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ZEITGESCHICHTE Zerstörer eines Volkes

Adolf Eichmann digital: Aus der Video-Aufzeichnung des Jerusalemer Prozesses gegen den Holocaust-Täter filterte Eyal Sivan ein intensives Dokumentarporträt.
Von Carlos Widmann
aus DER SPIEGEL 7/1999

Hilflos, händeringend, beschämt versucht der Angeklagte zu erklären, warum es so schwer war, bei diesen Judentransporten gewisse »Unzukömmlichkeiten abzustellen«. Nicht vorgesehene »Vorkommnisse« und »Zustände« nämlich waren in erster Linie schuld daran, daß von dem »abzufahrenden Personenkreis« oftmals nicht alle lebend das jeweilige Reiseziel erreichten, mochte dieses nun Treblinka, Sobibór oder Auschwitz heißen.

Der Dokumentarfilm des Israelis Eyal Sivan, der auf der Berlinale unter dem Titel »Ein Spezialist« gezeigt wird, stellt einen alten Bekannten in neues, präziseres Licht: Obwohl der Angeklagte 1906 im rheinischen Solingen auf die Welt kam, weist nicht nur die leichte Dialektfärbung seiner Diktion auf österreichische Jugendjahre hin, sondern auch das Vokabular. Sicher, die Sprache der Nazis, das Wörterbuch des Unmenschen ist auch an Adolf Eichmann nicht spurlos vorübergegangen; aber darunter sind noch Wendungen und Nasallaute wahrnehmbar, die Kakanien zu entstammen scheinen, dem versunkenen Kanzleideutsch der k. u. k. Monarchie.

Kafkas Geist ist auch dann nicht fern, wenn der Mann im Glaskasten stumm bleibt, sich womöglich unbeobachtet fühlt (was er keine Sekunde ist) und seiner Mimik und Gestikulation ungehemmt Lauf läßt. Adolf Eichmann pustet dann die imaginären Stäubchen weg, die sich über seinen Akten angesammelt haben könnten; er poliert die dicken Gläser seiner beiden Brillen; er legt sich schiefen Hauptes und mit hochgezogenen Brauen die übliche Schutzmiene überlegener Skepsis zurecht, während Lippen und Nase von nervösen Ticks hin- und hergezerrt werden und die Zunge in den entlegensten Winkeln seiner Mundhöhle herumzubohren scheint.

Der SS-Obersturmbannführer Karl Adolf Eichmann, »in der internationalen Öffentlichkeit als der Verantwortliche für die Ausführung der ,Endlösung' der Judenfrage in Europa angesehen« (so der Historiker Hans Mommsen) und in Jerusalem vom Hauptankläger Gideon Hausner als »Zerstörer eines Volkes« angeprangert ("Darum verlange ich die Todesstrafe") - ist er in den Nachkriegsjahren geschrumpft zu einem kafkaesken Kauz, oder war er etwa nie ein Bösewicht von Format?

Als die Asche des Gehenkten ins Mittelmeer geschüttet wurde (weit außerhalb der Territorialgewässer Israels), war Eyal Sivan aus Haifa noch nicht geboren. Dennoch ist der Filmemacher, Jahrgang 1964, wie fast alle heutigen Israelis mit der mythischen Gestalt Adolf Eichmann aufgewachsen. Der Prozeß gegen den einstigen SS-Mann im Rang eines Oberstleutnants, der 1960 aus einer Slumvorstadt von Buenos Aires nach Jerusalem verschleppt und dort vor Gericht gestellt wurde, war ein Schlüsselerlebnis für den jungen Staat, mindestens so wichtig wie die größten militärischen Erfolge über eine feindselige Umwelt.

Sivan war als Teenager einer der Millionen Schüler, die nationale Lehren aus dem Eichmann-Prozeß ziehen mußten; für den Gründervater und ersten Ministerpräsidenten David Ben-Gurion stellte der Prozeß eine »didaktische Notwendigkeit« dar. Aus jener Zeit blieb Eyal Sivan wie den meisten Israelis das Bild vom »blutrünstigen Perversling, machiavellistischen Lügner und Serienmörder« (Sivan) haften, das Generalstaatsanwalt Hausner zeichnete.

»Von Hannah Arendts großer Studie ,Eichmann in Jerusalem' habe ich erst 1986 in Paris erfahren«, erzählt Sivan. Von den Werken der jüdischen Deutschen aus Königsberg, die im amerikanischen Exil zur bedeutendsten politischen Philosophin der USA in der zweiten Jahrhunderthälfte wurde, ist bis heute kein einziges Buch ins Hebräische übersetzt worden. Die Autorin des Buches, die in Eichmann die »Banalität des Bösen« am Werk sah, ist in Israel nach wie vor eine Unperson, weil ihre Prägung des Begriffs in den Augen vieler Überlebender des Holocaust eine Banalisierung, ja Verharmlosung des Völkermords an den Juden darstellt.

Darum auch ist Eyal Sivans Dokumentarfilm »Ein Spezialist«, der 123 Minuten lang Adolf Eichmann in den Mittelpunkt stellt, »dem Gedenken Hannah Arendts« gewidmet.

Vom Eichmann-Prozeß in Jerusalem existierte seit jeher ein Dokument, das nie ernsthaft ausgewertet wurde: 500 Stunden der Gerichtsverhandlung wurden 1961 mit dem damals neuen Medium der Video-Aufzeichnung festgehalten. Davon sind hinterher nur die bewegenden Aussagen einiger Holocaust-Opfer verwendet worden sowie ein paar Szenen mit dem Angeklagten - der Rest verkam in chaotischen Archiven, 150 Videostunden sind für immer verschwunden, ohne böse Absicht: wegen propagandistischer Unergiebigkeit.

Gleichwohl steht nun der Film »Ein Spezialist« über den für »Auswanderungs- und Transportfragen« zuständigen Adolf Eichmann als Dokument zur Verfügung. In seiner Banalität bestätigt er Hannah Arendt, die ihn nicht als Monster, sondern nur als furchtbaren Pedanten und Befehlsempfänger begreifen konnte.

Das Dokument kommt ohne Kommentar aus, ohne Zeigefinger auf die Zuschauer, ohne den Fernsehmoderator in der deutschen Nationaltracht, dem Designer-Büßerhemd. Hier müßte nicht einmal Martin Walser wegsehen. CARLOS WIDMANN

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