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ARCHITEKTUR / OLYMPIA 1972 Zank ums Zelt

aus DER SPIEGEL 8/1968

Ich schwöre Ihnen bei meiner Seele«, rief Egon Eiermann, Deutschlands prominentester Kirchenbauer, »diese Architektur ist realisierbar.«

Der Architekt schwor auf einer Party, zu der Deutschlands Erster Olympia-Funktionär Willi Daurne letzten Monat in seinem Amtsdomizil am Starnberger See Politiker und Bauplaner geladen hatte.

Mit seinem Mahnruf suchte Professor Eiermann die deutsche Architekten-Avantgarde gegen Kleinmut und Konkurrenzklüngel zu verteidigen: In einem Kulissenspiel, das Züge eines Skandals trägt, sucht eine Phalanx einflußreicher Laien und Bau-Bürokraten Münchens Olympia-Planung für 1972 zu verwässern und zu verspießern.

Zwei Entwürfe, beide von Fachverständigen-Komitees schon gutgeheißen, eröffneten der Isarstadt die Chance, in vier Jahren als Treffpunkt der Sportler-Internationale zumindest dem äußeren Bild nach ansehnlichen Standard zu erlangen:

> Das an ein weitgeschwungenes Zelt erinnernde Hängedach -- prägnantes Merkmal des von dem Stuttgarter Architekten Günter Behnisch entworfenen, beim Olympia-Wettbewerb mit dem Ersten Preis bedachten Gesamtentwurfs für die Münchner Kampf stätten -- war von dem Architekten-Fachblatt »Baumeister« als »hinreißend« und »phantastisch elegant« gerühmt worden.

> Ein Olympia-Signet, Wahrzeichen der Spiele 1972, entworfen von dem Ulmer Industriegestalter Otl Aieher, böte die Möglichkeit, alle Produkte des Festspiels vom Werbeplakat bis zur Eintrittskarte einheitlich und graphisch ansprechend zu gestalten.

Beide Entwürfe drohen nunmehr Im Modellstadium steckenzubleiben. Sechs Monate vor dem ersten olympischen Spatenstich, 39 Monate vor der olympischen Generalprobe, ist über die Olympia-Bedachung nicht entschieden. Und auch über das graphische Wahrzeichen, mit dem schon im Herbst dieses Jahres in Mexico City zum erstenmal geworben werden soll, Ist bislang keine Einigkeit erzielt.

Das Zeltdach, eine verbesserte Version des deutschen Weltausstellungs-Pavillons in Montreal, soll in weit ausholenden, schwerelosen Schwingungen einen Teil der Olympia-Landschaft überspannen, die zwischen Gaskesseln und Schuttgebirgen in dem Münchner Stadtrandgebiet Oberwiesenfeld entsteht.

Das Netzwerk aus Stahltrossen, aufgehängt an mehr als zwei Dutzend Stahl-Pylonen, gedeckt mit lichtdurchlässigen Kunststoff-, Holz- oder Metallschindeln, würde etwa die halbe Tribüne des Hauptstadions sowie Sporthalle und Schwimmhalle nebst einigen Zugangspassagen, insgesamt 59 000 Quadratmeter, überspannen -- zugleich graziöse Silhouette über der künstlichen Terrassenlandschaft, die außer den Spielstätten auch Kunsthaine, Wandeiwege und einen künstlichen See enthalten soll.

Mit 100 000 Mark hatte das Preisgericht Mitte Oktober diesen Gesamtentwurf des Behnisch-Teams prämiiert*. Auch die kühne Zeltdachkonstruktion -- es wäre das bislang größte Hängedach der Welt -- war von den Preisrichtern als architektonische Konzeption begrüßt worden, allerdings mit der Einschränkung, das Preisgericht sehe sich außerstande, technische Durchführbarkeit, Kosten und Lebensdauer dieser Leichtbau-Konstruktion zu beurteilen.

Technische Argumente -- zu teuer, klimaempfindlich, unsicher und kurzlebig -- wurden denn auch vornehmlich ins Feld geführt, wann immer die Hängedach-Gegner den für die heimische Beton-Industrie wenig ergiebigen Entwurf aus Stuttgart attackierten.

70 Millionen Mark, so wurde gemunkelt, werde die Kunsthaut kosten; dagegen konnte Architekt Behnisch Garantien der Industrie beibringen, daß die gesamte Konstruktion, ein-

* Das 19köpfige Preisgericht unter Vorsitz des Architekten Egon Eiermann setzte sich aus zehn Fachpreisrichtern sowie Sportfunktionären und Politikern zusammen, darunter der Münchner Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel, der bayrische Finanzminister Konrad Pöhner und Bundesfinanzminister Franz-Josef Strauß.

schließlich der Fundamente, bestimmt nicht mehr als 20 Millionen Mark kosten werde -- weniger als jede herkömmliche Dach-Architektur.

