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Kino Yin, Yang, Zen, Yen

Mit immensem Aufwand wurde ein Spielfilm über Kampfschildkröten in die Kinos gedrückt. Die Geschenkindustrie zieht mit.
aus DER SPIEGEL 51/1990

Das Reich der Guten fängt gleich unter dem Gully an, dunkel und dreckig winden sich die Kanäle Manhattans, und am allerdunkelsten Punkt, direkt unter Bleeker Street, hausen die Rächer, die Monster mit dem großen Herzen und den noch größeren Namen.

Unterm Pflaster leben Michelangelo und Donatello, Leonardo und Raphael, hier trainieren sie Zen und Karate, hier fressen sie Pizza aus dem Pappkarton, und nur dann und wann lüftet einer den Deckel, steigt auf ins Reich der Finsternis und begibt sich verstohlen ins Kino.

Voller Freaks und Verbrecher sind die Straßen der Großstadt, wo sich tumbe Bullen und andere Fehlleistungen der Evolution wie etwa Fernseh-Abteilungsleiter tummeln, und so gewöhnt sich der Zuschauer bald schon daran, daß Michelangelo & Co. echte Schildkröten sind, wenn auch aufrecht gehend und zur Durchschnittsgröße des New Yorkers mutiert.

»Turtles« (Schildkröten) heißt mit deutschem Titel Hollywoods bizarrstes Spielfilm-Weihnachtsgeschenk für die Kleinen der Welt, und wie immer, wenn die Erwachsenen nur Bahnhof verstehen, während die Kids ihren Spaß haben, beschäftigt das gleichermaßen Psychologen wie Pädagogen, Marktforscher wie Moneymaker.

Seit Donnerstag voriger Woche läuft »Turtles« in 315 deutschen Kinos, mit mehr Kopien als von der »Unendlichen Geschichte II«, und wenn, anders als bei »Batman« oder »Dick Tracy«, die Kinder der Nation dem amerikanischen Vorbild folgen, dann zahlt sich auch für die Warner Brothers die Erkenntnis des Professors Grzimek aus: »Das Gehirn der Schildkröten ist zwar klein, aber doch verhältnismäßig hoch entwickelt.«

Rund 500 Millionen Dollar, so schätzt die Branche, wird allein in den USA der im März lancierte Reptilienfilm bis Jahresende eingefahren haben, samt der Lizenzeinnahmen für Turtle-Zahnpasta, Turtle-Burger, Turtle-Pizza, Turtle-Bettwäsche, Turtle-Haargel und Turtle-Baseballmützen.

Und auch die Deutschen turteln heftigst mit. »Sensationelle« 68 Lizenzverträge über Krötenprodukte habe er abgeschlossen, sagt der Münchner Merchandising-Experte Thomas Haffa, und er muß es wissen, denn er hat schon die Fernsehmonster aus der »Schwarzwaldklinik«, Reizwäsche aus »Dynasty« sowie den zum Verlieben häßlichen »Alf« vermarktet und sein Handwerk beim Zelluloid-Recyclisten Leo Kirch erlernt.

Grelle Spielzeug-Reptilien verfeinern die Erlebnisgastronomie bei Burger King. Bunte Kriecher sollen der Essener Schuhhandelskette Deichmann aufs Absatz-Plateau verhelfen. Rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft hat Hamburgs Teldec »Turtles Power Hits« per Kassette losgelassen.

Für Japans Spielzeughersteller Bandai vertreibt die Hamburger Firma Bienengräber unter anderem einen von einer Kampfschildkröte gesteuerten »Pizzawerfer«. Und für Januar 1991 erwartet der Handel laut Merchandiser Haffa eine 15-Millionen-Dollar-Nachlieferung aus dem Fernen Osten, den Landen von Yin und Yang und Zen und Yen.

Denn geradezu übersinnlich ist die Kampfkraft der Schildkröten, und beigebracht hat sie ihnen eine Ratte, im heimischen Japan einst Tanzmaskottchen bei einem Karate-Großmeister und nun betagter Asylant. Auch dieser tschernobylisierte Nager ist, wie seine vier Ziehkinder, dereinst in den Abwässern New Yorks in eine radioaktive Brühe gefallen, wo er prompt zu Menschengröße mutierte, das Sprechen erlernt und den Reptilien ihren höheren Auftrag erteilt hat.

