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Würstchen im blauen Wunder

Von Klaus Umbach
aus DER SPIEGEL 15/1991

Auferstanden aus Ruinen ist, wie es aussieht, ein Prachtstück: Knapp dreieinhalb Jahre nach der Brandstiftung, die im November 1987 große Teile der Frankfurter Oper zerstörte, ist die Singstätte wieder in Betrieb. 170 Millionen Mark wurden verbaut, damit nun wieder stilvoll 62 Millionen Mark im Jahr verjubelt werden können, davon 55 Millionen aus dem städtischen Steuersäckel.

Über 100 Millionen Mark hat allein der 41 Meter hohe Bühnenturm gekostet, ein Sesam voll High-Tech. 72 lautlose Seilzüge bewegen die oft tonnenschweren Dekorationen pro Sekunde 1,2 Meter rauf oder runter. Die Scheinwerfer werden über 500 regelbare Stromkreise gesteuert. Im Zuschauerraum, unter einem funkelnden Halogen-Firmament, finden in blautapeziertem Parkett und Rängen 1344 Gäste auf blauem Gestühl Platz, um über blauem Velours - vielleicht - das blaue Wunder eines funktionierenden Musiktheaters zu erleben.

Im siebten Stock, allem unbefugten Vorwitz entrückt, ist für 154 000 Mark ein besonders exquisites Oberstübchen eingerichtet worden. Edelfurniere aus teuren Tropenhölzern geben dem Maisonette-Domizil Flair; Dusche und Klosett wurden »besser isoliert«, um »andere Toilettengeräusche« zu dämpfen. Noch fehlt dem stillen, teuren Örtchen allerdings der endgültig legitimierte Benutzer: Das Refugium ist nämlich dem Intendanten zugedacht, und daran gebricht es derzeit dem Frankfurter Opernhaus.

Aber seit dem Wochenende spielt man wenigstens wieder in diesen heil''gen Hallen: Als tollkühn gewählte Wiedereröffnungsnummer ertönte Mozarts »Zauberflöte«, es floß Champagner, Leckereien wurden gereicht, und auf den Mienen der handverlesenen Premierengäste machte sich Genugtuung breit, daß die Finanz-Kapitale nun auch wieder ein Showfenster hat für Aida, Salome und alle die Bankiersgattinnen, die sich im kurzen Schwarzen von den Taunushügeln herablassen.

»Wir sind wieder da«, trällerte die örtliche Kulturdezernentin Linda Reisch und wähnt »die wilde Schlachtphase endgültig hinter uns«. »Wir sind über den Berg«, redet sich auch Hans Peter Doll ein, derzeit der kommissarische Hausherr.

»Wir wollen erreichen, daß die Oper wieder als das größte und vornehmste Kultur-Institut ins Bewußtsein der Stadt kommt«, entfuhr es allen Ernstes dem geschäftsführenden Operndirektor Martin Steinhoff. »Wir wollen wenig versprechen und um so mehr halten«, ließen sich die interimistisch leitenden Herren Doll, Steinhoff und Generalmusikdirektor Hans Drewanz im offiziösen Trio vernehmen.

Dabei, o Isis und Osiris, klappt eigentlich nichts in diesem Saftladen. Als Regisseur der Wiedereröffnungs-»Zauberflöte« war ursprünglich der angesehene Berliner Inszenator Thomas Langhoff angekündigt. Aber der schmiß den Kram hin, bevor er ihn überhaupt richtig angepackt hatte.

Daraufhin engagierten die Frankfurter den gebürtigen Albaner Federik Mirdita, einen hochbegabten Dickschädel. Mirdita, glaubte Doll alle Skeptiker überzeugen zu müssen, habe »schon 20mal Mozart gemacht«. Und wenn - den 21. Mozart machte er jedenfalls nicht am Main: Am 13. Februar 1991, nicht einmal acht Wochen vor dem Premierentermin, trennten sich Künstler und Oper »in beiderseitigem Einvernehmen«.

Abgang Mirdita; Auftritt Weber, Wolfgang. Das Ersatz-Engagement des weithin unbekannten Münchners sei, lästerte letzte Woche die Welt, wohl »eine Zweit- bis Drittbesetzung«. Jüngster Frankfurter Kantinenwitz über den »Künstlerischen und Szenischen Leiter des Opernstudios der Wiener Staatsoper": Ist der nun ein Wiener oder ein Frankfurter Würstchen?

In ganzseitigen Zeitungsanzeigen buhlte derweil das Haus mit dem Brandmal unter den opernentwöhnten Frankfurtern mit der Ankündigung von sechs Repertoire-Klassikern um neue Kundschaft. Doch außer der »Zauberflöte« sind alle Stücke hauseigene Ladenhüter. Verdis »Maskenball« gilt als Antiquität. Dafür können die - für den Betrieb unverzichtbaren - Abonnenten die »Zauberflöte« einstweilen nicht und wenn, dann nach den sommerlichen Theaterferien, sehen. Entsprechend ist Hochstimmung im Publikum.

