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WALTER-PREMIERE Zahn der Zeit

aus DER SPIEGEL 11/1965

Deutsche Gesangvereine wissen ein Lied davon zu singen: »Die schöne Jugend, sie kommt nicht mehr.«

In Zürich wurde dieselbe triste Erkenntnis von der menschlichen Vergänglichkeit nun auch auf der Bühne ausführlich besprochen: Im Schauspielhaus gab es die Uraufführung des Erstlings-Dramas »Elio oder Eine fröhliche Gesellschaft« von Otto F. Walter, 36.

Walter, nebenbei Oberleutnant in der kleinen Schweizer Armee, ist literarischer Chef des hochrenommierten Oltener Walter-Verlags, in dem unter anderen die Bücher von Alfred Andersch, Reinhard Baumgart, Helmut Heissenbüttel, Wolfdietrich Schnurre und Elio Vittorini erscheinen.

Aber er verlegt nicht nur, er macht seit Jahren selbst zeitgenössische Literatur. Seine Romane »Der Stumme« (1959, bisherige Auflage neben der Taschenbuch-Edition: 18000) und »Herr Tourel« (1962) werden von Kritikern und Lesern als sanft versponnene Avantgarde-Werke von schweizerischer Solidität geschätzt, erscheinen allerdings nicht in Walters eigenem Verlag, sondern (wie nun auch das »Elio«-Textbuch) bei Kösel in München.

Sanft versponnen geht es, auch auf Walters Bühne zu. Dort, in ihrem grünen Jugendstil-Salon, sitzt Frau Ella (Käthe Gold), nachdem sie eine fröhliche Gesellschaft von Bridge-Gästen verabschiedet hat. Sie sitzt und zerreißt Zeitungen, sie wartet auf ihren Albert, der noch in seiner Kleinstadt-Apotheke laboriert, und sie trauert dabei der verlorenen Jugend nach - nicht der ihren freilich, die ist ihr offenbar kein Problem; sie trauert um den Endvierziger Albert, den sie einst, vor ihrer Heirat, in romantischer Verklärung Elio nannte.

Damals, als junger Elio, so entsinnt sie sich wehmütig, war er enthusiastisch und hatte Großes vor; jetzt, als alter Albert, ist er müde, pedantisch, biedermännisch und liest nur noch Zeitungen. Frau Ella, obgleich selbst nicht mehr die Jüngste, mag sich mit dem Fakt seines Alterns nicht abfinden. Sie bohrt am Zahn der Zeit, will ihren Elio wiederhaben und bekommt ihn auch.

Denn plötzlich steht - Hirngespinst oder nicht - ein atemloser, junger Mann im Salon. Er ist ein gefährlicher Autodieb und Ausbrecher und soeben der eidgenössischen Polizei entwischt; doch der Apothekersgattin kommt er gerade recht: Sie erkennt in ihm den jungen Elio und macht schließlich auch den heimgekehrten Ehemann mit seinem verjüngten Doppelgänger bekannt. Ella: »Aber wirklich, Albert, ich will doch nur sagen, eigentlich sind wir hier nur zwei Menschen, nicht wahr - nein, versteh' mich...« Albert versteht nicht, er will seine Zeitung lesen.

So stottern sich denn, fortan von Ellas milder Hysterie dirigiert, ein alter (Leopold Biberti) und ein junger Albert (Kurt Jaggberg), mühselig und verlegen durch die drei Akte eines Spiels, dessen Grenze zwischen Realität und Traum Autor Walter so gründlich verwischt hat, daß selbst die Akteure sich nicht auskannten.

Gewiß ist, daß Ella nach zweieinhalb Stammel-Stunden das Übel bei der Wurzel packt und einen Knockout-Sieg über die Zeit erringt. Sie schießt, nachdem schon zuvor ausgiebig mit der Pistole gefuchtelt worden ist, den Fremdling tot und versucht ihrem alten Albert zu erklären: »Er wird - wird nie mehr in die Zeit zurückfallen und wie - wie - du werden. Du verstehst? Nie älter.«

Im Programm heft hatte Otto F. Walter notiert: »Die verdammte Bühne macht alles eindeutig.«

Auf der Bühne des Züricher Schauspielhauses war eindeutig erkennbar, daß es gar keines Revolverschusses bedurfte, um »Elio« in den Tod zu schicken.

»Elio«-Uraufführung in Zürich*: »Die verdammte Bühne...

»Elio«-Autor Walter

... macht alles so eindeutig«

* Käthe Gold, Leopold Biberti, Kurt Jaggberg.

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