Die Dach-Gegner sammelten Sachverständigen-Gutachten. Eine von der Olympia -- Baugesellschaft bestellte Gruppe von Massivbau-Spezialisten, darunter der Stuttgarter TH-Professor Fritz Leonhardt und der Münchner TH-Professor Hubert Rüsch, lieferten Gegen-Expertisen*. Der Stockholmer Bauingenieur David Jawerth -- selber mit Stahlseil-Konstruktion befaßt, aber Verkäufer eines Systems, das Behnisch nicht vorgesehen hatte -- fand sogar ausgesprochen bedrohliche Worte über die angeblich mangelnde Wetterfestigkeit des Behnisch-Zelts.

Bayerns christlich-sozialer Finanzminister Pöhner, von Haus aus Bauunternehmer, bediente sich dankbar der Botschaft aus dem Norden, um öffentlich zu versichern, dieses Dach werde man nicht bauen. Ihn störte wenig, daß er damit einer für Ende Februar angesetzten, entscheidenden Aussprache der olympischen Gremien vorgriff, in der er nur eine von zwanzig Stimmen besitzt. Er als Bauunternehmer, so herrschte er Kritiker seiner Taktik an, werde die Sache wohl beurteilen können.

Ohne Behnisch zu fragen, leiteten unterdes die Bauräte der Olympia-Baugesellschaft den Behnisch-Entwurf vier anderen Preisträgern des Wettbewerbs von 1967 zu: Sie sollten sich andere Formen der Überdachung einfallen lassen. Einer der so ins Spiel Gezogenen wies die Zumutung zurück. Die anderen mußten die von der Baugesellschaft übersandten Behnisch-Modelle wieder zurückreichen, als Behnisch mit einer Urheberrechts-Klage drohte.

Schon unmittelbar nach dem gewonnenen Wettbewerb hatte Preisträger Behnisch die Bürokraten ersucht, seinem Büro im Vorgriff auf die endgültige Entscheidung einen Teilauftrag (Auftragssumme: 200 000 Mark) zu erteilen; im Rahmen dieses Auftrags wollte das Behnisch-Team die strittigen technischen, statischen und finanziellen Teilprobleme durchrechnen oder (von anderen Architekten-Büros) durchrechnen lassen. Aber statt der erbetenen 200 000 Mark bewilligten die beamteten Bauräte nur 5000 Mark.

Schützenhilfe für seine zukunftsweisende Stahlseil-Kunststoff-Architektur gewährten dem -- ohnehin für die Verläßlichkeit seiner Entwürfe bekannten -- Architekten namhafte deutsche Baustoffirmen (darunter der Krupp-Konzern, der sich um die Ausführung des Hängedachs bewirbt): Sie könnten für die Schuppenhaut aus Plastik eine viermal längere Garantiezeit bieten als für konventionelle Bauweisen.

Rückenstärkung fand der Stuttgarter auch bei drei auswärtigen Koryphäen der neuartigen Zauberarchitektur: Die New Yorker Architekten Se-

* Die Olympia-Baugesellschaft, die zur Ausrichtung des zur Zelt größten deutschen Bauvorhabens bestellt wurde, wird vom Bond, vorn Land Bayern und von der Stadt München finanziell getragen.

verud und Lew Zetlin und der französische Weltausstellungs-Architekt René Sarger (der selber in Teheran ein Stadion mit Hängedach erbauen soll), dazu noch einmal drei Professoren von verschiedenen westdeutschen Hochschulen, verbürgten sich für die Solidität der von Behnisch vorgeschlagenen Olympia-Architektur.

Ungebeten -- seinen Rat einzuholen, war den bayrischen Zweiflern nicht eingefallen -- machte sich letzten Monat, neben Egon Eiermann, auch Deutschlands Hängedach-Experte Frei Otto, Erbauer des deutschen Pavillons in Montreal, zum Fürsprecher der olympischen Riesen-Pelerine in München.

Und nun trat sogar der einstige Zweifler Professor Leonhardt überraschend an die Seite Behnischs und verteidigte ihn gegen die Angriffe des Schweden Jawerth. Leonhardt im »Baumeister": kann ich sagen, daß das »Urteil von Herrn Jawerth einfach falsch ist ... Seine Kenntnisse reichen ... nicht zur Beurteilung der hier anstehenden Fragen.«

Einen »Skandal«, bei dem sich »Angst, Ranküne, Privatinteresse, Verwaltungstaktik und Vorurteil« mischten, witterte die »Süddeutsche Zeitung« hinter den sich nun schon über Monate hinziehenden Zeltdach-Querelen, Dagegen blieb das kaum weniger fragwürdige Gerangel um das graphische Symbol, das München als Olympia-Wahrzeichen in aller Welt vertreten soll, bislang vor öffentlicher Diskussion verborgen.

Mit einem Jahresetat von 300 000 Mark war der Ulmer Designer Otl Aicher, Professor an der Ulmer Hochschule für Gestaltung, beauftragt worden, mit seinem Team ein graphisches Olympia-Bild zu prägen.

