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KUNST / KOKOSCHKA-MEMOIREN Zarte Klapse

aus DER SPIEGEL 14/1971

Weltberühmt ist er längst, 85 ist er gerade geworden: Da war das Pensum wohl, fällig. »Ich soll«, hebt Oskar ("OK") Kokoschka an, »meine Biographie schreiben.«

Denn beispielsweise an jener »melodramatischen Geschichte meiner Jugend, deren einziger Interessierter ich allein war« (so Kokoschka heute), nimmt mittlerweile eine ganze Kunstweit Anteil. Der Münchner Bruckmann-Verlag erhofft die Autobiographie zeitig genug, um sie im Mai als Buch herauszubringen*; Thames & Hudson plant eine englische Ausgabe. Zu mehr als drei Vierteln hat der Erzähler sein Werk schon getan.

Der inspirierte »Oberwildling« der Wiener Jahre um 1910, dessen visionäre Bildnisse inzwischen einhellig bewundert werden, der weniger unumstrittene Schöpfer eines bengalisch illuminierten »Orbis pictus« und Porträtist der Nachkriegsprominenz von Konrad Adenauer bis Carlo Ponti junior hat begreifliche Schwierigkeiten, bei seinem Bericht so »akkurat wie ein Buchhalter« vorzugehen: Seit 1953 wohnt er zwar mit seiner Frau Olda, leidlich beruhigt, in Villeneuve am Genfer See. Doch früher -- und jedenfalls soweit sein Manuskript nun reicht -- wechselte Kokoschka Wohnsitze und persönliche Kontakte verwirrend oft.

Gewiß, er lebte in bewegten Zeiten. So mußte der Künstler als k. u. k. Kavallerist in den Weltkrieg ziehen und später, verwundet, Heilung bis nach Stockholm suchen. Aus Prag entkam er 1938 der deutschen Besetzung nur knapp nach London.

Doch die Zeitgeschichte hat den vitalen Österreicher nie voll beschäftigt; Konfliktstoff fand er stets in der eigenen Person. Er reagierte nur insoweit politisch, als er »abzuwehren« versuchte, »was mir lästig schien, wie ein Vagabund Fliegen verjagt«.

Was ihn wahrhaft bewegte, war etwa »ein Telegramm von einem von mir sehr verehrten Fräulein«. das ihn 1929 in Istanbul erreichte und nach Paris bestellte. »Ich fuhr sofort.«

Amouren und Affären nehmen im anekdotenreichen Kokoschka-Skript beträchtlichen Raum ein. Schon der Schüler provozierte seine Lehrerin gelegentlich, ihm »zarte Klapse auf den Hintern« zu geben, und besah während der Exekution erfreut den wie eine Schlange geformten Armreif der Erzieherin, der »ihren weißen Arm umspannte«. Als unbefangener Selbstanalytiker erkennt der Autor nun, »daß ich damals in die Erbsünde gefallen bin, wie man Mumps oder Masern erwischt«.

Derartige Seelen-Infektionen kamen jedenfalls auch Kokoschkas Kunst zugute, und offenbar weit früher, als es die Chronisten bislang wußten: Die ältesten -- bisher unbekannten und in den Memoiren nicht erwähnten -- »OK«-Gemälde sind Frauenbildnisse.

Das Opus eins wurde 1970 für 77 000 Mark vom Historischen Museum der Stadt Wien erworben und soll Ende April in einer großen Wiener Kokoschka-Ausstellung gezeigt werden. Der beiderseits mit demselben Frauenkopf (mal ernst, mal lächelnd) bemalte Karton, mittlerweile auch vom Künstler als eigenes Frühest-Werk anerkannt, ist auf den Sommer 1900 datiert, während der offizielle OEuvre-Katalog gesicherte Kokoschka-Gemälde erst um 1907 verzeichnet.

