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PROSTITUTION Yum Yum

aus DER SPIEGEL 6/1961

Die Kontroverse nahm sich in dem ehrwürdigen Blatt ebenso ungewöhnlich aus wie das Thema. Zwei angesehene Mitarbeiter der »New York Times« - Theaterkritiker Howard Taubman und Filmkritiker Bosley Crowther - gerieten in ihrer Zeitung über die Frage aneinander, ob sich das Theater oder der Film intensiver um ein besonderes zeitgenössisches Problem bemühten: die Prostitution.

Der Journalisten-Zwist brach aus, als zu Beginn der Wintersaison eine Welle von Bordell-Stücken (etwa: »The Hostage, »Irma la Douce«, »Tenderloin") auf die Broadway - Bühnen schwappte. Theaterkritiker Taubman würdigte die Einkehr der zumeist heiteren Hetären-Spiele mit ironischen Kommentaren. ("Wenn der Trend anhält, muß die Saison als Jahr des Bordells eingestuft werden"), stellte seiner Betrachtung aber den Hinweis voran: »Es gereicht dem Theater zum Ruhme, daß es wichtige Probleme frei erörtern kann, die für Kino und Fernsehen tabu sind.«

Hinter dieser Bemerkung witterte der Kritiker-Kollege von der Kino-Sparte schiere Einfalt. »Der liebe Kollege machte eine irreführende Bemerkung«, fauchte Filmrezensent Crowther. »Der Film beschäftigt sich schon seit 1913 mit der Prostitution. Seitdem blieb das Thema bei uns, wie die Whisky -Kneipe im Wildwest-Film.«

Das Beharrungsvermögen der Filmproduzenten erfüllte den sittenstrengen Filmkritiker Crowther freilich nicht mit Genugtuung. Er hatte vor einiger Zeit schon die Werke der »Neuen Welle« als amoralisch verdammt ("Der französische Film von heute ist kein Spiegel des Lebens mehr, er ist ein Spiegel an der Decke eines Bordells"). Jetzt kommentierte er trübselig: »Eine wahre Sintflut von (Prostituierten-)Filmen ist hereingebrochen.«

Tatsächlich ist das Angebot amerikanischer Lichtspielhäuser in dieser Saison reich an Filmen, die im Prostituierten-Milieu angesiedelt sind. So spielt etwa

- »Girl of the Night« unter Callgirls,

- »The World of Suzie Wong« in einem

Bordell zu Hongkong und

- »Butterfield 8« (SPIEGEL 4/1961) unter Großstadt-Flittchen.

Zudem wurde den Amerikanern in kleineren Theatern vorgeführt, was die Europäer zum gleichen Thema beizusteuern hatten - die deutsche Nitribitt-Satire »Das Mädchen Rosemarie«, der französisch-griechische Hafendirnen-Film »Sonntags ... nie« und der im gleichen Milieu spielende französische Film »Das Mädchen aus Hamburg«.

Was sich nach Meinung der Presse »fast wie eine Epidemie« ("Time") ausnahm, wuchs sich nach Ansicht der katholischen Bischöfe Amerikas zu einer »nationalen Krise« aus. Die Oberhirten rechneten aus, daß 24,3 Prozent sämtlicher Hollywood-Produkte des Jahres 1960 verwerfliche Erzeugnisse seien - ein bestürzender Aufschwung gegenüber 1959, als nur 14,5 Prozent der Hollywood-Filme nach Auffassung der Geistlichen gegen den christlichen Sitten-Kodex verstießen. Folgerten die Bischöfe: »Hollywood hat eine neuartige Vorliebe für pornographische und perverse Sujets.«

Unbestreitbar ist, daß sich die neuen Flittchen-Filme aus Kalifornien von den herkömmlichen Kurtisanen-Filmen unterscheiden. Beschränkten sich die amerikanischen Filmproduzenten bislang darauf, Dirnen-Figuren in der Nebenhandlung unterzubringen, so hielten sie nun für ratsam, Prostituierte zu Heldinnen zu befördern. Zudem bot Hollywood seine Bordell-Filme als aufwendige, starbestückte Produktionen feil, die bisweilen sogar nach anspruchsvollen literarischen Vorlagen verfertigt wurden.

