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Literatur Wonnen der Sklaverei

aus DER SPIEGEL 21/1995

Die Literatur ist ein ebenso bedächtiges wie gründliches Medium. Doch irgendwann kommt sie garantiert jeder Wallung des Zeitgeistes auf die Schliche, zum Beispiel dem Sado-Masochismus.

Michael Kleeberg, 35, ein hoffnungsvoller deutscher Autor mit Wohnsitz in Paris, hat sich furchtlos in dieses Grenzland der sexuellen Lüste gestürzt und die SM-Novelle »Barfuß« verfaßt. Im Mittelpunkt steht der jugendliche Werbefachmann Arthur. Nach lockeren Single-Jahren hat er endlich die Frau seines Lebens gefunden, ein Kind ist unterwegs, das Glück scheint perfekt zu sein. Doch zugleich nagt lähmend die Furcht an dem Glückspilz, der existentielle Aufschwung könnte sich rasch wieder verflüchtigen.

Als dann noch Arthurs geliebter Kater vorzeitig stirbt, gerät der Sprücheklopfer in eine tiefe Krise. Und da, ausgerechnet, stößt er schicksalhaft auf eine Sex-Offerte im Computer-Service Minitel, in der ein schlagsüchtiger Monsieur nach einem devoten Spielgefährten fahndet. Arthur läßt sich, zunächst widerstrebend, auf das grausame Spiel ein. Peu a peu wird er, unter den gnadenlosen Händen eines schneidigen Schöngeistes, zum stets dienstbereiten Leibsklaven.

In den Ritualen der Marter erlebt der Reklamemann die vollkommene Lust. Während er sich die Fußsohlen peitschen läßt, fiebert die schwangere Gattin ahnungslos der Geburt entgegen. Jäh endet schließlich der Traum von der segensreichen Kleinfamilie. Vom Sadisten gekreuzigt, entweicht dem Gemarterten ein letzter Wonneschrei.

Kleeberg hat nach seinen weit ausgreifenden Romanen »Der saubere Tod« und »Proteus der Pilger« nun ein Stück exzentrischer Seelenbetrachtung gewagt. Er erzählt die knechtische Ballade aus diskreter Nähe zum Schmerzensmann Arthur mit einer leicht preziösen Umständlichkeit, die nie pornographisch ausufert. So schön kann Masochismus sein, wenn er literarisch zelebriert wird.

Michael Kleeberg Barfuß Kiepenheuer & Witsch 29,80 Mark

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