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Wolkenstein an Wolframs Grab

Peter Wapnewski über Dieter Kühns »Parzival« Der Schriftsteller Dieter Kühn, 51, lebt in der Eifel. Mit dem »Parzival«-Buch hat er seine Mittelalter-Trilogie beendet. - Peter Wapnewski, 64, lehrt Ältere Deutsche Philologie an der Technischen Universität Berlin. *
aus DER SPIEGEL 40/1986

Das Buch »Der Parzival des Wolfram von Eschenbach« ist von Dieter Kühn _(Dieter Kühn: »Der Parzival des ) _(Wolfram von Eschenbach«. Insel Verlag, ) _(Frankfurt am Main; 944 Seiten; 48 Mark. )

. Diese Aussage bedarf der Erläuterung. Der zweite Teil des Buchs liefert auf den Seiten 427 bis 904 Wolframs »Parzival«, übersetzt von Dieter Kühn. Der erste hingegen stellt »Leben, Werk und Zeit des Wolfram von Eschenbach« dar. Nicht also Parzival als Figur, als Dichtung; und man tut gut, die Willensbekundung des Autors nicht aus dem Blick zu verlieren: »Ich will bei meinem Grundsatz bleiben, das OEuvre Wolframs in diesem Buch nicht zu interpretieren.« Liest man dann an anderer Stelle, er habe sich »vorgenommen, das Werk des Wolfram von Eschenbach zu skizzieren«, so machen schon diese begleitenden Kommentare deutlich, daß das eine ohne das andere schwerlich möglich, daß eine Rekonstruktion von Zeit und Person ohne Interpretation der _(Uraufführung in Bayreuth 1882, mit ) _(Hermann Winkelmann als Parsifal und ) _(Amalie Materna als Kundry. )

Hauptquellen, nämlich des Werks, sinnlos wäre.

Es handelt sich im ersten Teil also um den Versuch, mit Hilfe der - oft verrätselten - Selbstaussagen und der - durchwegs unsicheren - Quellen Dritter aufgrund genauer Kenntnis des Werks die historische Figur Wolfram von Eschenbach und die ihn bestimmende Lebenswirklichkeit zu rekonstruieren.

Man sieht, Kühn ist wieder bei seinem zentralen Thema: der Schreibung von Geschichte, wie sie gewesen sein könnte. Ihn drängt es, da, wo wir nicht wissen, »wie es wirklich gewesen ist«, den optimalen Annäherungswert an die gewesene Wirklichkeit zu erreichen, und so widmet er historischen oder halbhistorischen Modellen seine »Planspielstudien«, sie gelten »N« = Napoleon (1970) wie Goethe und den Seinen (1985) wie Josephine Baker (1976).

Und sie gelten dem Mittelalter. Erstaunlich genug (und eine Freude dem Mediävisten), daß offenbar eine dieser Epoche gewidmete Publikation den bisher größten literarischen Erfolg Kühns ausmacht, nämlich sein Buch über den mit dem einen Bein noch auf dem Boden des Mittelalters, dem andern schon auf dem der sogenannten Neuzeit stehenden bizarren Weltensegler, Fehdehelden, Diplomaten und aufschneidenden Geschichtenerzähler Oswald von Wolkenstein (1977). Von ihm aus wandte sich Kühn dann weitere zweihundert Jahre zurück und dem Lyriker Neidhart von Reuental zu (1981), mit einer Arbeit, die Kenner von dessen aufbegehrenden Liedern eher enttäuscht. Nun also der Titel, der das Ganze zu einer »Trilogie« macht.

Die Textur flicht sich zusammen aus mehreren Erzählsträngen, die nicht ohne Kunst gegenläufig oder verstrickt geführt werden. Da ist zum ersten die Schicht »Biographie«. Da ist zum zweiten die Schicht »Werk-Übersicht«. Da ist zum dritten die Schicht der insgesamt sechs »Szenarios«. Da sind schließlich noch zwei Dutzend Kapitel von »Meditationen« und »Bohrproben« und anderem, die Zeugnis geben von dem Spürdrang und passionierten Sucheifer dieses Restaurators.