»The World of Suzie Wong« (Herstellungskosten: 13 Millionen Mark) beispielsweise basiert auf dem gleichnamigen Erfolgsroman des Engländers Richard Mason, »Butterfield 8« auf einer wohlrenommierten Erzählung John O'Haras. Für Hauptrollen wurden so kassenträchtige Stars wie William Holden und Elizabeth Taylor angeheuert.

»Suzie Wong« schildert die Begegnung eines amerikanischen Malers mit einer chinesischen Freuden-Maid (Nancy Kwan) in Hongkong, die sich ihrer Sünden nicht bewußt ist und die abendländische Gleichsetzung von Liebe und Geschlechtsakt durchaus nicht versteht. Nach einem Scheinkampf mit Tagesnöten und Rassenvorurteilen ehelicht der Maler das »Yum Yum«-Mädchen.

Dieser (laut »Time") »dümmste« aller Prostituierten-Filme wurde so trefflich für die amerikanische Durchschnittsfamilie zurechtgestutzt, daß er sogar in dem auf herzige Stücke abonnierten Kino-Tempel Manhattans, der »Radio City Music Hall«, aufgeführt werden konnte. »Time« über »Suzie Wong": »Ein grausamer Scherz auf die unterernährten Leibeigenen der riesigen asiatischen Sex-Industrie, von denen viele an Krankheit und Erschöpfung sterben, ehe sie das vergleichsweise hohe Alter der Heldin erreichen: 21.«

Sentimental und zensurgefällig hergerichtet wurde auch der Film »Butterfield 8«, in dem Elizabeth Taylor ein Gin-gieriges Callgirl verkörpert. Ihr Jagdglück ist von kurzer Dauer. Sie stirbt bei einer Auto-Verfolgungsjagd, hätte freilich, wie ein Kritiker gehässig meinte, ebensogut mit ihrem Verfolger zufrieden weiterleben können.

Was die Hollywood-Produzenten zur Massenfertigung der Freudenmädchen-Filme veranlaßt hatte, umschrieb das Nachrichtenmagazin »Time« so: »Die Prostituierte ist die Muse des Films. Wenn das Geschäft schlecht geht, wird sie gerufen, damit käuflicher Sex die Kunden in geifernden Horden anlocke.«

Mittlerweile zeichnet sich allerdings ab, daß geifernde Horden an den Kinokassen ausbleiben. Da aber auch aufwendige Ausstattungsfilme herkömmlicher Machart nicht sonderlich reüssieren, rätselten amerikanische Kritiker über die Ursache der Flaute im Flimmergeschäft. Während einige die noch immer wachsende Popularität des Fernsehens anführen, glauben andere, der Wirbel um die Präsidentschaftswahlen habe das Kinogeschäft geschädigt.

Die kühnste These stellte der Fernseh-Kolumnist John Crosby in der »New York Herald Tribune« auf. Crosby glaubt nämlich die Druckwellen einer »kulturellen Explosion« in den USA zu verspüren. Er rechnete vor, daß

- in Amerika nunmehr 1142 Symphonie-Orchester musizieren und 728 Vereinigungen Opern aufführen,

- 5000 Theater und 250 000 Laienspielgruppen existieren, »von denen wenige auch nur annähernd so viel Mühe wie ein Kino haben, ihr Publikum zu ergattern. Sogar Vorträge füllen einen Saal zuverlässiger als ein Film mit Marilyn Monroe«.

»Ich meine«, schloß der Kritiker die hoffnungsfrohe Analyse, »daß sich unter den Kinogehern eher Langeweile breitmachen wird. Es ist denkbar, daß das Laster sein Publikum verloren hat - wegen Überbelichtung.«

Hafendirnen-Film »Das Mädchen aus Hamburg": Im Kino ein »Jahr des Bordells«?

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