Zeitz Museum of Contemporary Art in Kapstadt »Aber wir haben überlebt!«

Nach Skandalen feiert das bedeutendste Museum für zeitgenössische Kunst aus Afrika Jubiläum – Direktorin Koyo Kouoh sagt heute: »Es ist nicht unsere Aufgabe, dumme euro-amerikanische Vorurteile zu dekonstruieren.«
Aus Kapstadt berichtet Bartholomäus Grill
Das Zeitz MOCAA in Kapstadt: Eine unabhängige Plattform

Das Zeitz MOCAA in Kapstadt: Eine unabhängige Plattform

Foto: Hoberman Collection / Zondo / Universal Images Group / Getty Images

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Es war das spektakulärste Kunstereignis in Südafrika seit dem Untergang der Apartheid. Im September 2017 wurde in Kapstadt das weltweit erste, einzige und größte Museum eröffnet, das sich ausschließlich der zeitgenössischen Kunst aus Afrika und der afrikanischen Diaspora widmet: das Zeitz Museum of Contemporary Art Africa, kurz Zeitz MOCAA.

Die globale Kulturszene war begeistert, Kuratoren, Galeristen, Fachleute und Sammler aus aller Welt flogen ein und rühmten das bahnbrechende Projekt. Das Zeitz MOCAA sei die Antwort Afrikas auf die Tate Modern in London, hieß es.

Räume des Zeitz MOCAA in Kapstadt: Kaum öffentliche Aktivitäten – aber viel Gerede über den Führungsstil

Räume des Zeitz MOCAA in Kapstadt: Kaum öffentliche Aktivitäten – aber viel Gerede über den Führungsstil

Foto: Hufton+Crow / View Pictures/Universal Images Group via Getty Images

Endlich sollten Künstlerinnen und Künstler, die auf ihrem Kontinent weitgehend unbekannt sind und in Europa oder Amerika nach wie vor wie Exoten behandelt werden, eine unabhängige Plattform bekommen und einen gleichwertigen Beitrag zur globalisierten Weltkunst liefern. »Wir wollen die vielfältigen Geschichten Afrikas erzählen und die eurozentrische Wahrnehmung des Kontinents überwinden«, sagte der damalige Direktor Mark Coetzee im Gespräch mit dem SPIEGEL .

Ein Scherbenhaufen

Diese Woche feiert das Zeitz MOCAA fünfjähriges Jubiläum – und blickt zurück auf eine Achterbahnfahrt, bei der es beinahe entgleist wäre. Denn der Euphorie nach der Gründung folgte schon bald die Ernüchterung. Es wurde still um das Museum, der umgebaute Getreidespeicher am Rande des Kapstädter Shopping- und Vergnügungszentrums Waterfront wirkte leblos und isoliert. Keine neuen Ideen, keine nennenswerten Ausstellungen, kaum öffentliche Aktivitäten – aber viel Gerede über den Führungsstil und die Verfehlungen von Mark Coetzee.

Der selbstherrliche Direktor war vom ersten Tag an umstritten, Kunstkritiker warfen ihm Machtmissbrauch und Insidergeschäfte vor, Mitarbeiter klagten über rassistische und sexistische Vorfälle. Coetzee war nicht einmal ein Jahr im Amt, als er im Juli 2018 seinen Hut nehmen musste. Und niemand wusste so recht, wie es weitergehen sollte.

Denn zu allem Übel war auch noch Corona ausgebrochen, das Museum musste acht Monate geschlossen bleiben. Unmittelbar nach dem Beginn der Pandemie, im März 2019, trat Koyo Kouoh als neue Direktorin an. Die Wahl des Museumsvorstands war auf eine der führenden Kulturproduzentinnen und Kuratorinnen Afrikas gefallen, auf einen Rising Star der globalen Kunstszene. Die polyglotte Kamerunerin hatte Ausstellungen in den USA, Europa und auf ihrem Heimatkontinent organisiert, war Beraterin der Documenta, saß in der Jury der Biennale in Venedig, gründete das innovative Kunstzentrum Raw Material Company in Dakar, Senegal. Diesen Sommer hat sie nebenbei die Triennale der Fotografie in Hamburg kuratiert.

Direktorin Kouoh: »Die Vergangenheit Afrikas reicht weit hinter den Sklavenhandel und die Kolonialära zurück«

Direktorin Kouoh: »Die Vergangenheit Afrikas reicht weit hinter den Sklavenhandel und die Kolonialära zurück«

Foto: Jared Siskin / Patrick McMullan via Getty Images

In Kapstadt stand Koyo Kouoh vor dem Scherbenhaufen, den ihr Vorgänger hinterlassen hatte: chaotische Verwaltung, eingefrorenes Budget, keine Neuerwerbungen, das Personal mutlos und verunsichert, die Besucherzahlen auf dem Tiefpunkt. Nur noch ein paar Touristen verirrten sich im Labyrinth der kleinteiligen, engen, lichtlosen Kabinette, um die Privatsammlung zu sehen, die der deutsche Wirtschaftsmanager und Namenspatron Jochen Zeitz gestiftet hatte.

Wie die meisten Kultureinrichtungen erlebte auch das Zeitz MOCAA während der Pandemie einen massiven Einbruch. Es verlor geschätzte 85 Prozent seiner Einnahmequellen, die Gehälter der frisch gebackenen Direktorin und aller Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen mussten gekürzt, ein paar überflüssige Posten eingespart werden. Das Museum konnte sich nur durch eine Bürgschaft des Kuratoriums über Wasser halten.

