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SCHOLTIS Wulli statt Wilhelm

aus DER SPIEGEL 14/1960

Kurz vor seinem Tode - er starb im Januar 1960 - schrieb der frühere Vertriebenenminister Dr: Hans Lukaschek seinem »lieben Freund« August Scholtis, er habe dessen jüngstes Buch »Ein Herr aus Bolatitz« gelesen und finde es »sehr gut, soweit ich überhaupt ein Urteil mit meinem geringen geistigen Rüstzeug habe«.

Vor Jahrzehnten war dem Breslauer Lukaschek ein anschaulicheres Urteil gelungen: »Scholtis verfügt über schriftstellerische Begabung, aber vorläufig scheißt er noch in der guten Stube.«

Als unbedingt stubenrein dürfen auch die Lebenserinnerungen* nicht gelten, die der 58jährige August Scholtis kürzlich veröffentlicht hat. Sie bestätigen durchaus den Ruf einer etwas polternden Eigenwilligkeit und Skurrilität, in, dem Scholtis bei Kritikern und bei seinen Schriftsteller-Kollegen - die er gern »geistige Eisenbahnräuber« nennt

- seit langem steht.

Der Schutzumschlag der jetzt vorliegenden Dichter-Memoiren imitiert das Bruststück eines Hahnentritt-Sakkos; aus dem Täschchen ragen Tuchzipfel mit den Initialen AS, die sich wie ein Herrenwappen gebärden; allerdings fehlt die Krone: Scholtis, als Titelheld seiner Autobiographie »Ein Herr aus Bolatitz«, ist 1901 als Sohn eines Häuslers und Dorfbäckers zur Welt gekommen. Sein jüngstes Buch bedeutet nach Ansicht eines begeisterten Kritikers »eine so glänzende Kulturgeschichte Oberschlesiens, daß sich zehn 'Ostdeutsche Forschungsstellen' erübrigen, beziehungsweise dahinter verstecken können«.

Das Maurerdorf Bolatitz, aus dem Scholtis stammt, im vorwiegend mährischen Hultschiner Ländchen, Kreis Ratibor, wurde 1919 tschechoslowakisch, 1945 polnisch. August Scholtis: »Väter und Söhne bevölkerten preußische Kasernen bis zum ersten Weltkrieg, darauf polnische (oder tschechische), im zweiten Weltkrieg abermals preußische .... und so munter hin und her.«

Scholtis schätzt es, sein Leben stets vor die Kulisse des Weltgeschehens zu stellen. Seine Aufzeichnungen beginnen mit den Sätzen: »Für den ersten Weltkrieg noch zu jung, für den zweiten schon zu alt, ist mein Geburtsjahrgang 1901 militärisch unerheblich. Eine entsprechende Expertise im zweiten Weltkrieg fand diesen unsoldatischen Jahrgang durch das sogenannte Weimarer Regierungssystem marxistisch infiziert. Aus diesem Grunde diente ich im Hitlerkrieg nur bei der Feuerwehr.. Eines seiner 107 Kapitel und Kapitelchen hat Scholtis lakonisch überschrieben: »Ich bin Hilfswachtmeister der Feuerwehr, und Hitler greift Sowjetrußland an.«

»Rings um mein Heimatdorf gehörten ... fünfzig Domänen dem Fürstengeschlecht Lichnowsky«, erzählt Scholtis aus seiner Kindheit. »Schloß, beziehungsweise Kloster Bolatitz war bis zuletzt Fürst Lichnowskyscher Besitz... »Dicht neben diesem Kloster dröhnte die herrschaftliche Schnapsbrennerei, anhebend tief in der Nacht, noch vor dem Hähnekrähen, und bis in den späten Abend hinein. Ihre Dampfschwaden umlagerten den sumpfigen Bach, wo ich als Knabe die Beine in heißen Abwässern der Brennerei baumeln ließ, Andersens Märchen lesend oder jene der Gebrüder Grimm, zwischendurch auch die Biblische Geschichte in unserer schmalen Schulausgabe.«

Der junge Scholtis wurde von seinem Lehrer Karl Schodrok gefördert, der heute in Würzburg die Zeitschrift »Schlesien« herausgibt. Folgenreicher war für Scholtis allerdings ein Glücksumstand, der den Dorfbäckersohn aus Bolatitz für sieben Jahre in die Kanzlei des Fürsten Karl Max Lichnowsky (1860 bis 1928) und der Fürstin Mechtilde (1879 bis 1958) brachte, einer Urenkelin der Kaiserin Maria Theresia, die bei Fachleuten als präzise Schriftstellerin einen hohen Ruf hat.

Gemessen an den schlesischen Kohlen- und Hüttenmagnaten ringsum waren die Lichnowskys mit ihren fünfzig Rittergütern und ihrem lukrativen Flachsbau nur, was Scholtis »Würstchen« nennt. Immerhin reichten ihre Millionen für Schlösser, für Villen in Berlin, München und an der Riviera und für den Aufwand, den ein Kaiserlicher Botschafter in London (Karl Max Lichnowsky war der letzte) aus eigener Tasche bezahlen mußte.

