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ABENTEUER Wunderbare Person

Ein Paar spielte »Schiffbrüchige«, um seine »Grenzen« kennenzulernen: Die Engländerin Lucy Irvine schildert ein Jahr auf einer einsamen tropischen Insel - »Eva und Mister Robinson«. *
aus DER SPIEGEL 1/1985

Wenn ein gestandener Mann auf eine einsame, unbewohnte Insel ziehen will - was nimmt er da mit? Keinen Quickelkram wie die »Duineser Elegien« oder die späten Beethoven-Quartette. Sondern was Faßbares.

»Schriftsteller sucht ''Ehefrau'' für ein Jahr auf tropischer Insel«, annoncierte der englische Journalist und ehemalige Fallschirmjäger Gerald Kingsland. Er setzte die Anzeige ins Londoner Szeneblatt »Time Out«, und 52 Frauen gaben Laut.

Vier von ihnen zog er in die engere Wahl, aber die Qual blieb: Sollte er die »schöne, reiche 48jährige« nehmen, die »vollbusige und vollhumorige 34jährige«, die »spröde, rehäugige 23jährige« oder diese »No-Nonsense-Type« von 24 Jahren?

Kingsland, ein Landsknecht mit rotem Robinson-Crusoe-Bart und Inselerfahrung, entschied sich für die Nummer vier. Er spürte, daß hinter ihrem »entzückenden Geschnatter« ein »seeräuberhafter Elan« steckte; alsbald lernte er auch ihre »langen, wohlgeformten Tänzerinnenbeine« kennen.

So kam es, daß die blonde Büromamsell Lucy Irvine im Mai des Jahres 1981 mit einem Mann, der doppelt so alt war wie sie, auf einer einsamen, unbewohnten Insel landete - auf einem kaum zwei Kilometer langen, dünnen Tropen-Krümel

vor der Nordküste Australiens, genannt Tuin.

Und weil Lucy Irvine über das Tuin-Jahr den Mund nicht hielt, sondern ein Buch darüber schrieb, kann nun alle Welt an ihrem Abenteuer teilhaben; die Robinsonade »Castaway« (Schiffbrüchig), mittlerweile in mehrere Sprachen übersetzt, ist jetzt auch auf deutsch in einem Schweizer Verlag erschienen.

»Eva und Mister Robinson«, so der deutsche Lore-Titel, ist ein fesselndes, bewegendes Buch; von einer paradiesischen Romanze unter wiegenden Palmen handelt es freilich nicht so sehr, eher von einem dramatischen Menschenexperiment. _(Lucy Irvine: »Eva und Mister Robinson«. ) _(Aus dem Englischen von Werner Waldhoff. ) _(Schweizer Verlagshaus, Zürich; 360 ) _(Seiten; 32 Mark. )

Denn Lucy und Kingsland wollten bewußt »Schiffbrüchige des 20. Jahrhunderts« sein - nicht um etwas zu »erreichen«, sondern »um zu überleben«. Die junge Britin erwartete ein Jahr voll »seelischer und körperlicher Erfahrungen, wie ich sie vorher nie hatte«; sie wollte »genau wissen, wo meine Grenzen liegen«.

Robinson Crusoe im Sinn, rüsteten sich die beiden deshalb nur mit dem Nötigsten aus: ein paar Kilo Trockenfutter, Angelhaken, Zelt und, britisch-typisch, Tee. Samen aus dem Woolworth-Laden sollten die weitere Versorgung sichern, als Bewaffnung genügte eine Machete.

Tuin liegt im Riffgewirr der Torres-Straße; Captain James Cook, der Weltumsegler, hieß die Gegend den »ungesündesten Ort der Welt«. Haie, Krokodile, giftiges Fischzeug beleben die See, das Korallenwasser selbst wirkt, auf offene Wunden, wie Gift.

Gefürchtet waren, bis ins 19. Jahrhundert, auch die Eingeborenen der Inselwelt - als besonders gierlappige Kannibalen und Kopfjäger. Das letzte bekannte Menschen-Dinner fand Anfang dieses Jahrhunderts statt; da wurde ein weißer Pater gesotten, mit Sago.

