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MODE Würze der Kürze

Mini oder Nicht-Mini? Blanke Po Hälften waren in Paris wieder zu sehen, aber nur als Versuchsballons -- und zum Schrecken der Branche.
aus DER SPIEGEL 45/1976

Letzte Woche eilte das Modevolk noch fiebriger als in den Jahren vorher nach Paris. Im Mekka neuer Trends suchte es Antwort auf die bange Frage, ob die neuen Minis wirklich durchkommen oder nicht.

Zu seinem Trost fand es seine schlimmen Befürchtungen nur beim japanischen Wunderstar Kenzo bestätigt. Er residiert jetzt in drei Etagen unter dem Etikett »Jungle Jap« an der Place des Victoires. Und nur hei ihm hüpfen die Mädchen -- leicht angeschummt -- fast ausschließlich mit nackten Schenkeln über Treppen und Podeste.

Überall anderswo warten Röcke in jeder Länge, darunter besonders viele lange Bauernfalten mit gepufften Blusen, auf einen sanften Sommer.

Dabei offeriert Kenzo laut » International Herald Tribune« »der meistkopierte Designer von Paris« -- einen völlig neuen Mini. Er hat mit seinem steifen historischen Vorgänger aus den sechziger Jahren nichts mehr gemeinsam. Kenzos Mini ist weit wie ein Ballon. Oft kneift ein Gürtel die Ansätze von Schmetterlingsärmeln oben in der Taille zusammen und preßt dafür unten ein kurzes Röckchen heraus. Manchmal blinzelt auch eine halbe nackte Pohälfte vor.

Aber nur unverbrüchliche Kenzo-Bewunderer dankten es ihm mit Jubel. Einkäufer hielten sich eher zurück. »Sehr prophetisch«, orakelte ein Kaufhaus-Präsident von der New Yorker Fifth Avenue, »aber verfrüht.« Und das US-Textilblatt »Women"s Wear Daily« erfand auch gleich für das aufgeblähte Minikleid ein neues Wort: »Mini-Sack« -- bewußt nicht gerade förderlich für die Verbreitung.

Denn die Textil-Branche haßt das Auftauchen vom neuen Mini wie die Pest. Er stört den Verkauf vom halblangen und halbweiten Rock, der sich gerade in allen Schichten eingebürgert hat. Bitter beklagte sich das Branchenblatt »Textil-Wirtschaft« über die Schlagzeilen um den Mini. »Die verunsichern doch nur die Käufer. Und die romantische lange Masche geht gerade so gut.« Und die Chefredakteurin von »Burda Moden« erboste sich: »Das Geschrei um den Mini, das machen doch nur die Männer.«

In der Tat sind die Pariser Sommerkollektionen nur ZU jeweils fünf bis zehn Prozent mit den Kurz-Waren bestückt. Karl Lagerfeld von »Chloé« stopft jeweils Saumzipfel von langen Blumenröcken in den Gürtelbund und lüftet so durch Raffen ein langes nacktes Bein. Trend-Master Saint-Laurent nähte an Schnürkorsetts aus denen überraschenderweise mollige Busen quellen -- einfach kurze Röckchen an.

Aber die Korsett-Minis machten allenfalls ein Zehntel seiner Mammut-Kollektion aus (300 Modelle, drei Stunden Defilée), die den 40jährigen Yves diesmal völlig erschöpfte. Grünlichweiß und auf seine Mannequins gestützt, die noch mit den Taftrüschen vom Cancan knisterten, schwankte er in den Applaus und gleich hinter der Bühne in die Arme eines Arztes.

In solche Zustände braucht die Mini-Angst die Textilbranche nicht zu versetzen. »Der neue Mini«, erläuterte die »Herald Tribune«, »ist diesmal nur eine Alternative zu vielen Längen. von überm Knie bis an die Knöchel.«

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