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Kunst Ziemlicher Zirkus

Die Olympia-Ausstellung in München wurde zweimal eröffnet: zunächst für die Prominenz und, eine Woche später, für das gewöhnliche Publikum.
aus DER SPIEGEL 27/1972

Kandinsky malte nach ägyptischen Hieroglyphen, Kirchner ließ sich von mikronesischem Schnitzwerk inspirieren, Picasso entlehnte seinen Kubismus blockigen Kongo-Skulpturen: Der Ursprung der modernen Kunst ist überall zu finden -- nur nicht in Europa.

Das will die Ausstellung »Weltkulturen und moderne Kunst«, im Münchner »Haus der Kunst« vom Olympischen Komitee (OK) als offizieller Kultur-Beitrag zum Sportfest veranstaltet, beweisen. Mit einem Gesamt-Etat von rund fünf Millionen Mark entwickelten über 100 Wissenschaftler unter der Leitung des Karlsruher Kunsthistorikers Siegfried Wichmann in über vier Jahren die Ausstellungs-Konzeption.

Dennoch wurde in der vorletzten Woche die Ausstellung vor halbleeren Wänden eröffnet, allerdings nur für drei Stunden. Wegen unzureichender Sicherheits-Vorkehrungen mußten die Türen rasch wieder verriegelt werden. Einen eindrucksvollen Beweis für den fahrlässig gehandhabten Schutz hatte ein Teilnehmer der Vernissage gegeben.

Als der bayrische Ministerpräsident Alfons Goppel den prominenten Eröffnungsgästen gerade feierlich vom »ständigen Geben und Nehmen in der Kunst« erzählte, nahm der Zuhörer den Redner beim Wort und verschwand, von den Wärtern unbehelligt, mit einem Bild unter dem Arm. Der Unbekannte. so stellte sich heraus. war ein Leihgeber, der Angst um seinen Degas hatte.

Am letzten Samstag hing der Degas wieder, und die Aufseher waren auf der Hut. als die Ausstellung ein zweites Mal eröffnet wurde -- nun auch für gewöhnliche Besucher.

Sie erkannten das »Haus der Kunst« nicht wieder. Denn um die von etwa 300 Leihgebern überlassenen 2700 Schau-Stücke aus mehr als zwanzig Ländern unterzubringen, mußte die Rückfront des großdeutschen Kunst-Tempels mit Well-Eternit erweitert werden.

Im Innern seiner »merkwürdigen Bude« veranstaltet der Münchner Architekt Paolo Nestler »bewußt« einen »ziemlichen Zirkus": So entwarf er eine Eingangshalle in Zinnoberrot und errichtete aus halbrund geschlossenen Vitrinen einen »Basar« mit effektvoller Beleuchtung, einem künstlichen Brunnen und ein paar schillernden Pfauenwedeln.

Doch der Hauptteil der Schau ist eine ernste Sache: Niemals zuvor wurde der Einfluß orientalischer, asiatischer und schwarzafrikanischer Kulturen auf die europäische Kunst dieses und des vergangenen Jahrhunderts so umfassend dokumentiert. So untersucht die Ausstellung beispielsweise Ägypten- und Orient-Mode in Kunstgewerbe und Architektur des 19, Jahrhunderts oder die Bedeutung persischer Miniaturen für die Orient-Malerei des französischen Romantikers Delacroix. Vor allem aber belegt sie -- in Malerei. Graphik und Keramik -- eine fruchtbare »Infiltration« aus dem Fernen Osten.

Um die, zumal für den Impressionismus, geschichtliche Bedeutung der Japan-Begeisterung aufzuzeigen, hängen die Münchner Aussteller beispielsweise Werke von Manet und Monet, von Toulouse-Lautrec, Degas und van Gogh neben lange Motiv-Ketten von japanischen Meistern des 18. und 19. Jahrhunderts, wie Hokusai und Hiroshige, Utamaro und Kiyonaga. Und Zen-buddhistischen Tusch-Kalligraphien wird die Verantwortung für Tachismus und abstrakten Expressionismus zugeschoben.

Wenige Jahrzehnte nach der Japonismus-Welle entdeckten europäische Künstler afrikanische und ozeanische Kultur wieder mit epochaler Wirkung: Kubismus und Expressionismus entstanden aus der von Paul Gauguin eingeleiteten Neubewertung primitiver Kunst, vornehmlich durch die Maler der Dresdner »Brücke« und Picasso. in des sen »période nègre«.

All diese exotischen Frischzellen-Kuren an den müden Formen europäischer Kunst bis in feinste Motiv- und Struk tur-Verästelungen verfolgt und dokumentiert zu haben, genügte Ausstellungs-Chef Wichmann jedoch nicht.

Er wollte dieser Ausstellung »im olympischen Geist« (OK-Präses Willi Daume) zugleich Grundzüge eines »Neuen Museums« (Wichmann) skizzieren: durch die Integration von Musik.

So schallt in einem »Klangzentrum« etwa jene indonesische Gamelan-Musik. die Debussy und Ravel inspirierte; Mauricio Kagel hat soeben seine »Exotica« uraufgeführt, Yehudi Menuhin und Ravi Shankar improvisieren indische Ragas, und Karlheinz Stockhausen hat sich mit einer olympischen »Stimmung« angesagt.

In diesem Medien-Verbund von Über-Schau und Über-Schall wurde ein Ausstellungs-Stück erst Tage nach der Eröffnung in seiner wahren Bedeutung erkannt: Ein tachistisch anmutendes Malwerk hing ohne Katalog-Nummer zwischen den (katalogisierten) Zeugnissen der Weltkultur. Handwerker hatten das Bild vor der Eröffnung gemalt.

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