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Stars ZICKEN UND QUERULANTEN

Nie waren sie wertvoller - und teurer - als heute: mächtige Filmstars wie Arnold Schwarzenegger und Tom Cruise, Jodie Foster und Sharon Stone. Aber wie produziert Hollywood diese kostbare Ware? Und was unterscheidet die Oscar-gekrönte Leinwandkönigin von ihrer jüngsten Erbin: dem Model?
aus DER SPIEGEL 14/1995

Den Oscar für die beste Oscar-Dankesrede hat sich in diesem Jahr Tom Hanks verdient. In knapp zwei Minuten brachte der Schauspieler Dank an all seine Kollegen, seinen Regisseur und seine Frau unter, segnete die Zuschauer in der ganzen Welt und zog alle Register vom tränenerstickten Zaudern bis zum zarten Siegeslächeln. Höhepunkt aber war der verlegen-jungenhaft dargebotene Kommentar, er stehe wie »auf magischen Beinen«.

Damit hat sich der »Forrest Gump«-Held Hanks, am vergangenen Montag zum zweitenmal in Folge als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet, eine hervorragende Chance erkämpft, auch im nächsten Jahr wieder nominiert zu werden. Denn für das Gelingen der Academy-Gala ist nichts wichtiger als ein Gewinner, der sich so richtig nett zu freuen und zu bedanken weiß.

Strenggenommen handelt es sich bei der Oscar-Nacht um nichts anderes als einen Betriebsausflug, bei dem Eifersüchteleien begraben, Jubilare gefeiert und Treueprämien vergeben werden. Einmal im Jahr macht sich die Belegschaft des Unternehmens Hollywood besonders fein und kommt in Los Angeles zusammen, lacht und tratscht und beklatscht die Gewinner der Firmentombola.

Was diesen bunten Abend allerdings von Anlässen anderer Branchen abhebt, ist die Tatsache, daß er live in 107 Länder übertragen wird. In diesem Jahr hat er wieder eine Milliarde Zuschauer an ihre Bildschirme gezogen.

Auch nach einem ganzen Jahrhundert Filmgeschichte gieren die Menschen danach, Stars zu sehen. Trotz aller Medienkritik am Hollywood-Flitter, trotz (oder wegen) aller Entlarvungen und Enthüllungen, auch trotz aller postmodernen Spielereien mit den Mythen der Leinwand: Die Sehnsucht nach Glamour-Figuren ist ungebrochen.

Nie waren Stars »wertvoller und wichtiger als in den neunziger Jahren«, behauptet der einflußreiche amerikanische Filmkolumnist William Goldman. Die Zeitschrift Cinema bemerkte vor kurzem, »die interessanteste Entwicklung der letzten Jahre« bestehe darin, daß es einen »Boom von millionenschweren Stars« gegeben habe.

Warum bloß? Was macht Stars so kostbar? So kostspielig? Und wie läßt es sich erklären, daß der Westen im 20. Jahrhundert ausgerechnet eine Handvoll amerikanischer Filmdarsteller zu seinen populärsten Helden erwählt hat?

Aus marktwirtschaftlicher Sicht ist der Wert der Stars leicht einzusehen. Sie sind eine Ware in Menschengestalt, gehandelt nach Güteklassen: Ganz oben rangieren die raren Stars der A-Kategorie, derzeit unter anderen Hanks, Arnold Schwarzenegger, Harrison Ford, Sylvester Stallone, Kevin Costner, Tom Cruise, Julia Roberts und Demi Moore.

Ihre Namen wirken wie Kürzel, wie wiedererkennbare Logos, die eine bestimmte Art von Unterhaltung in gleichbleibender Qualität verheißen. Sie wecken genaue Erwartungen bei den Zuschauern - und lassen sich daher hervorragend bewerben. Wer Schwarzenegger einsetzt, verspricht Spannung und Gewalt. Wer Sharon Stone aufbietet, macht Hoffnung auf Spannung und Sex.

Der Wiedererkennungswert der Star-Namen ist von phänomenaler Bedeutung in einer Branche, die eine unüberschaubare Flut von einander ähnelnden Filmtiteln und Filmhandlungen auf die Leinwände entläßt. Den Stars fällt die Aufgabe zu, einen Film herauszuheben, ihn identifizierbar zu machen. Oft genug leihen sie ihm ihren Namen - das neue Julia-Roberts-Drama - als Ersatztitel.

