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AUSSTELLUNG Zirkus der Zecher und Diktatoren

aus DER SPIEGEL 52/2002

Auf seinen Bildern und Grafiken aus den zwanziger Jahren ließ der Maler Magnus Zeller (1888 bis 1972) immer wieder aufs Neue die kopflose Geschwindigkeit einer gehetzten Epoche erstarren, das rasante Tempo, mit dem sein Jahrhundert von einer Katastrophe auf die nächste zusteuerte. Ob er Zecher, Selbstmörder, Demonstranten, einen »Geizhals« oder den »Hexenmeister« malte - immer wirken die Menschen wie Getriebene, erscheint die Welt als ein einziger makabrer Zirkus. Für Zeller selbst sah die Zukunft - vorübergehend - gar nicht so schlecht aus. Bereits als Twen machte er sich in der Berliner Kunstszene einen Namen; seine expressiven Bilder waren zwar nicht allererste Avantgarde, aber modern, viel versprechend und ganz sicher provokant. Doch seine Karriere wurde gleich zu Beginn wieder unterbrochen: vom Ersten Weltkrieg, der ihn als Soldaten nach Russland beförderte. »Mein Gefühl stand diesem Ereignis hilflos gegenüber«, schrieb er 1926 in der »Deutschen Allgemeinen Zeitung«. Seine Weltsicht blieb skeptisch und weckte den Argwohn der Nazis, die ihm eine »seelisch krankhafte Grundhaltung« vorwarfen. Später, in der DDR, konnte er sich durchaus etablieren und durfte sogar den »Vaterländischen Verdienstorden« entgegennehmen. Ein wirklicher Vorzeigemaler wurde er aber auch hier nicht. Zu vieldeutig wirkten seine Gemälde wie »Alchimistenküche« oder »Greisenspiele«. Eine Ausstellung im Stadtmuseum Berlin zeichnet Zellers Werdegang jetzt noch einmal nach - in einem eindrucksvollen Jahrhundertrückblick, der sich von seinem derben »Maskenball« aus dem Jahr 1912 bis zu seinen bizarren »Blumen für den Diktator« aus den sechziger Jahren spannt (bis 9. Februar).

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