Die Monster des im Mai verstorbenen Amerikaners Jim Henson fahren Skateboard unter dem Pflaster New Yorks, hören Rap-Musik, ordern Pizza ohne Sardellen und geben Sprüche von sich wie »Ich glaub', mein Hahn legt Eier«. Damit derart dünner Leichtsinn nicht verfliegt, gibt es das 240-Seiten-Buch zum Film: Anna Benthins »Turtles - Im Kampf für die Gerechtigkeit«.

Der Kult um die Kröten geht zurück auf einen Comic strip von Peter Laird und Kevin Eastman aus Massachusetts, die mit dieser irrwitzig bekifften Grundidee seit 1983 ziemlich entspannt die Strickmuster der Ninja- und Karatefilme nachzeichnen, welche von den Kritikern ignoriert werden, jedoch die Teens zuhauf in die Kinos locken.

Eine auf dem Comic basierende US-Zeichentrickserie, die in Deutschland via RTL plus am Samstagnachmittag ins kindliche Bewußtsein gehämmert wird, trägt den durchaus treffenden Titel »Teenage Mutant Hero Turtles«, also: halbwüchsige mutierte Heldenschildkröten.

Seit 1988 macht der New Yorker Lizenzmakler Mark Freedman mit rund 300 Krötenprodukten, Dosensuppen ausgenommen, in 130 Ländern schöne Profite - kein Wunder, daß die Reptilien auch für die Filmindustrie interessant wurden. So kam es zu einem legendären transpazifischen Telefongespräch zwischen dem kalifornischen Produzenten Thomas Gray und seinem Chef in Hongkong, dem Karatefilm-Großmogul Raymond Chow. Der hat nach eigenem Bekunden noch nie einen Flop produziert, jedoch nach dem geradezu geschäftsschädigend friedlichen Ableben seines Superstars Bruce Lee im Jahre 1973 keinen ganz großen Karateka mehr in den Würgegriff gekriegt.

»Sitzen Sie auch gut? . . . Doch, doch, ich bin in Ordnung. Nein, ich bin nicht betrunken« - so etwa, und wie der kleine Fritz sich Geschäftsverhandlungen vorstellt, hat das ehrwürdige amerikanische Time-Magazin dieses Gipfelgespräch anläßlich des US-Starts der »Turtles« wiedergegeben.

Für ihren Spielfilm sind denn auch Autoren und Regisseur (Steve Barron) in kluger Voraussicht jeder Versuchung aus dem Weg gegangen, die Story auch nur eine Sekunde lang ernst zu nehmen. In ihren »Turtles«, die für den deutschen Markt noch zusätzlich infantilisiert wurden, geht es in der Hauptsache darum, wie die vier Kampfschildkröten in einem massenhaften Showdown eine finstere Ninja-Jugendgang außer Gefecht setzen.

Geführt und trainiert wird diese Hundertschaft jugendlicher Delinquenten von einem (natürlich) ebenfalls japanischen Erzschurken und Kampfgroßmeister, einem gefallenen Engel der hohen Kriegskunst, der den ehernen Gesetzen des Eastern-Genres zufolge natürlich auch mit seinem Widersacher, der sanften Ratte, eine alte Rechnung zu begleichen hat.

Menschliche Wesen dürfen dabei unwesentliche Hilfestellung leisten: eine Fernsehreporterin (Judith Hoag) und ein hippiehafter Sportsmann (Elias Koteas) mit gefürchteten Schlagwaffen, bei dem die Dame erkennt, daß er über das Denkvermögen eines Neunjährigen verfüge, bevor sie ihm trotzdem verfällt - vielleicht weil sie geistig auch jung geblieben ist. Diese menschliche Turtelei ist zwischen all den Tritten, Schlägen, Stößen, Salti und Zweikämpfen das Entbehrlichste der Schildkrötensuppe.

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