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NEU IN DEUTSCHLAND Wortgetreu bis in den Tod

aus DER SPIEGEL 13/1966

John le Carrés Bestsellerbuch »Der Spion, der aus der Kälte kam«, 1963 erschienen, hat mittlerweile rund 30 Millionen Leser in der Welt. Das ist das Publikum, das-der Film zum Buch nun enttäuschen kann.

Denn das schwarzweiße Lichtspiel »Der Spion, der aus der Kälte kam«, bis in die Dialoge wortgetreu der literarischen Vorlage nachgemacht, ist von der ersten bis zur 112. Minute langweilig.

Autor Carré (Pseudonym für den britischen Ex-Vizekonsul David Cornwell) hat seinen Antihelden Alec Leamas, Angestellter des britischen Geheimdienstes, in eine so vertrackte Spionage verwickelt, daß Spannung bereits entsteht, wenn der Leser die komplizierte Geheimdienst-Intrige mitdenkt.

Leamas, als Sektions-Chef in West -Berlin erfolglos - sein in der DDR ausgeworfenes Agentennetz wird von der DDR-Abwehr aufgeknüpft -, bekommt den Auftrag, den obersten DDR-Geheimdienstmann Mundt tot zu machen. Deshalb spielt Leamas in London die Rolle des ausgestoßenen, whiskytrinkenden Ex-Spions so lange, bis ihn Ost -V-Männer in einem Nachtklub anwerben.

In die DDR geschleust, schürt Leamas auftragsgemäß Zwietracht bei den Gegnern: Er hetzt den zweiten Mann des Staatssicherheitsdienstes, Fiedler, gegen den ersten auf. Mundt, ins Zwielicht gesetzt, muß sich einem Geheimdienstgericht stellen. Als Kronzeuge Fiedlers aber bricht Leamas zusammen: Er gesteht den Intrigenplan des Londoner Chefs. Grund: Während der Verhandlung wird ihm seine Heimat-Geliebte, die kommunistisch-idealistische Bibliothekarin Nan Perry (im Buch: Liz Gold), konfrontiert.

Das Leamas-Geständnis belastet nun Fiedler statt Mundt - und genau das hatte die englische Abwehr vorausberechnet. Denn in Wahrheit ist Mundt was Leamas nicht weiß - Spitzel für England und mußte vor Fiedlers Argwohn geschützt werden.

Mundt revanchiert sich für die unfreiwillige Hilfe - scheinbar: Er läßt Leamas und Freundin fliehen; an der Berliner Mauer werden sie erschossen.

Den verwickelten Stoff brachte »Spion«-Regisseur Martin Ritt ("Carrasco, der Schänder") ungebügelt auf die Leinwand: Immer wieder müssen die Film-Figuren erzählen, warum was passiert (ist) - optisch verständlich wird die Handlung nicht. »Der Film«, fand »Newsweek«, »wird in der Beschreibung der Trostlosigkeit selber trostlos.«

Im Roman ist Leamas. Teilchen einer immer mithandelnden Organisation - und entbehrlich. Im Film ist Leamas unscheinbar - und die Organisation bleibt nur Versatzstück. Richard Burton sieht in der Hauptrolle aus wie ein Mann, den die öffentliche Ehe mit Elizabeth Taylor geschwächt hat; nicht einmal seine Klage ("Spione sind keine Märtyrer: Sie sind ein übler Haufen nichtiger Narren, Verräter, Sadisten, Trunkenbolde") machte ihn stark.

Seine Gegner spielen besser: Peter van Eyck (als Mundt) sitzt, geht und steht stets stramm; der Österreicher Oskar Werner (als Fiedler) wienert für die DDR. Rupert Davies (der Kommissar Maigret des Zweiten Deutschen Fernsehens) trägt im Gehleimdienst Bart und Brille. Und das Nachtklub-Girl macht der Film besser als das Buch - die Darstellerin (Kathy Keaton) ist hübsch.

Der Paramount-Filmverleih, der den »Spion« mit zwölf Millionen Mark finanziert hat, verlangte vom Regisseur ein Happy-End: Leamas und Nan Perry (gespielt von Claire Bloom) sollten an der Mauer nicht sterben. Ritt wollte nicht.

Doch: Schluß-Kitsch hätte diesem Film nicht mehr geschadet.

Buchverfilmung »Der Spion, der aus der Kälte kam"*: Spitzel für England

»Spion«-Darstellerin Kathy Keaton

Anwerbung im Nachtklub

»Spion«-Darsteller Davies

Kommissar Maigret spielt mit

* Peter van Eyck, Richard Burton.

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