Neue Autobiografie Was Woody Allen über den Missbrauchsvorwurf schreibt

Woody Allens Autobiografie ist in der Welt. Ausführlich äußert er sich darin zu dem Vorwurf, er habe seine Adoptivtochter missbraucht: Er bestreitet es. Allens Sicht der Dinge und eine erste Einordnung.
Filmemacher Allen

Filmemacher Allen

Foto: Europa Press News/ Europa Press via Getty Images

Man hatte die Hoffnung beinahe schon aufgegeben, doch Woody Allen hat sich tatsächlich doch noch zu den gegen ihn seit 1992 erhobenen Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs ausführlich öffentlich geäußert. Sein Schweigen, auch in einem Interview mit dem SPIEGEL 2018, hatte dazu geführt, dass er immer schuldiger erschien.

In der am Montag in den USA erschienen Autobiografie "Apropos of Nothing" (erscheint auf Deutsch unter dem Titel "Ganz nebenbei" am Mittwoch als E-Book und am Freitag als gedruckte Ausgabe im Rowohlt Verlag) widmet Allen sogar mehr als 50 Seiten dem Vorfall von 1992, bei dem er seine damals siebenjährige Adoptivtochter sexuell missbraucht haben soll. Allens ausführlichen Schilderungen zufolge - vorgetragen in einem leichten, streckenweise amüsierten, manchmal lustig-beleidigten Ton - sind die Anschuldigungen Teil eines sinisteren Rachekomplotts seiner damaligen Lebenspartnerin, der Schauspielerin Mia Farrow.

Woody Allen, einer der einflussreichsten und intelligentesten Regisseure des 20. Jahrhunderts, und Mia Farrow, die "sehr, sehr schöne Schauspielerin" (Allen), waren seit 1980 für mehr als ein Jahrzehnt ein Paar gewesen. Gemeinsam haben sie einen Sohn, den heute im Zuge von MeToo weltberühmten Journalisten Ronan Farrow, der Teile des Weinstein-Falls aufgedeckt hat.

Mia Farrow hatte neben Ronan noch drei Adoptivkinder, Soon-Yi, Moses und Dylan. Die letzteren beiden adoptierte Allen ebenfalls, Soon-Yi heiratete er später.

So lauten die Anschuldigungen

Der Vorwurf, der seit mehr als 25 Jahren im Raum steht und inzwischen dazu geführt hat, dass Woody Allens Filme in den USA nicht mehr erscheinen können und sein künstlerisches Vermächtnis de facto zerstört ist, lautet: Er soll 1992 die Adoptivtochter Dylan in Mia Farrows Haus in Connecticut sexuell missbraucht haben. So behaupten es Dylan Farrow selbst, ihre Adoptivmutter Mia Farrow sowie Farrows und Allens leiblicher Sohn Ronan. Wobei dieser zum Zeitpunkt der Tat vier Jahre alt war und deswegen kein eigenes Wissen beisteuern kann.

Woody Allen hat den Vorwurf bislang komplett abgestritten und sich nicht weiter geäußert. Er schien ihn auch lange nicht besonders ernst zu nehmen, denn mehr als zwei Jahrzehnte lang passierte nichts. Erst mit dem Aufkommen der MeToo-Bewegung fanden die Vorwürfe weitreichend Gehör und sorgten de facto für das Ende von Allens Karriere.

Auf Allens Seite stehen zudem Moses Farrow, der andere Adoptivsohn Mia Farrows, der zusammen mit Dylan aufgewachsen ist, sowie Adoptivtochter Soon-Yi, heute Allens Ehefrau. Die Familie Farrow ist über den Vorwürfen zerbrochen. 1992 gab es zwei Untersuchungen zu dem Fall, vom Jugendamt des Staates New York und von der Child Sexual Abuse Clinic der Universität Yale. Beide fanden keine Beweise, mehr noch: Das von Allen zitierte Gutachten aus Yale kam sogar zu dem Schluss, dass die Tat wahrscheinlich nicht stattgefunden habe. Eine Anklage wurde deshalb nicht erhoben.

Woody Allens Sicht der Dinge

Was tatsächlich passiert sein soll, legt Allen nun plaudernd in dem Memoir da. Grund für die Anschuldigungen sei seine Beziehung zu Mia Farrows Adoptivtochter gewesen.