Die Zugkraft dieser Hollywood-Warenzeichen wird immer wichtiger, da mit den Herstellungskosten - das Durchschnittsbudget liegt heute bei knapp 50 Millionen Dollar - das Risiko und der Erwartungsdruck steigen. Jeder Flop ist immens teuer. Und trotz katastrophaler Ausnahmen wie »Last Action Hero« (1993) oder »Wyatt Earp« (1994) gelten Stars immer noch als relativ verläßliche Garanten gegen einen Totalausfall an der Kasse. Jedenfalls dann, wenn sie sich an die Zuschauererwartungen halten.

Wirtschaftlich gesehen, hat ein Star der A-Kategorie eine einzige Aufgabe: Er soll einem Film an seinem ersten Wochenende in den US-Kinos zu einer achtstelligen Einnahmesumme verhelfen. Und zwar allein kraft seines Namens, unabhängig davon, was der Film tatsächlich taugt.

Dieses Entree kann das Schicksal eines Films in einem Markt entscheiden, dessen Angebot die Nachfrage bei weitem übertrifft und in dem schnell alles von den Leinwänden gefegt wird, was nicht nach einem Instant-Hit aussieht.

Sind die Stars also ihr Geld wert? Jene ungeheuren Summen, die unter dem Siegel der Verschwiegenheit zielstrebig an die Presse gestreut werden und dann in prestigewirksamen Gehaltsranglisten auftauchen? 15, bald vielleicht 20 Millionen Dollar (für Stallone in seinem nächsten Actionfilm) werden den männlichen Spitzenkräften gezahlt.

Die Damen ziehen nach: Julia Roberts findet, sie sei inzwischen 13 Millionen wert; Demi Moore - Branchenname »Gimme More« (Gebt mir mehr) - fordert zwölfeinhalb Millionen Dollar für ihren nächsten Film, vielsagend »Striptease« betitelt. Und soll sie auch bekommen. Bisher galten bis zu acht Millionen als ladylike.

Solange es den Anschein hat, daß die Stars mehr Geld eintreiben, als sie kosten, werden ihre Gagen weiter eskalieren.

Nie zuvor war Hollywood derart abhängig von seinen Darstellern. Im ersten Jahrzehnt der Filmgeschichte wäre niemand auf die Idee gekommen, den Schauspielern großen Einfluß einzuräumen oder großes Geld zu zahlen. Sie arbeiteten in der Regel anonym, oft auf eigenen Wunsch, denn ihr junges Tingeltangel-Gewerbe galt als wenig respektierlich.

Erst um 1910 begannen die Filmgesellschaften, ihre Akteure zu Reklamezwecken herauszustellen. Einer der ersten PR-Coups gelang dem Produzenten Carl Laemmle: Er steckte dem St. Louis Post-Despatch die Meldung zu, daß die Schauspielerin Florence Lawrence bei einem Unfall umgekommen sei - nur um dies gleich am nächsten Tag als häßliche Verleumdung zu dementieren. Schon hatte er Miss Lawrence zweimal in die Schlagzeilen gebracht.

Mit solchen Tricks war das Star-System bald etabliert. Doch selbst in den klassischen Glamour-Jahren Hollywoods, den Dreißigern und Vierzigern, waren Aktricen wie die Garbo, die Dietrich oder die Davis nur gutbezahlte Lockvögel, keine echten Power-Players. Darsteller standen damals fest bei einem Studio unter Vertrag, das sie nach Bedarf und Zuschauererfolg einsetzte.

Heute dagegen agieren die Stars als Freiberufler. Sie planen ihre Karriere selbst, gestalten ihr Image und lassen sich in ihrer Rollenwahl ausschließlich von Agenten und PR-Managern beraten - was diesen Berufsständen zu ungeahnter Macht verholfen hat.

Nach außen allerdings wirken allein die Stars - und das wissen sie. Viele unterhalten eigene Firmen, die keine andere Aufgabe haben, als Filmstoffe auf das Image ihres Arbeitgebers hin maßzufertigen. Oder jedenfalls auf seine Eitelkeit hin. Warren Beatty, stramm auf die Sechzig zugehend, hat sich in »Love Affair« gerade wieder als jugendlicher Liebhaber besetzt: Der Film war ein kläglicher Flop in Amerika.

