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FILM Yuppies neuer Alptraum

»Gefährliche Freundin«. Spielfilm von Jonathan Demme. USA 1986; 113 Minuten; Farbe. *
aus DER SPIEGEL 32/1987

Mittagspause an der Wall Street. Ein junger Finanzberater, der gerade in seiner Firma zum Vizepräsidenten aufgestiegen ist, ein Yuppie also, hat im Schnellrestaurant den Lunch verzehrt und verdrückt sich, ohne zu zahlen. »Ich bin ein Rebell«, sagt er später, »nur sitze ich eben im konventionellen Lager.«

Vom Nebentisch beobachtet Lulu die kleine Gaunerei. Sie hat einen schwarzen Bubikopf wie Anna Karina in Godards »Geschichte der Nana S.« und ist mit Schmuck behängt, wie ihn afrikanische Frauen tragen. Eine betörende exotische Pflanze im New Yorker Großstadt-Dschungel, wie es scheint.

Vor dem Lokal stellt Lulu den verwirrten Charlie. Sie dirigiert den Geldmann in ihr Auto, das mit allerlei Voodoo-Klimbim ausstaffiert ist, und steuert, gegen Charlies Willen, den Tunnel nach New Jersey an. Zur Fahrt unter die Erde erklingt afrikanische Popmusik.

Zum Auftakt seines Films »Gefährliche Freundin«, Originaltitel: »Something Wild«, erzählt der amerikanische Regisseur Jonathan Demme ("Stop Making Sense") die Geschichte einer Verhexung: Ein Biedermann aus Manhattan gerät in den Zauber einer Femme fatale und wird plötzlich in eine Szene jenseits von Büro und Vorstadtvilla katapultiert. Ein Kino-Abenteuer beginnt.

Mit klammheimlicher Verzückung läßt sich Charlie in ein Motel schleusen, von Lulu aufs Bett werfen, in Handschellen legen und nach allen Regeln der Kunst vernaschen. Charlie ist entflammt im Amour fou, der schon so vielen braven und vernünftigen Männern (vor allem im Kino) den Kopf verdreht hat. Wall Street ade.

Weiter geht's im Auto über die Landstraße, hinein in ein amerikanisches Road-Movie-Abenteuer, und eine prächtige Popmusik spielt dazu. Das Easy-Rider-Gefühl der späten sechziger Jahre stellt sich ein, aus dem Hippie von vorgestern ist nun ein Yuppie geworden, der aus vollem Halse die alte Rebellen-Hymne »Wild Thing« anstimmt.

Aber bevor sein Film vollends in eine verstaubte Utopie von Freiheit und Abenteuer in der Weite der amerikanischen Landschaft entschwindet, nimmt Demmes Geschichte eine scharfe Kurve. Lulu fährt heim zur Mutter nach Pennsylvania, präsentiert Charlie als neuen Ehemann und verwandelt sich in ein Mädchen namens Audrey. Die schwarzhaarige Voodoo-Zauberin aus dem New Yorker Ethno-Schmelztiegel entpuppt sich (scheinbar) als blondes All-American-Girl vom flachen Land. Der neuen Rolle gemäß schleppt sie den verwunderten Charlie zum zehnjährigen Klassentreffen, einer erinnerungsseligen Festveranstaltung mit Beat-Band und Starsand-Stripes-Dekoration.

Wie sich Lulu in Audrey verwandelt, so verwandelt sich nun auch Demmes Film der schönen Täuschungen und geprellten Erwartungen aus einem fröhlich flotten Road-Movie in einen beklemmenden Thriller mit tödlichem Duell als Finale. Auf der Schulfeier taucht Ray auf, Audreys Mann, ein gefährlicher Ganove, der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde. Ray will seine Frau zurückhaben, die aber hat nichts mehr mit ihm am Hut. Die blonde Audrey, die nun ein bißchen wie ein Heimchen am Herd wirkt, zieht es nun ganz und gar zu ihrer New Yorker Eroberung Charlie.

»Ich fahr' zurück in meine zwar langweilige, aber heile Welt«, sagt Charlie, dessen Familienleben mit Frau und zwei Kindern im netten Eigenheim in Wahrheit schon längst in die Brüche gegangen war. Aber aus dem harten Film, der jetzt beginnt, kann er nicht einfach aussteigen. Schließlich nimmt er die Herausforderung an, verwandelt sich aus dem naiven, lebensuntüchtigen Finanzakrobaten in einen Typ, der auch im Krimi seinen Mann steht. Die Passivität, mit der er als Lulus Marionette in seine aufregende erotische Landpartie geriet, schlägt um in eine Tatkraft, die ihm keiner zugetraut hätte. Audrey liebt ihn nun um so stärker.

Für sein rasantes Spiel mit Rollenwechseln hatte Demme ein glänzend aufgelegtes Darstellerteam zur Verfügung: Melanie Griffith, die Tochter der Hitchcock-Heroine Tippi Hedren, ist eine Schauspielerin, die alle unglaublichen Veränderungen der chamäleonartigen Lulu/Audrey glaubhaft vorführt; ihr Partner Jeff Daniels, bekannt als der Film-Lover aus dem Woody-Allen-Film »Purple Rose of Cairo«, ist ein wunderbar trauriger Komiker, und Ray Liotta als Ray ein finsterer Tough guy mit unreinem Teint, der trotz unbarmherziger Brutalität kaum das Mitgefühl der Zuschauer verspielt.

Mit »Something Wild« scheint der vorläufige Höhepunkt eines neuen amerikanischen Kino-Genres erreicht zu sein, das ein Kritiker als »comedy of yuppie angst« bezeichnet hat. Biederen Bürgern, die vortrefflich in Reagans USA der Strebsamen und Erfolgreichen passen und die ihre Bilderbuchkarrieren mit einer erstaunlichen Weltfremdheit erkaufen, wird plötzlich der Boden unter den Füßen weggezogen. Prompt taumeln sie hilflos in eine Alptraumwelt. Die pittoreske Großstadt-Boheme der Künstler und Dropouts, das Provinz-Flachland mit seinem Gewirr seltsamer visueller Zeichen (das der Geschäftsmann üblicherweise im Jet überfliegt) und die fremde Kultur der Schwarzen, Latinos und Asiaten sind labyrinthische Kulissen, in denen sich der weiße Mann ganz schnell verliert. Die Dritte Welt beginnt direkt vor dem Eingang der klimatisierten Bürotürme.

Diese andere Welt holt Demme in seinem vielschichtigen, an bezeichnenden Details so überreichen Film nicht nur ins Bild, sie ist auch akustisch präsent. Fast jeder Stil, den die Pop-Welt gegenwärtig zu bieten hat, ist in dem nie abreißenden Soundtrack vertreten - südafrikanischer Mbaqanga, Punk, britischer New Wave, Reggae, Hip Hop, Gospel, Blues, Salsa und Country.

»Something Wild« pulsiert, wenn auch ein wenig unentschieden, im Rhythmus dieser neuen Weltmusik.

Arnd Schirmer

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