Dargestellt ist eine Anna Donner, die mit einem Kokoschka-Onkel verschwägert war und in dessen Haus im niederösterreichischen Lassing dem 14jährigen Oskar Modell saß. Daß dem Kinde dabei auch das »Weibliche in erotischer Annäherung« (Kokoschka in anderem Zusammenhang) begegnet wäre, ist allerdings nicht überliefert.

Dafür soll das unvollendete Porträt einer »schönen Julie«, das der um sie-

* Oskar Kokoschka: »Mein Leben«. Verlag F. Bruckmann, München; ca. 320 Selten; 28 Mark.

ben Jahre jüngere Kokoschka-Bruder Bohuslav in Wien verwahrt, eine ausgesprochene Liebeserinnerung sein. Es entstand, so Bohuslav Kokoschka, ein Jahr nach dem Donner-Abbild bei einem anderen Onkel.

In eigenen, »uralten« und bis au! weiteres unpublizierten Erinnerungen berichtet Bruder Bohuslav: Für Julie, die »schon über die Zwanzig« war, malte OK auch Bühnenbilder zu einem Bauern-Laienspiel. Ihr auf Holz gepinseltes Bildnis wollte er später, in Liebesschmerz, zerhacken; der Kleine aber brachte es In Sicherheit. Nach Schwierigkeiten in der Schule, einem Freitodversuch, doch noch geglücktem Abitur und einem vorzeitig beendeten Behörden-Volontariat sei, so berichtet Bohuslav, das Bild der Dorfschönen dem älteren Bruder sogar beim Antritt seiner Künstlerlaufbahn hilfreich gewesen (siehe Auszug).

Bei Oskar Kokoschka, der Julie nicht erwähnt, lesen manche Details sich anders: Statt in die Donau zu springen, steckt hier der lebensmüde Realschüler nur vorsorglich das »Waidmesser meines Großvaters« ein; und er hätte »nie daran gedacht«, die Akademie zu besuchen, bei der er sich laut Bohuslav anfangs beworben haben soll.

Kokoschkas berühmteste Damenbekanntschaft wiederum, die Komponistenwitwe Alma Mahler, hatte schon 1960, vier Jahre vor ihrem Tod, Erinnerungen veröffentlicht, die der Künstler nun begütigend rezensieren kann. Wenn er, wie von der Freundin behauptet, »bis zum Morgengrauen vor ihrem Fenster auf- und abgegangen« sei, so -- stellt er klar -- »tat ich das nicht, um sie auszuspähen«.

»Beglückt und bedrückt« war er jedenfalls, die Geliebte immer wieder malen zu dürfen; noch lange nach dem Ende der »sehr passionierten Beziehung« ließ er sich, 1919 In Dresden, eine lebensgroße Puppe als »Effigie der Alma Mahler« anfertigen und konterfeite sie als »Blaue Frau«.

Privaten Romanzen war der rastlose Reisende in aller Welt ausgesetzt -- ein tunesischer Scheich wollte Kokoschka »seine junge Frau schenken« (1928), eine Prinzessin in Kairo begehrte, »eine Nacht mit mir auf den Memnonssäulen in der Wüste zu verbringen« (1929). Allenfalls durch absurde Pointen spielte das Weltgeschehen herein: Wer hätte wohl gedacht, daß ausgerechnet jene Schwedin, der Kokoschka 1917 täglich Rosen schenkte, bald darauf »den Werkflieger Hermann Göring« heiraten sollte?

So bleiben Kokoschka-Einsichten etwa zur Militärgeschichte ("Wegen der Stiefel haben die Deutschen den Krieg verloren, die Armee bekam Schweißfüße") eher beiläufig, und auch die Größen aus anderen Geistessphären schneiden nicht immer glänzend ab: Ein gewisser James Joyce zum Beispiel, in dessen Werk »die somatischen Vorgänge des Kleinbürgers die Hauptrolle spielen«, gefiel dem Maler nur mäßig. Kokoschka: »Ich fand seine Tochter viel anziehender.«

* Mit Oskar Kokoschkas Frühwerk »Julie«.

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