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ZAZIE Zensierter Kindermund

aus DER SPIEGEL 2/1961

Nach der festlichen Premiere, die der Verleih zu Weihnachten anberaumt hatte, sahen deutsche Filmkritiker ihre Erwartungen enttäuscht: Die französische Filmsatire »Zazie«, in der eine zwölfjährige Provinz-Range ihre Erlebnisse in Paris mit unflätig plapperndem Redestrom kommentiert, war bei der Pariser Premiere als »technisch vollendetes Werk« ("Neue Zürcher Zeitung") gefeiert worden, das mittels eines einfachen Tricks - nämlich der Gossenworte aus Kindermund - die Hohlheit heutigen Lebens entlarve.

Dem bundesdeutschen Publikum entbot die synchronisierte »Zazie« jedoch keineswegs die Flüche, die literarisch interessierten Kinogehern aus dem Raymond-Queneau-Roman »Zazie in der Metro«, der Vorlage des Films, vertraut sein mußten (SPIEGEL 50/1960).

Es sei schade, jammerte der Kritiker der »Kölnischen Rundschau« nach der Bundespremiere, daß »Zazie als Proletenbalg« in der deutschen Fassung so vornehm schwadroniere. Und im Westberliner »Tagesspiegel« fand Karena Niehoff: Zazies »quasselnde, nicht wohlerzogene Kommentare, dazu die denaturierten Anmerkungen der Erwachsenen, müßten ... eigentlich noch mehr die Hefe dieses unordentlich gärenden Großstadttümpels sein«.

Was Kritiker und Publikum beäugten, war freilich eine Filmfassung, die der Eindeutscher auf Drängen der Freiwilligen Selbstkontrolle (FSK) so weit abgemildert hatte, daß sie »nun fast als eine Verfälschung des Originals« bezeichnet werden mußte, wie der Autor der synchronisierten Fassung, Hans F. Wilhelm, klagt.

Ursprünglich hatte Regisseur Louis Malle die kraftwortgespickten Sätze und Ausrufe der Zazie weitgehend unverändert aus des Sprachkünstlers Queneau Roman übernommen, dem die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« bescheinigte: »An der richtigen Stelle angebracht, ist eine solche Grobheit nicht nur witzig, sie besitzt auch eine entlarvende Tugend.«

Die deutschen Filmkontrolleure indes glaubten diese Ansicht nicht teilen zu dürfen. Als ihnen der Pallas-Verleih Anfang November den Film im französischen Original und dazu eine deutsche Rohübersetzung der Dialoge vorlegte, erklärten sie: »Der Ausschuß sah sich außerstande, eine abschließende (Freigabe-)Entscheidung zu treffen.« Die Texte, so fanden sie, enthielten »eine Häufung von grob-anstößigen Ausdrücken in einem solchen Ausmaß, daß man von einer Zulassung des Films zur öffentlichen Vorführung zunächst absehen mußte«.

Die Zensoren der FSK stellten den Pallas-Leuten anheim, »den Text zu überarbeiten und von allen Formulierungen zu reinigen, die als geeignet angesehen werden müssen, sowohl das sittliche Empfinden wie auch - in einigen Einzelheiten - das religiöse Empfinden weiter Bevölkerungskreise ... zu verletzen«. Dabei vergaßen sie auch nicht, »auf solche Texte aufmerksam« zu machen, »die Hinweise auf homosexuelle Beziehungen enthalten«.

Da die Pallas-Leute »nun mal die deutschen Verhältnisse kennen« (Syndikus Peter), trugen sie ihrem Eindeutscher Hans F. Wilhelm auf, den deutschen Dialog »bis an die Grenze des Vertretbaren zu mildern«.

Jedoch, als die Filmleute sich Ende November mit einem FSK-Ausschuß zusammenfanden, um die »gereinigten« deutschen Dialoge durchzusprechen, wurden - laut Wilhelm - erneut »korsettenge Einschränkungen gefordert«.

So enthielt das französische Original 29mal den Ausdruck »merde«; doch dem deutschen Publikum gedachten die Filmkontrolleure das entsprechende deutsche Wort »nur zwei- bis viermal« zuzumuten.

»Auch die Silbe 'Sau' war ein rotes Tuch«, erinnert sich Wilhelm. »Sauereien« mußte in »Schweinereien«, »so ein Saukerl« in »so ein Kerl«, »Sittenstrolch« in »Strolch« umgeändert werden.

Pingelig verfuhren die FSK-Kontrolleure auch bei dem Thema der Homosexualität. Da Zazie ihren Onkel Gabriel ständig der »Hormosechsualität« verdächtigt - und diese Dialoge beim besten Willen nicht auszusparen waren -, wurde der Homosexuelle in einen Transvestiten umgewandelt.

Aber auch mit dieser Verschlimmbesserung gaben sich die FSK-Funktionäre noch nicht zufrieden. Sie nahmen Anstoß daran, daß das Schankmädchen Mado zur lesbischen Tante Albertine (im Roman: Marceline) sagt: »Sie sind so toll gebaut!« Endgültige deutsche Fassung: »Sie sind unglaublich schön.«

Ein anderer Dialog der beiden Damen verletzte das sittliche Empfinden der Zensoren ebenfalls:

Mado: »Wir heiraten.«

Albertine: »Ach, Sie erwarten ein Kind?«

Mado: »Ich glaube, im Moment nicht.«

Mados letzter Satz in der deutschen Fassung: »Was denken Sie von mir?«

Völlig undenkbar schien der FSK die Frage eines Mannes an den Onkel Gabriel: »Sie leben wohl davon, daß Sie kleine Mädchen auf den Strich schicken?« Wilhelm änderte in: »Sie leben wohl davon, daß Sie kleine Mädchen auf die Straße schicken?« FSK-Fassung: »Sie leben wohl davon, daß Sie kleine Mädchen stehlen schicken?«

Wenngleich Eindeutscher Wilhelm »über diese Beanstandungen nur den Kopf schütteln konnte«, erfüllte er die FSK-Wünsche, »um wenigstens das optische Original dieses genialen Films für Deutschland zu retten«.

Da dem deutschen Publikum mithin manche zum Verständnis der Handlung notwendige Pointe unterschlagen wird, ermunterte der »Tagesspiegel« seine Leser nach der Premiere des gesäuberten »Zazie«-Films, die Lektüre des Buches nachzuholen.

Film-Satire »Zazie"*: »Sau« war ein rotes Tuch

* Catherine Demongeot (Zazie), Vittorio Caprioli.

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