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BIOGRAPHIEN Wotans Erwachen

Das Werk von Carl Gustav Jung sei das Ergebnis seiner Neurosen gewesen, behauptet der amerikanische Psychotherapeut Paul J. Stern in seiner jetzt erschienenen Biographie des Schweizer Tiefenpsychologen.
aus DER SPIEGEL 13/1977

Keiner brauche sich »seines Stücks Neurose zu schämen«, schrieb Sigmund Freud in seinem letzten Brief an seinen Schüler und Freund Carl Gustav Jung, als es Anfang 1913 zwischen beiden zum Bruch gekommen war.

Schlimm sei es jedoch, so mahnte Freud weiter, wenn einer »beständig auf seine Gesundheit poche«, obwohl er ein abnormes Verhalten zeige. Der Brief war die Antwort auf Jungs Vorwurf, Freud sei viel zu neurotisch, um andere neben sich gelten zu lassen, während er (Jung) »nämlich gar nicht neurotisch« sei.

Den peinlichen Streit zwischen den beiden Begründern der Tiefenpsychologie und Erzvätern aller Psychoanalytiker, wer neurotischer gewesen sei, versucht jetzt der ehemalige Harvard-Dozent und Psychotherapeut Paul J. Stern in seiner soeben auch auf deutsch erschienenen Jung-Biographie zu entscheiden*.

Der Verlierer ist laut Stern eindeutig Jung. Denn dieser habe schon als Kind neurotische Züge gezeigt und sei in seiner Lebensmitte »hart an den Rand der Psychose« geraten, in der ihm das Schicksal Hölderlins und Nietzsches drohte -- geistige Umnachtung. Zwar habe sich Jung vor dem Wahnsinn retten können, doch »die schizophrene Deformierung« seiner Persönlichkeit sei irreparabel gewesen.

Frühe neurotische Verhaltensweisen Jungs seien, glaubt Stern, durch die bedrückende Atmosphäre im Elternhaus hervorgerufen worden. Der Vater, ein

* Paul J. Stern: »C. G. Jung. Prophet des Unbewußten«. R. Piper & Co. Verlag, München: 280 Seiten; 34 Mark,

unzufriedener, hypochondrischer Landpfarrer, ein »Hiob im Kleinformat«, war oft launisch und gereizt. Die Mutter gab sich zwar als »jovial biedere Pfarrersfrau«, doch dem kleinen Carl erschien sie zuweilen in seinen Wachträumen als »dämonisches Naturweib, halb Sibylle, halb Hexe«.

Aus dieser modrigen Wirklichkeit flüchtete sich das »verträumte Drudenbüblein« in eine »allgegenwärtige Geister- und Spukwelt«, deren schauerlich sakrale Aura seine pubertäre »Sucht nach physisch-metaphysischen Ekstasen« befriedigte.

Er klammerte sich an die Vorstellung, in Wirklichkeit zwei Personen zu sein. Die eine, das war der kleine Schuljunge, der geduldig alle Unbill seiner Umgebung ertrug, die andere war »eine mit Machtfülle und Autorität« ausgestattete Persönlichkeit aus dem 18. Jahrhundert. die »nicht mit sich spaßen ließ« und allen, Eltern, Lehrern und Mitschülern, haushoch überlegen war.

Diese »Halbwüchsigen-Emotionen«, meint Stern, hätten bei Jung Jahrzehnte überlebt, und »man hat den Eindruck ... daß er noch als Greis in den romantisch diffusen Kategorien seiner Frühzeit fühlte und dachte«.

Doch wie baufällig die von Geistern und Dämonen beherrschte Fluchtburg Jungs war, zeigte sich, nach Ansicht Sterns, bei der Trennung von Freud. »Es kam mir oft vor«, so beschrieb Jung selber seine damalige Krise, »als ob riesige Blöcke auf mich herunterstürzten. Ein Donnerwetter löste das andere ab.«

In dieses Chaos von Träumen und Visionen versuchte Jung in einem Akt der Selbstheilung Ordnung zu bringen. Die einzige Möglichkeit dazu war seine Wissenschaft. Stern: »Dem Ansturm der entfesselten Dämonie des Unbewußten ausgesetzt, mußte Jung eigenhändig das Werkzeug schmieden, das den dräuenden Geisterspuk bannen und ihn vor geistiger Umnachtung retten sollte.«

Mit dem Begriff des Kollektiv-Unbewußten als einem Reservoir mythenschaffender Archetypen und seiner »weitschweifigen Typenlehre« (Stern) sei es Jung gelungen, die Dämonen zu bannen und den Bruch mit Freud als schicksalhaftes Ereignis zu erklären.

Der Preis, den Jung dafür habe zahlen müssen, sei die immer weiter fortschreitende Verdrängung der Wirklichkeit gewesen. Dieser Wirklichkeitsverlust habe auch zum unrühmlichsten Kapitel seiner Lebensgeschichte geführt: zu seiner »Kollaboration mit der gleichgeschalteten, arisierten Psychiatrie des Dritten Reiches«.