Was nun die Biographie angeht, bleibt nur die simple Feststellung: So könnte es gewesen sein. Es könnte aber auch anders gewesen sein. Kühn hat sich durch Gebirge von wissenschaftlicher Literatur hindurchgearbeitet, sein Text wie der Anhang geben davon beredt Zeugnis.

Daß er auswählend verfährt, manche Instanz und Autorität nicht kennt (oder nicht kennen mag), die in der Wolfram-Forschung markante Spuren hinterlassen hat, ist Teil seines bewußt subjektiven Vorgehens.

Die Skizzen der biographischen Rekonstruktion gehen in die von Kühn so genannten Szenarios ein. Diese breit und eng gepinselten Fresken sollen wohl Erwartungen erfüllen, die mit dem Hinweis auf die »Zeit« Wolframs im Titel geweckt werden. Und hier nun wuchert geradezu panisch die Neigung Kühns zum ausführlichen, ja ausschweifenden Beschreiben des Details. Er erfindet sich (und damit uns) exemplarische Figuren, einen jungen Dienstmann namens Bligger, einen Ritter-Eleven namens Konrad. Mit ihnen dürfen wir hier einen Alltag erleben und dort das umständliche Zeremoniell einer Schwertleite, auch Verhandlungen in Sachen administrativer Nichtigkeiten und wütende Ausbrüche von regionalen Machtkämpfen.

Wir nehmen Kleidungsstücke und Hausrat in die Hand und erfahren auf der Schiffslände vor Mainz Interna von Handel und Wandel und hören die Pferde schnauben und die Walkmühlen stampfen und die Lanzen splittern und brühen in frivolen Dämpfen eines Badehauses und frieren in der Frostkälte eines winterlichen Scriptoriums, uns drücken Eisenmaske, Kettenhemd und Schwertgurt, wir hecheln den geglühten Flachs über der Kratze und freuen uns an den erhellenden Funden in den versickerten Abortgruben, nämlich Stoffetzen und Knochen und »Daubenschalensegmenten und Daubennapfsegmenten und Daubenschüsselsegmenten und Faßdauben und lohgegerbtes Rindsleder«, und wir notieren, daß ein Huhn damals allenfalls ein Viertel des Eierguts legte, das wir ihm heute verdanken - und wir ersticken unter der Lawine von Partikeln der »Zeit«.

Nur leider, Wolfram von Eschenbach löst sich auf in dieser Lawine. Der eigentliche »Held« der Unternehmung verkümmert zum blassen Vorwand, um Kühn freie Bahn zu schaffen, seiner eigentlichen Leidenschaft nachzugehen und sich in einem Rausch, der an Obsession grenzt, den materiellen Fundstücken hinzugeben: dem »Krönlein« an der Lanze, der Grütze in der Schüssel, der Wachstafel in der Schreibstube, den »Nesteln« an der Wäsche.

Dergleichen Lehrstoff wird niemand geringachten. Nur ist er nicht eben neu, nicht originell. Als ich im Juli 1977 im SPIEGEL Kühns »Wolkenstein« rühmte und erklärte: »Die Germanisten und Historiker sind zu beneiden, die künftig dank seinem Wolkenstein ein großes Lehrbuch vom späten Mittelalter haben werden«, da konnte ich nicht wissen, eine wie staunenswert große Zahl von Forschungen zum Alltagsleben des Mittelalters in der Folgezeit publiziert werden würde. Dank Elias und Duby, dank Tuchman und Borst, dank Gurjewitsch und Bumke, dank Le Goff und Ennen und vielen anderen Autoren sind uns die Lebensformen und Allerweltshandlungen auch der Kleinen, der Randgruppen, der schweigenden Vielheit dieser Epoche nicht mehr unvertraut, und was uns Kühn unter dem Parzival-Titel vorführt, kann man ohne großen Suchaufwand

heute aus historischen Werken lernen.

