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Theater Zarter Seelenlärm

Verteufelt human: Peter Zadeks Inszenierung von Harold Pinters »Mondlicht« für Hamburg und Berlin.
Von Doja Hacker
aus DER SPIEGEL 17/1995

Peter Zadeks Abschiedsgruß an das Berliner Ensemble ist milde. Der Schock des eisigen Ostens sitzt ihm noch in den Knochen. Humor und Geduld, sensible Gesten und feineres Gefühl, all dies fehlte dem Intendanten Zadek in der Diaspora am Schiffbauerdamm schmerzlich, er war allein unter den als finster empfundenen Gesellen, mit denen er das Haus zu teilen hatte.

Jetzt hat Zadek, 68, Menschlichkeit wenigstens auf die Bühne gebracht (und als deutschsprachige Erstaufführung letzten Donnerstag zunächst am Hamburger Thalia Theater vorgestellt). Das Stück seiner Wahl eignet sich dafür. Auf den ersten Blick.

Denn als Harold Pinters »Mondlicht« im Dezember 1993 am Londoner Almeida Theatre uraufgeführt wurde, waren sogar die britischen Kritiker überrascht. Ein viel schärferes Comeback hatten sie von ihrem größten Gegenwartsdramatiker erwartet - sein letztes abendfüllendes Werk »Betrogen« lag damals 15 Jahre zurück. Zwischendurch hatte Pinter vor allem als politischer Wüterich von sich reden gemacht, der den Thatcherismus und die amerikanische Außenpolitik scharf verurteilte.

Dergleichen spielt in »Mondlicht« keine Rolle. Das Stück handelt vom Sterben, genauer: vom Sprechen über den Tod.

Im Mittelpunkt steht ein Paar, der Sterbende und seine Frau. Sie leisten einander Gesellschaft, er ihr beim Sticken, sie ihm beim Sterben. Er liegt, sie sitzt, man unterhält sich.

Drei Kinder haben die beiden: ein Mädchen, das dem Vater einen kleinen Schritt voraus ist - sie ist gestorben vor Jahren, eine Erscheinung jener anderen Welt, über deren Beschaffenheit der Sterbende sich noch im unklaren ist. Außerdem zwei Söhne, armselig im Geiste, reich in der Verstellung. Sie fristen ein kümmerliches Leben, erproben sich in pathetisch-leeren Grabansprachen und klagen über eine Erbschaft, die enttäuschend ausfiel. Der Vater möchte sich von ihnen verabschieden. Doch sie werden nicht kommen. Obgleich sie auf der Bühne nur meterweit entfernt sind vom Sterbebett des Vaters.

Statt ihrer treffen andere ein: jene Dame, die der Sterbende früher geliebt hat, jener Herr, den seine Frau ehedem begehrte. Ein Paar. Banale Menschen. Dummstolz loben sie ihr gelungenes Leben, die gelungene Renovierung ihres Landhauses, die gelungenen Kinder. Sie entzaubern, was dem Sterbenden als Letztes geblieben war: die Erinnerung.

Das Gespräch zwischen dem Sterbenden und seiner Frau ist ein kämpferisches Ritual. Auf jede liebevolle Geste folgt ein Säbelhieb. Die Waffe der Frau ist die Sprache. Sie wird überleben - zunächst, das ist ihr Triumph, und sie kostet ihn aus.

Rachegefühle und Angst vor dem bevorstehenden Verlust, emotionale Nähe und nüchterne Aufrechnung der erlittenen Verletzungen sind voneinander nicht zu lösen, keines der Gefühle dominiert. Eine Gespanntheit, aus der Witz aufblitzt. Bei Pinter.

Bei Zadek überwiegt das Humanitäre, die Pietät. Angela Winkler, die Frau, ist, noch wenn sie ihre stechenden Bosheiten auf den Moribunden niedersausen läßt, ein Engel des Trostes und der Trostbedürftigkeit. Ein bißchen irre - das beweist schon der wie von einer brutal gutmeinenden Pflegerin gezogene Scheitel. Verrückt auflachend, _(* Oben: mit Michael Degen, Angela ) _(Winkler; unten: mit Dominique Horwitz, ) _(Eva Mattes, Johannes Silberschneider. ) spricht sie aus, was er nicht hören will: »Mit ihm ist es bald vorbei.« Aber sie ist auch furchtbar vornehm. Wenn ihr Mann fäkal pöbelt, zuckt sie zusammen.

Winkler spricht, wenn sie gemein sein muß, wie auf einem Podium und ohne ihr Opfer anzuschauen. Danach seufzt sie. Es paßt so gar nicht zu dieser Mater dolorosa, daß sie einmal auf das Bett springt, um den matten Mann ein letztes Mal zu fellationieren. Es paßt auch so gar nicht zu ihr, daß sie eine Schnapsflasche an den Mund preßt, wenn der Mann den Kopf erschöpft zur Seite dreht.

Sie ist eine fulminant Leidende; ergeben in jenes trübe Schicksal, das ihr Söhne bescherte, die auf die telefonische Mitteilung, dem Vater gehe es sehr schlecht, so tun, als habe sie sich verwählt - und einen Waschsalon am Apparat.

Die Menschlichkeit, die Zadek angeweht hat, rückt das Stück in die Nähe von Arthur Millers »Tod eines Handlungsreisenden« aus dem Jahr 1949, als das Sozialkritische noch geholfen hat. Zadek schaufelt die Abgründe innerhalb der Pinterschen Dialoge zu, kittet die Brüche mit seinem Bedürfnis nach Harmonie.

War bei der Uraufführung in London der Sterbende auffallend gut bei Kräften und sein Sterben weniger körperlicher Verfall als unerklärliche Entscheidung des Schicksals - ein böser Witz also -, so schleppt sich jetzt Michael Degen kraftlos und sichtbar todkrank über die Bühne. Das wärmende Mitleid, das er weckt, erstickt die Komik des Widerspruchs.

Auch die Söhne, deren absurde Konversation bei Pinter an die ausgehöhlten Formeln erinnert, mit denen Veteranen ihre glorreiche Vergangenheit beschwören, wirken bei Zadek, als hätten sie das Gefühl der Liebe zu den Eltern nur verdrängt, nicht verloren.

So gemütlich empfindet Pinter nicht. Ihm geht es mehr um funkelnde Desillusionierung als um wattige Melancholie. Als er »Mondlicht« in einem Zug niederschrieb, war ihm zumute, als sei er »auf eine Goldmine gestoßen«.

Zadek, unterstützt von seiner Übersetzerin und Lebensgefährtin Elisabeth Plessen, schwächt die kühle Freude an der Erkenntnis, daß es keine zweite Wirklichkeit gibt hinter der Sprache, mit Sentimentalität. Seine Menschen sind viel besser und edler, als sie zu sein vorgeben.

Kommenden Mittwoch wird »Mondlicht« auf jener Berliner Bühne vorgestellt, die auch das Erbe Brechts verwaltet und an deren Zuschauer sich Zadeks Botschaft richtet. Dort wollte er den Boden bereiten für Freundlichkeit. Er ist schnell gescheitert. Man wird seiner mit Nachsicht gedenken. Doja Hacker

* Oben: mit Michael Degen, Angela Winkler; unten: mit DominiqueHorwitz, Eva Mattes, Johannes Silberschneider.

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