Lucy und Kingsland hatten das Inselchen von der australischen Regierung zugewiesen bekommen, mit der Bedingung, vorher zu heiraten; Ordnung muß sein. Als die beiden freilich die Füße auf den goldenen Sand von Tuin setzen, ist die Ehe schon zerbrochen: »Ich werde nie wieder mit dir Sex machen«, verkündet Lucy ihrem Robinson.

Für ihn, den Macho, kracht natürlich eine Welt zusammen. Er wird zur wandelnden Frust-Beule, um so mehr, als Lucy es genoß, nackt auf der Insel umherzutigern. Im engen Zweierzelt bauen sich Spannungen auf, die der literarische Crusoe mit seinem Freitag nie kennenlernte.

Ihren Sinnlichkeitwandel schiebt Lucy auf »Zweifel an Kingslands Charakter«; er sei ein »fauler, ignoranter, langweiliger, alter Narr«, heult sie einmal los. Ihre neue Liebe wird Tuin, die Insel. Ihr gibt sie sich hin, wie ein »Tierkind«, mit blanker Haut und zunehmend verfilztem Haar; denn Süßwasser rinnt spärlich auf Tuin, schließlich droht es zu versiegen.

Dafür brandet ein Meer von Plagen. Insektenstiche an den Beinen öffnen sich, durch die verseuchte See, zu tiefen Geschwür-Kratern. Das Essen, ewig Fisch, wird eintönig, dann knapp; in ihrem Heißhunger verschlingt Lucy, ungekocht, eine Bohnenart und erleidet eine beinah tödliche Vergiftung.

Die Amazone schrumpelt zur alten Hexe: »Meine Brüste wurden schlaff und verschwanden fast ganz.« Auch Kingsland kann sich kaum noch auf den geschwollenen

Beinen halten. In der Not entwickeln die zwei Entfremdeten eine vertrauensvolle Kameraderie.

Der Macho mit dem Frontschwein-Slang - er nennt Lucy gern »Scheißhaus« oder »Fotze« - erzählt von seiner heimeligen Unterklassen-Jugend; Lucy, aus einer geschiedenen Oberklassen-Ehe, beneidet ihn um seinen sicheren Hintergrund. Rettung bringt der schwarze Mann.

Eingeborene der Nachbarinsel sorgen sich um die weißen Aussteiger; als sie die schwärenbedeckten Klapperfiguren sehen, schippern sie Krankenschwestern herbei und Nahrungsmittel. Freundschaften bahnen sich an, Lucy wird wieder knackig, Kingsland zum King.

Denn der alte Haudegen kann kaputte Motoren reparieren, und davon haben die Insulaner jede Menge. Bald sind die Überlebenskünstler mit einem eigenen Boot und einer alten Flinte ausgerüstet, Tuin leuchtet, und siehe: Sex erhebt sein züngelndes Haupt.

Eines Tages nämlich beschließt Lucy, die Blockade aufzuheben. Der Motor-Fuzzy Kingsland, nicht länger ein Schlaffsack, imponiert ihr - er schien ihr nun »so liebenswert, daß es nicht schwierig war, die Beine als Verlängerung liebender Arme zu öffnen«, wenn auch »mehr kalkuliert als spontan«.

Um die neue Lage zu meistern, spaltet sich Lucy; ihr Zweit-Ich ist ein Fräulein Millicent, eine Kokotte, mit aufgemalten Strapsen und Bananenblätter-Hut und allzeit bereit. Am Ende des Tuin-Jahres freilich geht Lucy heim nach England, Kingsland bosselt weiter an den Motoren der Insulaner.

Lucy Irvines Buch hat in England mittlerweile eine Auflage von 400 000 Stück erreicht; die Honorare steckte die Autorin in ihr »erstes eigenes Nest«. In den schottischen Highlands, nicht fern vom Loch Ness und seinen Ungeheuern, besitzt sie nun ein einsames altes Häuschen, mit Ofenheizung und schmalem Bett.