Schild und Sporn in Ehren, denn Wolfram fühlte sich als Mann in Waffen, als Soldat. Aber um ihn zu verstehen, um Parzivals Umkehr und »Erlösung« im Religionsgespräch mit Trevrizent zu begreifen, um den Prolog des »Willehalm« mit dem Gebet an die unfaßliche Trinität zu erfassen, hätte es einiger skizzierender Unterweisung in der Lehrsubstanz der mittelalterlichen Theologie bedurft, der Scholastik. Denn Wolfram ritt ja nicht nur von Franken nach Thüringen, von (vielleicht) dem Grafen von Wertheim zum Landgrafen Hermann, sondern er bewegte sich bei all seinen Zügen unter dem Himmel des Ordo Christianus, und ihn muß man vermessen, wenn man das Mittelalter abschreitet.

Kühns manische Lust an der Observation von Präparaten, seine Neigung zur Spekulation reißt also alle hemmenden Dämme nieder und erlaubt den Wörtern, sich in Massen auf den Leser zu stürzen - ein Strom, der sich gewaltig vermehrt durch die schon im »Wolkenstein« angewandte Technik einer Hereinnahme des Erarbeitungsprozesses in die Darstellung selbst. Sein Text ist durchsetzt von ständigen Werknotizen. In das ganze Buch ist ein Begleitheft eingebaut, das die Reflexion der eigenen Arbeit enthält. Das mag grundsätzlich nicht uninteressant sein, und mancher hält die »Entstehung des Doktor Faustus« für reizvoller als das Entstandene selbst, nur gibt es in unserem Falle für die »Poetik« wenig her.

An dieser Stelle ist es unvermeidlich, aus dem Text der Verlagsankündigung zu zitieren: »Das zweite Buch, die Übertragung des - leicht gekürzten - Parzival-Romans, ist zweifelsohne ein Werk für sich; wagen wir die Behauptung: ein Jahrhundertunternehmen.« Wagen wir denn die Behauptung: Diese Ankündigung ist, zweifelsohne, eine Unverschämtheit. Das Jahrhundertunternehmen ist in den letzten gut hundert Jahren mehrfach gewagt worden, nicht ohne respektables Ergebnis. Daß Zeit und Situation des Übersetzers, heiße er Simrock oder Hertz oder Stapel, im Werk ihre Spuren hinterlassen, ist natürlich.

Im übrigen gilt Kühns Feststellung zu Recht: »Es gibt keine genaue Übersetzung des mittelhochdeutschen Versepos ins Neuhochdeutsche.« Daß er der Übertragung Arthur T. Hattos ins Englische den Preis zuerkennt, ist nicht ohne Konsequenz - dies zu erörtern, müßte man das Problem des Übersetzens als ein Kapitel der Epistemologie verstehen, müßte man insbesondere dem Problem des Übersetzens aus dem Mittelhochdeutschen grundsätzliche Überlegungen widmen. Die dann auch erklären würden, warum es »leichter« ist, diese Texte ins Englische zu übersetzen als ins Neuhochdeutsche. Doch ist Kühns artige Verbeugung vor Hatto zu loben, sein »Thank you, Sir«.

Um eine hochkomplizierte Materie auf eine simple Formel zu bringen: Wer die Verse des Originals mit Reimen ins Neuhochdeutsche überträgt, wird im starren Korsett des Reimzwangs scheitern. Wird verklemmte Figuren und gezwungene Wendungen hinnehmen müssen, wird endlich dem monotonen Geklapper des Wilhelm-Busch-Verses anheimfallen. Die Alternative ist die Prosa-Übersetzung. Sie kann ausführlich sein, kann das präzise Äquivalent suchen oder die Sache umschreiben, kann erklärend paraphrasieren - nur eines kann sie nicht: den poetischen Reiz, den entscheidenden dichterischen Mehrwert des Originals vermitteln.

Daß Wissenschaft unserer Tage die Prosa-Übersetzung favorisiert, hat seinen guten Grund: Der Philologie ist es um Genauigkeit zu tun, sie wird nicht ruhen, bis die letzte erfaßbare Nuance der Vorlage wiedergegeben ist. So daß heute als beste Übertragung des »Parzival« die Prosa-Version aus der Feder des DDR-Germanisten Wolfgang Spiewok gilt.

