Zur Ausgabe
Artikel 92 / 119
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

LITERATUR Wunderbare Bürowelt

aus DER SPIEGEL 19/2007

Mal ehrlich: Gibt es Leute, die mehr nerven als die lieben Kollegen? Man hat sie sich nicht ausgesucht, aber man verbringt den größten Teil des Tages mit ihnen und ihren Gewohnheiten, Charakterschwächen und Körpergerüchen. Und dann wird man krank. Und stellt fest, dass sie einem fehlen, die lieben Kollegen samt ihren Klatschtreffs am Kopierer und ihrem täglichen Kantinenappell um Punkt zwölf Uhr. Denn wer kennt uns eigentlich besser?

Die menschlichen Dynamiken des Büroalltags werden in der Gegenwartsliteratur viel zu selten ausgelotet. Darum ist »Wir waren unsterblich«, der fabelhaft beobachtende und ausnehmend komische Debütroman des jungen Amerikaners Joshua Ferris, gar nicht hoch genug zu loben. Er spielt in einer Werbeagentur in Chicago am Ende des New-Economy-Booms: Die Aufträge werden weniger und die Kündigungen mehr. Die Angst geht um auf den Agenturfluren - und die Langeweile.

Ihre Zeit verbringen die Angestellten damit, die Deckenplatten in ihren Büros zu zählen oder Gerüchte weiterzutragen, besonders gern über ihre Chefin Lynn, die vielleicht (oder auch nicht?) an Brustkrebs leidet, und über den geschassten Werbetexter Tom, der vielleicht (oder auch nicht?) einen Rachefeldzug plant.

Was mit Lynn und Tom geschieht, macht fast schon die ganze Handlung aus. Viel mehr interessiert sich Ferris, 32, für die Rituale des endlos um sich selbst kreisenden Büro-Mikrokosmos. In einem gewagten Schachzug erzählt er nahezu den ganzen Roman in der ersten Person Plural, und diese Wir-Perspektive erfasst genau die Komplexität jenes Gemeinschaftsgeschöpfs, gewöhnlich Kollegenkreis genannt, zu dem die Angestellten bei Dienstantritt verschmelzen. Es ist das Wir der geteilten Rituale, Erniedrigungen, stillen Übereinkünfte und Karriereziele: selten eingestanden und doch sehr real.

Am Ende möchte der Leser geradezu seine eigenen Kollegen umarmen - oder ihnen zumindest so einiges verzeihen.

Joshua Ferris: »Wir waren unsterblich«. Aus dem Amerikanischen von Frank Wegner. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek; 448 Seiten; 12 Euro.

Zur Ausgabe
Artikel 92 / 119
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.