Den zum Jahresende 1990 versandten Prospekt mit der längerfristigen Spielplanung hat das amtierende Dreigestirn durch den Hinweis, das Ganze sei »unverbindlich«, postwendend zu Makulatur gestempelt: 250 000 Mark im Mülleimer. Auch soll das für 70 000 Mark Honorar entworfene Opern-Logo gar nicht erst verwendet werden.

Die Juni-Tournee der Frankfurter - die Oper wollte nach Israel - wurde wieder abgesagt, das für angeblich 2,6 Millionen Mark eingekaufte Ersatzprogramm - Gastspiele der Oper Leipzig und der Covent Garden Opera London - wieder gestrichen.

»Eine Schnapsidee gebiert zur Zeit die nächste«, kommentierte der FAZ-Beobachter Gerhard Rohde das Affentheater. »Wie schön haben es Satiriker in Frankfurt«, frotzelte aus München die Süddeutsche Zeitung, »sie bekommen ihren Stoff gratis.« Und in der Frankfurter Rundschau malte der Kritiker Hans-Klaus Jungheinrich bereits »ein Musiktheater-Desaster« aus, »wie man es seit 1945 in dieser Stadt nicht mehr erlebt hat«.

Das Elend fing an, als 1987 die erfolgreiche Amtszeit des Dirigenten-Intendanten Michael Gielen ("Gielen-Ära") endete. Zum Nachfolger Gielens hatte sich der damalige Frankfurter Kulturdezernent Hilmar Hoffmann einen besonders sensiblen Kandidaten ausgeguckt: den israelischen Stabführer Gary Bertini, der sich in der Werbebroschüre seiner ersten Spielzeit gleich als »weltberühmt« ausrufen ließ.

Und was heißt: Stabführer? Der weltberühmte Bertini führt und wirbelt und schaukelt und schleudert den Taktstock in den allerästhetischsten Figurationen durch die Lüfte. Das sieht immer aus, als führe er Bedeutendes auf und vor. Oft ist das optische Täuschung.

Mit der Leitung eines hochsubventionierten Institutes vom Rang der Frankfurter Oper war Bertini bis dahin nicht vertraut, Erfahrungen in und mit der Verwaltung fehlten ihm fast völlig. Aber er startete guter Dinge: »Mein Ziel ist totales Theater.«

Davon gab es bald mehr als genug. Als die Oper nach dem Brand ins benachbarte _(* Mit Michael Vier (Papageno) und ) _(Alexandra Coku (Pamina). ) Schauspielhaus ausweichen mußte, legte sich Bertini mit Schauspiel-Chef Günther Rühle an: Bertini, so Bertini, habe Vorrang. Schon wenige Monate nach Dienstbeginn suchten die beiden von Bertini engagierten Chefdramaturgen wieder das Weite, und auch der Technische Direktor Max von Vequel-Westernach, eine Seele des Ganzen, schied vergrault aus dem Amt.

In dem vom künstlerischen Exodus geschwächten Haus häuften sich Pannen und Plotten. »Kaum eine Aufführung«, bilanzierte der Kritiker Bernd Feuchtner, habe »triftig ihre Notwendigkeit bewiesen": viel »Herumstehtheater (ZDF-»Aspekte"), »szenische Nullösungen« und »gepflegte Langeweile« (Weltwoche). Verdis »Rigoletto« empfand FAZ-Kritiker Gerhard R. Koch als »Krimi von der Schockqualität milden Kamillentees«.

Bei diesen Turbulenzen mochten Bertini, der »glaubt, ein Opernhaus wie einen mittelprächtigen Gemüseladen führen zu können« (Frankfurter Rundschau), schon Zweifel kommen, ob er wohl über 1992, das Ende seiner ersten Amtsperiode, hinaus am Main erwünscht sein würde.

Da fügte es sich glücklich, daß der Maestro um die Verlängerung seines Vertrages bereits nach zwei Spielzeiten pokern konnte - als das Fiasko seiner Intendanz sich allenfalls andeutete. Also pokerte er, mit Erfolg. Im Januar 1990 beschloß der Magistrat einstimmig - in Worten: einstimmig - die Vertragsverlängerung bis Juni 1996.

Bei dieser Gelegenheit wurden gleich auch die monetären Dinge dezent nach oben korrigiert. Fortan erhielt Bertini 250 000 Mark Grundgehalt pro Saison, dazu 3000 Mark für jedes der 40 vorgesehenen Dirigate und 25 000 Mark für jede der drei geplanten Neueinstudierungen. Bei einer Anwesenheitspflicht von nur sechs Monaten und, im übrigen, weltweiter Tingelfreiheit waren diese 445 000 Mark eigentlich kein Hungerlohn.

