der BZ-Testberichte überkam den US-Generalstab die Vision vom unblutigen Krieg: Schon der Abwurf einiger BZ-Bomben würde genügen, die feindliche Truppe in einen Haufen ziellos umherirrender Idioten zu verwandeln; die eigenen Soldaten könnten ohne einen Schuß einmarschieren. »Wer diesen Kampfstoffen ausgesetzt ist«, schwärmte damals Oberstleutnant Lindsey vom Chemical Corps, »kann weder einen Düsenjäger fliegen noch eine Panzerkanone richten oder ein Schiff steuern.«

Mit billigen Versprechungen und bunten Bildern lockten Armee-Propagandisten rund 7000 Soldaten in die Testcamps -- meist ins Edgewood Arsenal (Bundesstaat Maryland). Den Freiwilligen wurde freilich nicht gesagt, welch Teufelszeug dort auf sie wartete. Medizinische und psychologische Nachsorgeuntersuchungen hielt die Armee nicht für notwendig: »Dafür haben wir weder Geld noch Personal«,

* Plakat der Us. Army, mit dem Freiwillige für Gift- und Drogenexperimente angeworben werden sollten.

räsonierte der ehemalige Versuchsleiter Dr. Van Sim.

Rund 20 Jahre lang erforschten Sim und Kollegen die BZ-Droge: Zehn Jahre wird die Armee nach Expertenansicht mindestens brauchen, um das Psycho-Pulver schadlos zu vernichten. Die meisten ihrer biologischen und chemischen Kampfstoffe haben die Vereinigten Staaten schon vor Jahren entschärft -- auf die BZ-Bombe, als »Anti-Aufruhr-Waffe« eingestuft, mochte das Pentagon bislang nicht verzichten. Nun jedoch können die US-Militärs die Wahnsinns-Bombe nicht schnell genug aus den Arsenalen bekommen. Denn vor einiger Zeit entdeckten Techniker, daß die teure Konstruktion niemals einsatzfähig gewesen wäre: Die Explosionskraft der Bomben ist nicht groß genug, um das BZ-Pulver wie geplant in eine große Halluzinogenwolke zu verwandeln. Die dafür notwendige Sprengwirkung wäre so gewaltig, konstatiert ein Experte, »daß die Leute, für die das Zeug bestimmt ist, bei der Explosion sterben würden«.

Für 2,3 Millionen Dollar sollen nun die Battelle Research Laboratories erforschen, wie man die Blamage beseitigen kann. Die Methode muß freilich bombensicher sein: Nur wenige BZ-Gramm in der Trinkwasserversorgung würden genügen, um selbst eine Millionen-Metropole wie New York für Tage in ein Tollhaus zu verwandeln.

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