Kevin Costner ist eifrig dabei, mehr als 150 Millionen Dollar - ein unerfreulicher Weltrekord - in einem maritimen Zukunftsdrama zu versenken. Statt als »Waterworld« geistert das abgesoffene Leinwandwerk als Costners »Waterloo« durch die Branche.

Nicht jede dieser Ego-Massagen endet derart katastrophal. Als Jodie Foster erkannte, daß »ich ein Talent habe, eine Ware, die ich verkaufen und den Leuten in den Rachen rammen kann«, handelte sie einen der lukrativsten Star-Verträge aller Zeiten aus: Drei Jahre lang finanziert ihr die PolyGram praktisch alle Filme, die die Dame anzupacken geruht. Geschätzter Wert des Deals: 100 Millionen Dollar.

Erstes Resultat der Zusammenarbeit ist das Waldmädchen-Drama »Nell«, das Foster fast den dritten Oscar ihrer Laufbahn eingetragen hätte.

Ihre Souveränität hat aus den Stars eine unberechenbare Unternehmergattung gemacht. Sich darüber zu erregen ist ebenso ehrenwert wie realitätsfern. Nicht nur, daß Hollywood sich selbst in eine Lage hineinmanövriert hat, in der sich die Leinwandhelden fast alles erlauben können. Vor allem verkennen Branchenkritiker, die wohlfeil Gagen, Willkür oder Eitelkeit der Stars anklagen, die wahre Natur dieser neuzeitlichen Fabelwesen. Zur Definition des Stars gehören der Exzeß, das Extrem, das Unverhältnismäßige seiner ganzen Existenz. Das gilt für alle Sparten, denen Stars zu Glanz verhelfen - ob Oper, Pop, Fernsehen oder eben Film.

War es einst die goldene Badewanne der Swanson, so ist es nun der Jet, den Schwarzenegger in Zahlung nimmt. Ein Star arbeitet nicht für Tariflohn, er unterwirft sich nicht den bürgerlichen Normen. Täte er es, wäre er keiner.

Weil die Zuschauer die Extravaganzen nicht nur hinnehmen, sondern bewundern, wird blanke Kapitalismuskritik dem Glamour-Kult nie auch nur annähernd gerecht. Kühle Betrachtung kann nicht einmal erklären, warum manche Akteure zu Stars werden und andere nicht.

Das Argument, daß die Zuschauer willenlos jeden als Star akzeptieren, den Hollywood ihnen lange genug als solchen darbietet, wird durch eine lange Galerie erfolgloser PR-Anstrengungen entkräftet. Erinnert sich noch jemand an Rob Lowe? An Carrie Fisher?

Der Aufstieg zum Filmstar läßt sich weder erpressen noch erkaufen. Selbst Madonna, ansonsten unschlagbar in allen Sparten der Selbstvermarktung, hat das schmerzlich erfahren.

Die Zuschauer wählen aus, wen sie als Ideal wollen oder brauchen - wenn auch aus der begrenzten Vorauswahl, die Hollywood getroffen hat.

Aber nach welchen Kriterien? Daß Kinogänger auf ein unwiderstehliches Charisma reagieren, ist die bekannteste, aber auch belangloseste Antwort. Denn was Zuschauer als charismatische Aura erleben, hängt von den Zeitumständen ab: Das überaus dramatische Gebaren von Stummfilm-Stars wie Theda Bara oder Swanson, absolut konform mit den ästhetischen Konventionen ihrer Ära, weckt heute eher Befremden.

Auch die schauspielerische Begabung kann nicht den Ausschlag geben, denn sonst lägen ganz andere Darsteller als Julia Roberts oder Tom Cruise vorn.

Viel wichtiger als überragendes Talent ist, daß ein Star den Zuschauern einen Identifikationspunkt bietet, eine Antwort auf die Frage: Wie will, wie darf ich sein? Auch das hängt so stark vom Zeitgeist ab, daß sehr wahrscheinlich die Sozialgeschichte eines Landes, gerade Amerikas, anhand seiner Leinwandidole geschrieben werden kann.

Nicht nur, daß sich an ihren Gesichtern und Gestalten die wechselnden Attraktivitätsideale ablesen lassen. In den Stars ist alles inkarniert, was an Normen und Werten in einer Gesellschaft verhandelt wird.