Der Fürst, der gegenüber dem begabten Dorfjungen August die Rolle eines Mäzens übernahm, hatte sich zäh für eine friedliche Regelung der europäischen Streitfragen eingesetzt. Die Wilhelmstraße umging ihn, als jene »Nibelungentreue« zu Österreich zur Parole wurde, die aus den Schüssen von Sarajewo einen weltweiten krieg machte. Grollend zog sich Lichnowsky zu Kriegsbeginn mit seiner dichtenden und zeichnenden Gattin auf seine Schlösser zurück.

Scholtis weiß zu berichten, die Lichnowskys hätten den säbelrasselnden und bramarbasierenden Wilhelm II dermaßen verachtet, daß sie ihren ältesten Sohn, dessen Pate der Kaiser war, niemals mit seinem Vornamen Wilhelm, sondern immer nur Wulli anredeten.

Berühmt und berüchtigt wurde ein privates, für das Hausarchiv abgefaßtes Memorandum des Fürsten, das 1916 auftauchte. Scholtis erzählt, wie er das Manuskript vom Kanzleivorsteher zum Abschreiben in die Hand bekam - »Hier können Sie sich mal amüsieren« - und was sich der stramm national und kaiserlich erzogene, damals 15jährige Häuslersohn dabei dachte:

»Diese Bekenntnisse, Enthüllungen, Beschwörungen, Richtigstellungen eines Irrweges der kaiserlich-deutschen Politik mußten mein gesamtes preußisches Weltbild in Verwirrung und Empörung stürzen ...

»Der letzte kaiserlich-deutsche Botschafter in London korrigierte das gehässige Bild der Engländer, derentwegen wir in der Schule bereits einen neumodischen Gruß eingebläut bekamen: 'Gott strafe England'.

»Vom Dienst nachdenklich heimgekehrt, hörte ich durch die Eltern, wer an Männern der Nachbarschaft oder Verwandtschaft schon wieder an der Ostfront, Westfront oder Südfront gefallen sei. Nunmehr wußte ich, daß dieser Tod fürs Vaterland um einer Sache willen geschah, die nicht ganz in Ordnung zu sein schien.«

Es dauerte fast zehn Jahre, bis Scholtis, der von Kanzlei zu Kanzlei wechselte und auch bei schlesischen Kohlenmagnaten und in der Porzellanfabrik Rosenthal arbeitete, über Breslau nach Berlin kam - nahezu ohne Geld, aber entschlossen, sich als Schriftsteller zu etablieren.

Als er 1932 sein erstes Buchmanuskript - den Geniebrocken »Ostwind« - anbot, griff der prominente S. Fischer Verlag zu, wodurch in der damaligen Zeit so etwas wie ein literarischer Gütestempel verbürgt war. Scholtis zeigte in seinem Erstlingsbuch seine »mährischen Preußen« in Dreck und Speck; die Standesherren waren Lüstlinge und Nichtstuer, die Komtessen wehleidige Puten oder naschsüchtige Halbjungfern. Ein erzürnter Berufsschlesier lief damals, laut Scholtis, mit der Reitpeitsche in Berlin herum - auf der Suche nach dem »Ostwind«-Autor.

Das gleiche Milieu zeichnete Scholtis 1934 in seinem zweiten und wichtigeren Buch »Baba und ihre Kinder": verschlafene Feudalherren, Gutsvögte, die das Gesinde zur Arbeit hetzen, und ringsum, bei etwas durchtriebener Frömmigkeit, Unzucht und Sadismus.

Mit solchen Schilderungen vom Landleben machte sich Scholtis bei den Literaturwächtern des Dritten Reiches nicht eben beliebt; immerhin tat man dem widerborstigen Scholtis nichts. Der »militärisch unerhebliche« Autor überstand einige Haussuchungen, Gestapovorladungen und Haft, wurde aber dennoch auch in diesen Jahren gedruckt.

»Es ist fast ein Wunder zu nennen, daß Scholtis ... nicht von irgendwelchen Fememördern oder andern Schergen umgelegt worden ist«, meinte Karl Korn ("Frankfurter Allgemeine") nach dem Erscheinen der Scholtis-Biographie. Er findet, daß Scholtis, der bis 1939 fünf Romane veröffentlichte und seitdem keine mehr, nach zwei Jahrzehnten den Anschluß an seine Frühwerke gefunden habe: Die »unerhört faktenreiche, farbige Dokumentation« der Autobiographie sei »auf eine so prachtvolle Art tapfer und wahrhaftig, daß es nichts Vergleichbares heute gibt«.

Auch der Wahlschlesier Hugo Hartung ("Wir Wunderkinder") rühmt die »ehrlichen, uneitlen, nie posierenden und gegenüber politischen, moralischen oder ästhetischen Effekten völlig wurschtigen Lebenserinnerungen« des Herrn aus Bolatitz.

Auf pauschale landsmannschaftliche Anerkennung organisierter Schlesier darf Scholtis weniger hoffen: Er erwähnt in seinen Memoiren die »Scheltbriefe«, mit denen er Redaktionen, Verlage und einschlägige Behörden, aber auch die ostdeutschen Flüchtlingsverbände noch immer beliefert.

* August Scholtis: »Ein Herr aus Bolatitz«;

Paul List Verlag, München; 460 Seiten; 18,80 Mark.

Memoiren-Autor Scholtis

Im Dritten Reich Feuerwehrmann

Mäzen Fürst Lichnowsky

Im Zweiten Reich Botschafter

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