Zur Ausgabe
Artikel 48 / 71
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Zirkus Roncalli: »Ort der möglichen Wunder«

Ein nostalgischer Zirkus, mit Feuerspeiern und Degenschluckern, Gauklern und starken Männern, macht in München Furore: Der »Zirkus Roncalli«, ein Geisteskind des Wiener Exzentrikers André Heller, begeistert Society wie einfaches Volk. Hinter den Kulissen der »Größten Poesie des Universums« aber gibt es Krach und Watschen.
aus DER SPIEGEL 34/1976

Die Wiener, sang der Malefiz-Wiener Andre Heller in seinem ersten Lied, trügen »unterm Herzen einen Zirkus«, mit richtigen Seiltänzern, Königstigern und Reifenspringern, und »über allem ein Zelt mit tausend Fahnen«.

»Ich fordere«, sang er bald weiter, »dreißig Varietés, vier Mistinguetten, zwölf Gigolos, sechs fliegende Menschen auf dem Trapez.« Auch Feuer- und Säbelschlucker wollte er haben, »Kulissen verkitscht und süß wie aus Zucker«, denn er fühle sich »dort wohl, wo sich andere genieren«.

Jetzt hat er, was er begehrte, den »Zirkus Roncalli«, und die anderen genieren sich nicht, der »Größten Poesie des Universums« (Heller) zuzujubeln: Seit der »Zirkus Roncalli«, nach teilweise katastrophalen Gastspielen in Bonn, Wiesbaden und Köln, in München gastiert, ist er das Mirakel der Saison.

In vier Wochen drängelten sich an die 100 000 Gäste ins 2000-Plätze-Zelt; die zwei Vorstellungen pro Tag sind meist ausverkauft (geschätzter Tagesgewinn: 20 000 Mark). Ingmar Bergman und Roman Polanski kamen Schulter an Schulter mit türkischen Gastarbeitern und der Münchner Society; legendär sind mittlerweile der Student, der 20, und der Bauarbeiter, der 32 Vorstellungen sah.

Herzerwärmende Huldigungen schrieben die »Süddeutsche Zeitung« wie die »FAZ« -- »Magie des Nicht-Perfekten«, »Poetischer, ja erotischer als das herbstliche Biergelage«. Mäklig zeigte sich nur die etablierte Konkurrenz. »Das haben wir doch«, sagte ein Großzirkus-Fürst, »schon vor 60 Jahren gemacht.«

Eben, und das ist das Schöne am »Zirkus Roncalli«. O-Ton 1900 herrscht im Viermast-Zelt, ein armer Wanderzirkus gibt sich die Ehre, ohne schwindelnde Maschinen und kaputtdressierte Bestien, mit süßem Talmi und schmissiger Musik, mit Akrobaten- und Gaukler-Stücken der Tage. als der Großvater die Großmutter in den Zirkus nahm.

Ernste, verschlossene Athleten heben und winden ihre starken, goldbronzierten Leiber zu heroischen Denkmalen; Petroleum-Mief dampft, wenn morgenländische Feuerschlucker züngeln und lohen; Degen verschwinden bis zum Heft in tiefen Schlunden, und aus einer sorglich mit Wasser gefüllten Wundervase holt ein würdiger Chinese zwei Gänse, zwei Karnickel und zwei Knuspermädchen, alle trocken hinter den Ohren.

Clowns und Komiker von Graden spielen Klassiker der Manegen- und Slapstick-Tradition; über die Spaghettis etwa, die der Wiener Fredi Codrelli mit allem Kellner-Gleichmut seinem Gast serviert, kringeln sich die Leute vor Vergnügen. Und gegen die lieblichen Löwen, die auch mitmachen, wirkt jede Hauskatze wie ein gräßlicher Unhold.

Über allem, freilich, schwebt nebst dem Zelt ein »Konzept«. Heller, selbsternannter »Poet« und »präraffaelitischer Wolkenschieber«, sieht im Zirkus einen Ort der »Sehnsucht«, der »geträumten Wirklichkeit«, und sich selbst ruft er zum »Engel der möglichen Wunder« aus.