Kühn ist einen Schritt weiter gegangen, und das Ergebnis seiner Bemühung ist überzeugend. Er hält sich an das poetische Prinzip des Originals, nämlich an den Vers mit den vier Hebungen (Takten). Gibt damit der Sprache ihre straffe, ihre federnde, »poetische« Struktur, die sie zur Dichtung macht. Bewahrt auch die gerade bei Wolfram üppig genutzten Freiheiten, die dieser Versrahmen als ein »Tanz in Ketten« (Ulrich Pretzel) offeriert: in der Füllung des Auftakts; der Innentakte durch variable Senkungszahl; des Verschlusses (der Kadenz). Aber Kühn verzichtet auf den Reim, und er begründet plausibel: »Das Reimen hätte mich dabei behindert, den Versroman so genau, so flexibel wie möglich zu übersetzen. Die vorliegenden gereimten Übersetzungen zeigen, daß der Reimzwang auf fast jede Zeile verformend einwirkt.«

Das Ergebnis ist eindrucksvoll: ein neuhochdeutscher »Parzival«, geformt, aber nicht verzierlicht, straff, aber nicht gekünstelt, spröde, aber nicht schwerfällig.

Kühns Übersetzung aber hat einen - allerdings gravierenden - Makel: Sie ist nicht vollständig, er hat das Original (knapp 25000 Verse) um etwa ein Fünftel gekürzt, das sind rund 5000 Verse. Diesem Verfahren sind vor allem Partien der komplementären - also nicht Parzival in den Mittelpunkt rückenden - Handlungsstränge zum Opfer gefallen, Gahmuret, Gawan und Gramoflans müssen ein gut Teil ihrer Lebensbahnen hergeben.

Soll sich der Käufer dieses Bandes damit trösten, daß die »vollständige Übertragung im Deutschen Klassiker Verlag erscheinen« wird? Da der Übersetzer Kühn dem Tübinger Germanisten und Wolfram-Kenner Walter Haug für »Anregung« und »entschiedene Motivation« sowie für kritische Hinweise dankt, bleibt zu hoffen, daß wir aus gelehrter _(Nach einem Gemälde von Franz Hein. )

Feder auch den Kommentar für die vollständige (und natürlich zweisprachige) Edition erhalten werden.

Es wird nicht verwundern, daß ein Werk solchen Umfangs eine Reihe faktischer Fehler enthalt. Sie hier aufzuzählen, gäbe dieser Rezension einen beckmesserischen Akzent (obwohl: verachtet mir die Beckmesser nicht!, sie sorgen für Genauigkeit, wo das Genie fehlt). So sei es denn genug mit dem Hinweis, daß es zu Wolframs Zeit weder einen König von Bayern gab noch ein Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation, und der Manesse-Codex ist nicht zweieinhalb Jahrhunderte später entstanden (S. 53), sondern nur um die Hälfte dieser Zeitspanne.

Die Schlußszene des ersten Teiles, alles in Smaragdgrün überschimmert von poetischer Melancholie, versammelt zu Wolframs Leichenbegängnis noch einmal die wichtigsten Akteure, von Kühn mit Hilfe des Zauberers Klingsor choreographisch arrangiert. Unter ihnen erkennen wir schemenhaft den Sänger Neidhart, erkennen auch den wackeren Wolkenstein. Selbst Constantin Flakko ist dabei, den wir als Seidenkaufmann vor Mainz getroffen haben. Eine Nebenfigur, und sie hat schwarzes Haar und grüne Augen. Schwarzes Haar aber und grüne Augen zeichnen, wenn ich recht aufgepaßt habe, noch zwei weitere Male eine Hintergrundgestalt aus - jeweils eine andre.

Man weiß, daß mancher Maler, mancher Regisseur es liebte, sich selber mit ins Bild zu bringen, als wär''s ein Stück von ihm. Es ist ein Stück von ihm.

Dieter Kühn: »Der Parzival des Wolfram von Eschenbach«. InselVerlag, Frankfurt am Main; 944 Seiten; 48 Mark.Uraufführung in Bayreuth 1882, mit Hermann Winkelmann als Parsifalund Amalie Materna als Kundry.Nach einem Gemälde von Franz Hein.

Peter Wapneswski

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