Ein Star-Image kann dabei einen Zwiespalt kitten, aber auch einen Bruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit bloßlegen. Darum findet sich stets eine Bandbreite an Star-Typen, mit gnadenlos optimistischen Durchschnittsgestalten wie Doris Day (oder heute Meg Ryan) am einen Ende, Querulanten und Rebellen wie James Dean (oder heute den Slacker-Antihelden) am anderen.

Allzu radikal stellt Hollywood allerdings den Status quo nie in Frage. Jede Star-Geschichte ist schließlich eine Erfolgsgeschichte, ein Triumph des Individuums. Star-Lebensläufe lassen sich - mit Ausnahmen wie Judy Garland oder River Phoenix - wunderbar erzählen als Storys mit den klassischen Happy-End-Zutaten der Marktwirtschaft: Geld, Glamour, Freiheit, Sex und Macht.

Stars besitzen alles, was als erstrebenswert angepriesen wird - und sie stellen es verlockend zur Schau. Sie sind Helden des Konsums, die nichts herstellen, sondern nur etwas darstellen. Dadurch sind sie der Freizeit- und Konsumgesellschaft als populäre Ideale weitaus angemessener als etwa Wirtschaftskapitäne oder Staatsmänner, die immer ein bißchen nach Arbeit riechen.

Daß Fotomodelle wie Claudia Schiffer und Cindy Crawford ihre Kino-Konkurrentinnen in den letzten Jahren weitgehend entthront haben, ist nur eine logische Folge: sind doch die Models schon ihrem Berufsethos nach nichts anderes als Werbeträgerinnen. Sie reden nicht, handeln nicht, denken nicht: Sie stellen nur noch Oberfläche zur Schau. Damit haben sie eine neue Extremfassung des Stars als Konsumideal geschaffen.

Eine ganze Generation von Filmfrauen - von Meryl Streep bis zu Glenn Close und Jodie Foster - hatte das Glamour-Feld geräumt, weil sie als Schauspielerinnen ernst genommen werden wollten. Das kam den Models sehr gelegen. Erst jetzt kämpfen Diven des alten Stils, allen voran Stone und Moore, mit Ehrgeiz, Allüren und Sex-Appeal um das fast verlorene Terrain.

Daß endlich wieder attraktive Leinwanddamen mit attraktiven Skandalen aufwarten, dankt ihnen die Presse mit langen Hommagen. Gerade die geniale »Zicke« (Stern) Moore nutzt aus, daß jemand erst dann ein Star ist, wenn Medien und Zuschauer mehr Interesse an seinem Privatleben entwickeln als an seinen Leinwandauftritten.

Nur ein Star ist ein multimediales Phantom, zusammengesetzt aus allen Rollen, allen Pin-up-Fotos, Artikeln und Interviews, allem Klatsch, allen Zeitschriftencovern und Talkshows. Diese schillernde Persona verkraftet Image-Wechsel, Karriere-Tiefs - und im Extremfall, wie bei Marilyn Monroe und James Dean, sogar den Tod.

Die Strahlkraft einer solchen Ego-Synthese ist so groß, daß Stars nie ganz in einer Filmrolle aufgehen: Sie treten immer auch als sie selbst auf. Dadurch leisten sie, unbeabsichtigt, aber sehr wirkungsvoll, beispielhaft eine Art Selbstvergewisserung des Individuums in diesen postmodern-verwirrten Zeiten: Während der Normalmensch den Zerfall seines Ichs in verschiedenste soziale Rollen erlebt, wirken die Stars wie symbolische Garanten dafür, daß es den einzelnen als Subjekt wirklich noch gibt. Harrison Ford ist immer Harrison Ford. Das beruhigt, und das tröstet.

Und das mag der Grund dafür sein, daß ehemalige Stars - konkurrenzlos: Elizabeth Taylor - noch Jahrzehnte, nachdem sie ihren letzten Film gedreht haben, durch die Klatschspalten geistern: Die Zuschauer wollen sichergehen, daß ihre Helden weiter existieren.

Sie wollen, daß ein Star ein Star bleibt. Sie wollen das Vorbild nicht verlieren, den Traum von der Vollkommenheit. Und darum wird es, bis auf weiteres, immer wieder Stars geben. Y

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