»Unsere Vorstellungswelt ist viel größer als die Referenz zu Europa, die Vergangenheit Afrikas reicht weit hinter den Sklavenhandel und die Kolonialära zurück.«

Koyo Kouoh

»Aber wir haben überlebt«, sagt Kouoh. Sie empfängt im Café des Museums im sechsten Stock hoch über dem Fischereihafen, gerade legt ein Kutter mit dem frischen Fang an. Es sei notwendig gewesen, alles zu ändern, erzählt sie. »Ich musste regelrecht Mauern einreißen. Wir brauchten ein völlig neues Narrativ für das wichtigste Kunstprojekt in Afrika.« Den Werbespruch, das Zeitz MOCAA sei die Antwort auf die Tate Modern, lehnt Kouoh entschieden ab. »Das ist doch ein kurzsichtiges und intellektuell beschränktes Verständnis davon, was eine Kunstinstitution wie diese bedeutet. Unsere Vorstellungswelt ist viel größer als die Referenz zu Europa, die Vergangenheit Afrikas reicht weit hinter den Sklavenhandel und die Kolonialära zurück.«

Kouoh geht es also gar nicht so sehr um einen postkolonialen Diskurs, der die Deutungshoheit des Westens überwindet. »Ich gehöre zu einer Generation afrikanischer Professionals, die auf dem panafrikanischen Territorium der Welt lebt und vor allem zu Afrika spricht. Es ist nicht unsere Aufgabe, dumme euro-amerikanische Vorurteile gegenüber unserem Kontinent zu dekonstruieren. Wir haben Besseres zu tun!«

Mäzen Jochen Zeitz: »Wir haben zwei Jahre hart verhandelt. Dann hat Zeitz unterschrieben«

Mäzen Jochen Zeitz: »Wir haben zwei Jahre hart verhandelt. Dann hat Zeitz unterschrieben«

Foto: RODGER BOSCH / AFP

Die 55-jährige Direktorin und Chefkuratorin fegte wie ein Wirbelwind durch das Museum und krempelte alles um. Sie schuf eine transparente Organisationsstruktur, diversifizierte den Verwaltungsrat, gründete einen globalen Beirat. Es herrscht wieder ein kooperatives Betriebsklima, was vor allem daran liegt, dass fast ausschließlich Frauen maßgebliche Führungsposten bekleiden.

Das Zentrum für Kunsterziehung ist wieder zum Leben erwacht, neue wissenschaftliche Forschungsprojekte wurden angeschoben. Kulturschaffende schätzen das sechsmonatige Residenzstipendium; in einem offenen Atelier können Besucher zuschauen, wie ihre Werke entstehen. Das Outreach-Programm fördert außerschulische Bildungsinitiativen und erreicht mit einem mobilen Museum die Menschen in kunstfernen Orten.

Die Beliebtheit des Zeitz MOCAA stieg schlagartig durch die Ausstellung »Home Is Where The Art Is«, zu der alle Bevölkerungsgruppen eingeladen waren. Das Museum wurde regelrecht überrannt, über 2000 Leute reichten Kunstwerke ein, Kinder und Erwachsene, Schwarze und Weiße, Amateure und Profis.

»Wir wollen nicht nur eine kulturelle Elite bedienen, sondern Zugang für alle schaffen«, sagt Kouoh. Die Gesellschaft mitzugestalten, gehöre zu den Kernaufgaben von Kulturinstitutionen, ganz besonders in sozial zerrissenen Metropolen wie Kapstadt, wo die Kluft zwischen Armen und Reichen extrem sei. »Deshalb müssen wir uns fragen: Was ist ein Museum? Eine schicke Kollektion wie unsere? Oder ein organischer Körper, der lebt, reflektiert und etwas hervorbringt?«

Dabei versteht sich die Chefkuratorin Kouoh als eine Art Geburtshelferin oder Hebamme, wie sie sagt. »Entscheidend ist doch, was du in ein Museum hineinpackst, die historische, politische und soziale Perspektive, gerade hier in Südafrika lässt sich das rassistische Erbe nicht ignorieren.«

Angetrieben von dieser Vision haben Kouoh und ihr Team eine beeindruckende Serie von Projekten auf die Beine gestellt. Das Spektrum reicht von Ausstellungen mit weniger bekannten Künstlerinnen wie Senzeni Marasela oder Nobukho Nqaba bis zu einem Symposium über das Schaffen des weltberühmten William Kentridge; von Alfredo Jaars aufwühlender Reflektion über den Völkermord in Ruanda, der vom Rest der Welt ignoriert wurde, bis zu den grandiosen Gemälden von Johannes Phokela, die die drei Cs des Kolonialismus (im Englischen: Civilisation, Christianity, Commerce) visualisiert.

»Ich will kein Museum leiten, das nur Leihgaben hat.«

Koyo Kouoh

Zuletzt lief »Shooting Down Babylon«, eine Retrospektive auf das Werk einer der provokativsten Performance-Künstlerinnen Südafrikas: Tracy Rose. In multimedialen Suchbewegungen kreist sie um die Themen Race und Gender. Die Soloausstellung sei ein Beispiel für die neue DNA des Zeitz MOCAA, erläutert Kouoh. »Ich will weg von den Gruppenausstellungen und den Blick auf die Genealogie künstlerischen Schaffens lenken, auf die Bezugssysteme der Künstlerin, ihre Inspirationsquellen, das Material, den sozialen Kontext.«

Zum Schluss verrät die Direktorin eher beiläufig ihre größte Errungenschaft: Sie konnte den Mäzen Jochen Zeitz davon überzeugen, seine millionenschwere Sammlung dem Museum zu überlassen. Ursprünglich war geplant, dass die Kunstwerke bis zu dessen Lebensende in Kapstadt bleiben, mindestens aber zwanzig Jahre lang. »Ich will kein Museum leiten, das nur Leihgaben hat«, sagt Koyo Kouoh. »Wir haben zwei Jahre hart verhandelt. Dann hat Zeitz unterschrieben.«

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