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Kunst Wunderbares Erröten

Gehört Farbe auf die Skulptur? Das Amsterdamer Van Gogh Museum nimmt eine Debatte aus dem 19. Jahrhundert auf.
aus DER SPIEGEL 32/1996

Einmal Pygmalion sein - davon können Bildhauer träumen. Wie schön geht Kunst da doch ins Leben und in die Liebe über.

Der lateinische Klassiker Ovid erzählt die Story so: Von realen, also lasterhaften Frauen angewidert, schnitzt sich der sagenhafte Künstler eine übermenschlich schöne Frauengestalt aus Elfenbein. Prompt verliebt er sich in sie, und als er es dann nicht lassen kann, sie zu befingern und zu küssen, da - durch ein Wunder der Liebesgöttin Venus - nimmt die Statue Leben an; sie »erweicht sich« und »errötet«.

Daß jedenfalls der letztere Effekt auch ohne göttliches Zutun zu erzielen ist und daß er eine Menge hermacht, selbst wenn die Schöne starr und steinhart bleibt, hat die Bildhauerzunft zeitweilig in tiefen Zwiespalt gestürzt. Im 19. Jahrhundert stritten Künstler und Theoretiker erbittert um die Frage: Sollen Skulpturen bemalt werden?

Der Brite John Gibson (1790 bis 1866) bejahte das enthusiastisch. Vor seiner dezent »Gefärbten Venus« fühlte er sich wie Pygmalion. Während er ihre blauen Augen auf sich gerichtet wähnte, vergaß er »für Augenblicke, daß ich mein eigenes Werk anstarrte«. Bei Sammlern hatte das Marmorweib dermaßen viel Erfolg, daß Gibson gleich mehrere Repliken davon anfertigte. Doch als 1862 eine der Statuen in London ausgestellt war, nannte ein Kritiker sie »hemmungslos vulgär«.

Ebendiese »Gefärbte Venus« bildet nun das Kernstück einer Ausstellung im Amsterdamer Van Gogh Museum, die an 96 Beispielen erstmals systematisch das Problem der Farbe in der europäischen Skulptur zwischen 1840 und 1910 untersuchen will - an beflissener Antiken-Nachempfindung und kunstgewerblichem Salon-Prunk ebenso wie an frühmodernem Primitivismus**. Denn auf eine »wirkliche Anerkennung« dieser künstlerischen Tendenz wartet Ausstellungsleiter Andreas Blühm immer noch. Selbst jüngste wissenschaftliche Publikationen stünden »im Banne Winckelmanns«.

Das bleiche Idealbild »edler Einfalt und stiller Größe«, das der deutsche Altertumsforscher Johann Joachim Winckelmann (1717 bis 1768) der griechischen Antike zugeschrieben hatte, stand auch den meisten klassizistischen Künstlern vor Augen: Farbe sollte der Malerei vorbehalten bleiben, die plastische Form indessen ohne jede Zutat wirken. Die Marmorkühle, die in den Bildhauerateliers herrschte, galt auch als Zeichen einer höheren Moral.

Das archäologische Dogma freilich ließ sich nicht auf Dauer halten. Immer neue Ausgrabungen bewiesen, daß antike Skulpturen sehr wohl bemalt gewesen waren, wie übrigens auch solche aus dem Mittelalter, und daß sie in und vor farbig gestalteten Bauten gestanden hatten.

Nur heißt das nicht, Farbe wäre in jedem Fall ein Gewinn. Tatsächlich wecken viele Belegstücke in der kunterbunten Amsterdamer Musterschau mehr kulturhistorisches Interesse als ästhetische Bewunderung. Allzu spekulativ ist, beispielsweise, der aufreizende Kontrast zwischen einer marmornen Frauengestalt und einer bronzenen Rüstung des sie beschützenden Ritters eingesetzt.

Farbe bekommen Skulpturen keineswegs nur durch Bemalung. Auch das Kolorit unterschiedlicher Minerale und Metalle tut seine Dienste, wenn die exotische Ausstrahlung von Afrikanern, Arabern oder Indern inszeniert werden soll. Neben farbiger Keramik gelangt der Werkstoff Wachs zu Ehren - und läßt an anatomische Modelle oder religiöse Volkskunst denken. »Es ist ziemlich schwierig«, bemerkte 1885 der Hamburger Museumsdirektor Alfred Lichtwark, »zu einer weißen Madonna zu beten.«

Hingegen notierte Auguste Rodin, das überragende Skulptur-Genie der Jahrhundertwende, ein Bildhauer solle nie nach Farbe verlangen. Strikt gehalten hat er sich nicht an diese Maxime. Aber sein wichtigstes Werk in der Amsterdamer Ausstellung, das »Eherne Zeitalter«, paßt nur dahin, wenn man auch die Patina der Bronze als Farbe anerkennt.

Ein leichterer Fall für die Veranstalter ist der Salon-Spätling Jean-Léon Gérôme, von Zeitgenossen »le père Polychrome« genannt. Als Bildhauer und Maler in Personalunion schlug er noch 1902 eine nackte »Ballspielerin« aus dem Marmor, malte sie in verlockenden Fleischtönen an und stellte diesen Vorgang dann auch auf einem Gemälde dar.

Gérôme kannte seine Rolle: Rund ein Jahrzehnt früher hatte er sich selbst, gleichfalls in Stein sowie auf der Leinwand, als liebenden Pygmalion porträtiert.

* »Selbstporträt beim Bemalen der ,Ballspielerin''«. ** »TheColour of Sculpture«. Bis 17. November; vom 13. Dezember an beimHenry Moore Institute, Leeds. Katalog (in englischer Sprache):284 Seiten; 69,50 Gulden.

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