Dennoch war es wohl unschicklich, Bertini auch mit den weniger schöngeistigen Aufgaben seines Amtes zu belasten. Jedenfalls holte Kulturdezernent Hoffmann 1989 einen alten Bekannten an die Städtischen Bühnen zurück: das bewährte Schlitzohr Ulrich Schwab. Schwab, der in Frankfurt den Wiederaufbau des Repräsentationstempels Alte Oper erfolgreich betrieben und dieses Etablissement dann jahrelang als Generalmanager geführt hatte, war 1984, im Strudel um das Fassbinder-Stück »Der Müll, die Stadt und der Tod«, fristlos gekündigt worden, er hatte allerdings noch 75 000 Mark Abfindung bei der Stadt erstritten. Nun kehrte er, für 250 000 Mark im Jahr, wieder in städtische Dienste zurück: Schwab wurde Generalmanager einer Generalintendanz für die drei klassischen Sparten Oper, Ballett und Schauspiel.

Das ging indes nur so lange gut, bis der Bonner Schauspielchef Peter Eschberg sein Jawort zum Wechsel nach Frankfurt gab. Das gab er nämlich nur gegen rund 280 000 Mark Jahressalär und die Zusage der Stadt, ihre Bühnen wieder in drei Sparten zu trennen. Die Stadt trennte, Separatist Eschberg unterschrieb (Dienstbeginn: September 1991), und der nun irgendwie wegorganisierte Schwab wurde ab 1. September 1990 einfach Co-Intendant in der Oper.

Kurz nach der Ernennung überwarf sich Schwab mit der noch amtsjungen Kulturdezernentin Reisch. Schwab, forderte die Reisch, müsse alle seit dem 1. September 1990 geschlossenen Verträge offenlegen, die Reisch-Referentin Füllenbach sprach sogar von »Unregelmäßigkeiten«. »Es ist doch schrecklich«, entfuhr es daraufhin dem gebeutelten Schwab, »wie hier in den Krümeln gesucht wird.« Der Krümelei überdrüssig, lehnte Schwab die Drei-Sparten-Teilung und Etat-Kürzungen für die Oper ab und nahm seinen Hut. Abfindungsforderung, wie man hört: fast eine Million Mark.

Das und die Stärkung des Schauspiel-Kollegen Eschberg ließen nun auch wieder Bertini aufhorchen, von dem man in Frankfurt eigentlich schon gar nichts mehr gehört hatte. So ohne weiteres war der überaus empfindsame Kapellmeister nun nicht bereit, seinen Vertrag auf denjenigen Eschbergs abstimmen zu lassen. Frau Reisch flog sogar eigens nach Chicago, um dort mit dem vielbeschäftigten Maestro wenigstens nach der Probe mal einen Plausch über die Arbeitsverhältnisse zu halten. Dann endlich, am 9. November 1990, war der Pakt okay.

Aber okay war damit wieder mal nichts, vor allen Dingen zwischen Bertini und dem Bertini-losen Orchester in Frankfurt war alle Harmonie flöten. Am 26. November votierten die verstimmten Musiker gegen ihren Chef: 91,5 Prozent gegen den Intendanten, 77,6 Prozent gegen den Dirigenten. Als der Dirigenten-Intendant von dem Mißtrauensvotum erfuhr, wurde er auf der Stelle amtsärztlich krank.

Die körperliche Unbill hielt erfreulicherweise nicht an. Spätestens bis 13. Dezember, 12 Uhr, so ließ Bertini über seine Advokaten verlauten, müsse die Stadt »das Vertrauensverhältnis zwischen Orchester und unserem Mandanten vollumfänglich wiederherstellen«. Die Branche hielt sich vollumfänglich den Bauch vor Lachen.

Aber Bertini meinte es ernst. Als die Stadt sich taub stellte, kündigte er fristlos, was die Zeit zu beinahe klassenkämpferischem Jubel animierte: Die Orchestermusiker hätten es geschafft, »den Dirigenten loszuwerden, der die Frankfurter Oper innerhalb von dreieinhalb Jahren in die künstlerische Bedeutungslosigkeit organisiert und dirigiert hat«.

Während jetzt das Intendanten- und Dirigenten-Karussell wie üblich auf Touren kommt, hat Bertini der Geld-Stadt Frankfurt erst einmal seine Schadensersatzforderung aufgetischt: 3,2 Millionen Mark. Na und? Man gönnt sich ja sonst nichts.

* Mit Michael Vier (Papageno) und Alexandra Coku (Pamina).

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