Aicher, Urheber des inzwischen vielfach prämiierten Image von Elektro-Braun und der Deutschen Lufthansa, suchte die Aufgabe in einer ähnlich umfassenden Weise zu bewältigen, wie es 1964 der japanische Designer Katzumie für die Olympischen Spiele in Tokio getan hatte. Außer dem Emblem entwickelte das Aicher-Team eine ganze Skala von Design-Prinzipien für Münchens Sportspiele:

> einheitliche Schrifttypen und Farben für alle Drucksachen, vom Billett bis zum Grollplakat;

> einheitliches Taschenformat für alle Programme und Informationsdrucksachen;

> für die verschiedenen Sportarten eindeutige, jedem Analphabeten verständliche Zeichen, die überall -- auf Eintrittskarten, Wegweisern und womöglich auf grollen, über den Kampfstätten schwebenden Fesselballons -- wiederkehren sollen.

Und allenthalben, auf Fahnen und Fähnchen, Briefköpfen und Reiseprospekten, Plakaten und Straßenbahnen. würde jenes olympische Emblem gezeigt werden, das (neben den fünf olympischen Ringen) gleichsam als Zusatzsignal von Münchens Weitgeltung zu künden hätte: Aicher entwarf ein Lichtrad aus konzentrisch angeordneten Keilen, eine Art technisches Ursymbol, auf hellblauem Grund.

Münchens OB Hans-Jochen Vogel leuchtet die Chance ein, seiner werdenden Weltstadt, außer Hofbräuhaus und Oktoberfest, zu einem weiteren, weniger bierseligen Symbol zu verhelfen.

Aber die Rechnung war ohne die deutsche Wirtshaus-Mentalität gemacht. Der deutsche Leichtathletik-Präsident Max Danz machte sich zum Sprecher deutscher Gemütsmenschen, als er die Ulmer Formengestalter zu bewegen suchte, lieber das Münchner Kindl -- ein stilisiertes Mönchlein, das Münchens Stadtwappen ziert -- als Olympia-Wahrzeichen in die Welt hinauszusenden.

Den olympischen Ausschuß des Münchner Stadtrats hatte Vogel noch zu einstimmigem Votum für das Lichtrad gewinnen können. Aber im Olympischen Organisationskomitee stand der Bürgermeister gegen die Freunde einer mehr biederen, mehr bajuwarischen Note auf bedrängtem Posten.

Anstoß hatten Lichtrad-Gegner schon an der von Aicher ausgewählten »Univers«-Schrifttype genommen: Dies sei »keine deutsche Schrift«. Und als der Ulmer Industriegestalter auf 100 Schautafeln seine Gesamtkonzeption vorstellte, kehrten ihm die verdrossenen Olympia-Organisatoren während des Vortrags demonstrativ-trotzig den Rücken -- nicht einmal hinsehen wollten' sie.

Wenn schon nicht eines der alten Stadtsymbole -- Frauentürme oder Münchner Kindl (das Hofbräuhaus schied für den Sport bedauerlicherweise aus) -, so wünschten sie doch etwas Herzhafteres als Emblem. Wortführer der Anti-Aicher-Fronde war auf der letzten Komitee-Sitzung der bayrisch-christsoziale Staatsbank-Präsident Rudolf Eberhard. Sein Argument: Der von den Ulmern entworfene Keilkranz erinnere ihn an einen Hosenknopf.

Das Komitee beschloß, sich wegen eines besseren Emblems ans ganze Volk zu wenden. Was man von Experten vergebens erhofft hatte, sollte ein Wettbewerb bringen, an dem sich auch die deutsche Hausfrau beteiligen darf.

»Bild« griff die Idee auf und verband einen eigenen Wettbewerb mit dem des Komitees. Was seither waschkorbweise in München eintrifft, entspricht den gemütvollen Entwürfen, die von der »Bild«-Lesergemeinde bereits im letzten Jahr geliefert wurden: die olympischen Ringe, aufgehängt zwischen den Frauentürmen; fünf Bierkrüge, zum Olympia-Symbol verbunden; das Kindl in herzigen Versionen. Für das Münchner Mönchlein, das fünf Ringe in die Höhe stemmt, entschloß sich »Bild« selbst; die Kindl-Version wurde, in weitschauender Redaktionsplanung, zum »Bild«-Emblem für 1972 erhoben.

Verzweiflungsvoll über derart gemütvolle Verkleisterung graphischer Ideen, aber auch über das Sachverständigen-Gezänk um das schwungvolle Zeltdach, äußern sich alle jene, die gehofft hatten, das München von 1972 werde einen neuen, gegenüber 1936 exemplarisch gewandelten Stil demonstrieren.

Noch haben die Kämpfer gegen die Tendenz zu Kitsch und biederem Durchschnitt nicht ganz aufgegeben -- aber sie haben offenbar einen schweren Stand. Willi Daume immerhin, Präsident des wichtigsten olympischen Gremiums, steht auf der Seite von Behnisch und Aicher. Daume: »Wir können nicht künstlerische Spiele anbieten und dann ein Neo-Biedermeier oder den Monumentalismus des Dritten Reiches bringen.«

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