Freilich glaubt Stern nicht daran, daß Jung der »faschistisch schäumende Psychoanalytiker« gewesen war, als den Ernst Bloch ihn in »Prinzip Hoffnung« anprangert. Doch nennt er Jung »eine Art Sturmbannführer des Geistes«. Jung habe »eine Zeitlang das Phänomen des Nazismus mit sichtlichem, von rückenrieselnden Schauern begleitetem Wohlwollen betrachtet und an der synthetischen Blut-und-Boden-Mythologie der neuen Machthaber Gefallen gefunden, ohne sich viele Gedanken über deren voraussichtliches Endresultat zu machen«.

In der Tat sah Jung im Nationalsozialismus eine »mächtige Eruption« des kollektiven Unbewußten, das »Erwachen Wotans aus tausendjährigem Schlaf«, den Aufstand der germanischen Seele gegen den »areligiösen Rationalismus«.

Dem Irrationalismus Jungs sei auch der Führerkult des Faschismus gelegen gekommen. In einem Aufsatz, den er 1932 geschrieben, aber erst 1934 veröffentlicht hatte, feierte Jung »die führende Persönlichkeit«, der die Weltgeschichte alle großen Taten verdanke. Die »allzeit sekundäre, träge Masse« bedürfe »auch zur mindesten Bewegung stets des Demagogen«.

Fasziniert vom wiedererwachten »Sturm- und Brausegott« Wotan, zögerte Jung nicht, im Jahre 1933 das Präsidenten-Amt »der deutschen Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie« zu übernehmen.

Später habe sich Jung, so urteilt Stern, »nach bekannter Mitläufermanier mit der dürftigen Begründung« verteidigt, »er habe Schlimmes verhüten und die zarte Pflanze Psychotherapie vor dem Zertrampeltwerden durch die Nazis bewahren wollen«.

Wie schwach diese spätere Ausrede war, werde durch die Tatsache belegt, daß Jung im »Zentralblatt für Psychotherapie«, das er von 1936 an gemeinsam mit dem »Reichsführer« der deutschen Psychotherapeuten, M. H. Göring, einem Vetter von Hermann Göring, redigierte, heftige Angriffe gegen die »jüdische Psychologie« geführt habe.

Jung postulierte damals in der Tat eine radikale Verschiedenheit zwischen »der germanischen und der jüdischen Psychologie«. Er ließ es sich auch »nicht nehmen, das »kollektive Unbewußte« selbst, das er früher als universal-menschlich bezeichnet hatte, gleichzuschalten und modisch als »Rassen-Unbewußtes« zu servieren« (Stern).

Hinter Jungs Kampagne gegen die jüdische Psychologie stand nach Sterns Ansicht auch die Haßliebe gegen den geistigen Vater Freud.

Es sei, so schrieb Jung 1934 im Zentralblatt, ein »schwerer Fehler« der Psychotherapie gewesen, daß sie »jüdische Kategorien ... unbesehen auf den christlichen Germanen oder Slawen verwandte«. Die jüdische Psychologie habe die germanische Seele zu einem »Kehrichtkübel« degradiert. Freuds Psychoanalyse sei »zerfasernd«, »entwertend«, »unterminierend«, kurz: eine »obszöne Witzpsychologie«.

Von solcher Phraseologie, meint Stern, sei es »nicht mehr weit zum Nazi-Vokabular vom artfremden, zersetzenden, geilen, sich nur aufs Schachern und Feilschen verstehenden, parasitischen Volksfeind -- dem Juden«.

Zwar habe Jung schon 1934 seinen Pakt mit dem Nationalsozialismus damit verteidigt, »man könne nicht gegen Lawinen protestieren«. Doch Stern glaubt nicht an eine durch die »Übermacht der Verhältnisse erpreßte Anpassung«, angesichts der Tatsache, daß Jung noch 1938 in einem Interview mit dem US-Journalisten H. R. Knickerbocker emphatische Worte für Hitler fand.

Jung nannte damals, laut Stern, »den »Führer« einen Mann mit dem Blick des Sehers, eine historische Erscheinung, die in die Kategorie der wahrhaft mystischen Medizinmänner gehöre, ein Sprachrohr der deutschen Seele, dessen Macht nicht politisch, sondern magisch fundiert sei, und ... ein »geistiges Gefaß"'.

Erst im Zweiten Weltkrieg habe Jung seine Bewunderung für den Nationalsozialismus aufgegeben. Und nach 1945 vertrat er sogar, wie ihm Ludwig Marcuse vorwarf, die These von der deutschen Kollektivschuld. Jung neigte eben dazu, meint Stern, »in der Politik -- und nicht nur in dieser -- sehr wetterwendisch, um nicht zu sagen: opportunistisch zu sein«.

Die Art, wie der Psychotherapeut aus Massachusetts den »Propheten des Unbewußten« auf die Freudsche Couch legt, wird -- teils zu Recht -- alle Jung-Jünger empören. Die von Stern diagnostizierten Neurosen Jungs verdecken seine Leistung, ein Bild des Menschen entworfen zu haben, dessen Handeln von übergreifenden Kraftfeldern bestimmt wird.

Damit hat Jung modernen Fächern der Psychologie, wie der Motiv- und Symbolforschung, der Sozial- und Religionspsychologie, wichtige Anregungen gegeben. Doch Stern war, so schrieb »The New York Times Book Review«, »unerbittlich darauf aus, Jungs Leben und Werk lediglich als Ergebnis seiner Neurosen« darzustellen.

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