Was treibt Menschen auf eisige Gipfel, in dampfende Dschungel, auf einsame Inseln? Für Lucy Irvine war die Robinsonade kein »Eskapismus«, sondern eine »logische Folge«; verwirrt und erschreckt vom überreichen Chancenangebot der Zivilisation, habe sie eine »Herausforderung« gesucht.

Auf dieser Fährte war sie schon vorher gepirscht - als Schulflüchtling, Tramper nach Israel, Modell eines Steinmetzen, Oben-ohne-Kellnerin, Affenwärterin im Zoo. Der Ruf der Wildnis erreichte sie dann im Büro eines Finanzamtes, und sie hätte »alles getan«, um den Insel-Traum zu verwirklichen. Zudem war sie, natürlich, »neugierig wie eine Fliege an der

Wand«. Und die Strapazen der Insel, die Expeditionen in Grenzbereiche hätten sie, sagt sie, tatsächlich weitergebracht - zu einem tieferen weiblichen Selbstvertrauen, »auch wenn meine Brüste nicht mehr das sind, was sie einmal waren«.

Stachlige Erinnerungen hegt sie freilich immer noch an ihren Partner und ihre konfusen Beziehungen. Kingsland mit seinem Söldner-Jargon wird ja in ihrem Buch nicht gerade als Lichtgestalt beschrieben; immerhin habe sie aus »Respekt« verschwiegen, daß er »vögelte, wie er sprach«.

Kingsland, immer noch Weltenbummler und immer noch mit Lucy verheiratet, nahm ihr Buch-Manuskript zunächst gelassen und »nachdenklich« auf; sie traf ihn noch einmal in Australien. Später aber, erzählt sie, habe er versucht, das Erscheinen des Intimreports zu verhindern.

Doch Kingsland meldet sich selber zu Wort. Jetzt nämlich trägt er sein eigenes Insulanerleben auf den Markt, mit besonderer Berücksichtigung des entbehrungsreichen Jahres auf Tuin. Lucy wird staunen.

Hatte sie nicht geschrieben, wie sehr Kingsland ihr Flötenspiel zu gefallen schien? Kingsland dagegen: »Folter.« Und fiel nur Robinson durch einen schockierenden Mangel an guten Manieren auf? Kingsland: »Sie hockte sich vor mich hin und pinkelte wie ein Tier, wann immer ihr danach war.«

Lang und dornenreich, ohne konkrete Zeitangabe, zieht sich, nach Lucy, die Passion der beiden hin, bis endlich die schwarzen Männer zur Rettung nahen; nach Kingsland geschah dies schon in der sechsten Inselwoche. Völlig verlassen von aller Welt fühlte sich Lucy auf Tuin; Kingsland hatte mit dem Häuptling der Nachbarinsel für höchste Not ein Rauchzeichen abgemacht.

Auch flogen, laut Kingsland, alle paar Tage ein Postflugzeug und ein Helikopter über Tuin; der warf, als Lucy wieder mitspielte, sogar eine Klinikpackung Präservative ab.

Kingsland hat nie kapiert, welche Impulse Lucys sexuelle Verkehrsampel steuerten. Er hat auch die Inselatmosphäre ganz anders registriert: struppiger, nicht so sensitiv und sensuell wie Lucy. Zwei Welten waren auf einer Insel, zwei Inseln.

Die »Schiffbrüchigen des 20. Jahrhunderts« haben überlebt, die Romanze strandete. Lucys »entzückendes Geschnatter« schien zum Schluß auch nicht mehr das, was es einmal war.

Ein australischer Pädagoge, den Neugier auf das verrückte Paar herbeigetrieben hatte, wandte sich, nach einem Lucy-Nonstop, entnervt an Kingsland: »Wie in aller Welt halten Sie das aus?« Der Robinson, gegerbt: »Ich weiß es nicht, aber sie ist eine wunderbare Person.«

Lucy Irvine: »Eva und Mister Robinson«. Aus dem Englischen vonWerner Waldhoff. Schweizer Verlagshaus, Zürich; 360 Seiten; 32 Mark.

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