Er habe, da er mit Farrow nie zusammengelebt habe, Soon-Yi als Kind kaum gekannt. Erst als sie erwachsen war und aufs College ging, habe Farrow Allen gebeten, ein bisschen Zeit mit der angeblich verstockten Adoptivtochter zu verbringen. Also nahm Allen, damals 57 Jahre alt, die 22-Jährige mit zu Baseballspielen. Die Beziehung zu Farrow sei da schon abgekühlt gewesen, Soon-Yi und Allen verlieben sich, haben Sex und machen, angeblich durch Zufall, weil eine Kamera gerade herumlag, nackt Polaroidfotos. Allen, in einer Nonchalance, die man nicht vortäuschen kann, sagt, er habe nichts dabei gefunden. Die Sache mit Farrow sei vorbei gewesen, Soon-Yi 22 Jahre alt und nicht mit ihm verwandt, auch habe er keine Vaterfigur für sie dargestellt.

Er beschreibt dann, wie Mia Farrow die Fotos in Allens Penthouse in New York findet, als sie den damals vierjährigen Ronan, der damals noch Satchel hieß, von seiner Therapiestunde abholte, die wöchentlich in Allens Apartment stattfand.

Farrow hätte ihm daraufhin verkündet, ihre Rache werde schlimmer sein als Allens Tod und sie nehme ihm nun seine Tochter weg, denn er habe ihr ihre weggenommen. Ein paar Monate später, im August 1992, behauptet Mia Farrow, Allen habe Dylan auf einem Dachboden an den Genitalien angefasst: Sie selbst war zu der Zeit einkaufen gewesen, aber andere Kinder und deren Babysitter seien im Haus gewesen und hätten den Vorfall berichtet. Dylan hat als Siebenjährige widersprüchliche Aussagen zu den Geschehnissen gemacht, doch später als Erwachsene hatte sie keine Zweifel mehr an der Tat. Allen behauptet, die Mutter habe dem Kind den Vorfall eingeredet, Moses Farrow unterstützt ihn darin.

Deprimierend, in diesem Nebel herumzustochern

Die Rache-Erzählung, wie Allen sie präsentiert, klingt in ihrer verstörenden Leichtigkeit im Buch plausibel und fiktiv zugleich wie der Plot eines der besseren Woody-Allen-Filme. Sie klingt, kontextlos betrachtet, wahrscheinlicher als die Geschichte, dass Allen auf einmal seine Adoptivtochter missbraucht. Aber wie weit kommt man mit Wahrscheinlichkeiten schon bei Sexualverbrechen und wie unendlich kaputt oder krank können Menschen sein, die uns in Ordnung erscheinen, oder im Falle von Woody Allen sogar charmant und geistreich?

Ich selbst habe Woody Allen zweimal getroffen, einmal eine halbe, das zweite Mal eine ganze Stunde. Beim zweiten Mal habe ich ihm trotz ausdrücklichem Verbot die Fragen nach den Vorwürfen gestellt und nach seinem eigenen Sohn Ronan, der ihn für einen Päderasten hält und zuletzt erwirkt hat, dass Allens Autobiografie in den USA nicht wie geplant in ihrem ursprünglichen Verlag erscheinen konnte. Allen blieb entgegen allen Befürchtungen freundlich und hat einfach irgendetwas komplett anderes geantwortet, von dem er hoffte, dass es mich vielleicht auch interessieren könnte.

Blöderweise interessiert einen nichts mehr so richtig an Woody Allen, solange die Missbrauchsfrage nicht geklärt ist. Und noch blödererweise steht zu befürchten, dass wir die Wahrheit nie mehr erfahren werden.

Deswegen wollte ich eigentlich nicht mehr über Woody Allen schreiben. Es ist zu deprimierend, in diesem Nebel herumzustochern. Trotzdem ist es richtig, dass Allen seine Seite der Geschichte nun dargelegt hat und ihm das im Zuge der Cancel-Kultur nicht verboten wurde. Und jeder, der sich ein spekulatives Urteil zu dieser Geschichte und dem Künstler Woody Allen erlauben will, sollte das Buch lesen.  

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