Ein engelhafter Jüngling, den Tod in Venedig im weißen Antlitz, geht deshalb als Heller-Double durchs Programm. Er konferiert Heller-Aphorismen, versichert, daß alles möglich sei, »wenn wir es stark genug beschwören«, kündigt, jeden Abend, die »728. Vorstellung« an und befiehlt: »Es werde Zirkus.«

Ein »Wundfieber, das sie nicht mehr ausläßt«, will Heller in seinen Gästen erzeugen, ein »Gefühl der Exterritorialität«, eben »Poesie«, und das ist »der schmale Grat zwischen Kitsch und Bestürzung«. Zur Einstimmung läßt er das Publikum mit Rosenöl salben, mit Flitter bemalen und mit Konfetti bestreuen; für Münchens Gastwirte, die mehr kehren müssen, »eine Katastrophe« (Heller).

Der Bizarrewitsch im Reich der Worte hat auch für seine Artisten blumige Wendungen. Der Feuerschlucker etwa, ein Wiener, wird annonciert als »Flammenadjutant des Maharadscha von Bengasi«, geboren sei er »am Fuße eines Vulkans«. Der zaubernde Chinese, Boß der Wiener Artistengewerkschaft, avanciert zum »Hüter der 112 Türen verbliebener Rätsel«.

Andere Worte leiht sich Heller. Original russisch spricht Chlebnikow, auf einer historischen Platten-Aufnahme, sein Gedicht übers Lachen, und Raoul Aslan, der Burgtheater-Mythos. liest Baudelaires Rausch-Poem. Zum Finale sprühen Wunderkerzen, der »Donauwellen-Walzer« schwillt, und Artisten und Gäste schütteln sich gerührt die Hände.

Ein literarisch-zirzensisches Gesamtkunstwerk also, schön romantisch und nostalgisch, zuckrig und freundlich: Für Heller kommt das Schaffen am Programm einem erlösenden »Urschrei« gleich. Er, der »melancholische Todesengel«, habe erstmals mit einem »erträglichen Kollektiv« gearbeitet, und der »Zirkus Roncalli« stehe als sein »würdiger Stellvertreter« da.

Hinter den Fassaden freilich streckt sich ein Schlachtfeld, mit Anwalts-Attacken, Watschen, Streik-Drohungen, Schlamperei und Beinah-Bankrotts -- ein Wiener Zirkus.

Eigentlicher Eigentümer des Unternehmens ist der Wiener Graphiker Bernhard Paul, ein bärtiger Mittzwanziger, der Zirkus-Antiquitäten sammelt und zu rauhen Sitten neigt. Mit ihm hatte sich Heller, als Autor und Regisseur des Programms, zusammengetan. Gage: vier Prozent der Tageskasse.

Angerührt von der »roten Nase« Johannes XXIII., lieh sich Heller den päpstlichen Familiennamen Roncalli für den Zirkus, forschte über eine italienische Artisten-Agentur nach einschlägigen Truppen, und schließlich formierte sich eine internationale Karawane, darunter marokkanische Pyramidenbauer: mit Bodenpersonal rund 70 Menschen.

Als Geschäftsführer trat der einstige Anzeigenchef des österreichischen Polit-Magazins »Profil« dem Bunde bei, Michael Sedivy. Das Triumvirat, zunächst einig, brachte durch Kredite, Verpflichtungen und Eigengeld ein Startkapital von einer halben Million Mark zusammen, und bei der Premiere in Bonn, Mitte Mai, war die Welt noch halbwegs in Ordnung.

In Wiesbaden, wo die Roncallis vor leeren Bänken spielten, begann der Boden zu wanken, die Schulden wuchsen. Heller und Paul, über die Kunst des Zirkusspielens sowieso verschiedener Ansicht, drifteten auseinander. Um einen Bärenbändiger, den Heller nicht mehr haben wollte und ausbezahlte, gerieten sie sich endgültig in die Haare; den Sedivy hatte Paul sogar auf die Nase gehauen.

Zum gefährlichen Hochseilakt kam es, als ein Teil des Personals mit Ausstand drohte, wenn Paul mit seinem Sbirren-Konvoi länger auf dem Zirkusgelände erscheine. Mittlerweile hat sich Paul nach Wien zurückgezogen und läßt gelegentlich die sich prächtig füllende Kasse prüfen; die Gläubiger atmen auf.

Den Erfolg des »Zirkus Roncalli« kann sich Heller -- »Ich bin auf die Welt gekommen, um zu gewinnen« -- nur so erklären: Das sei, als erscheine auf der Lüneburger Heide ein lebender Dinosaurier. Anfang September wollen die Roncallis ihr Zelt in Hamburg aufschlagen, anschließend geht es nach Wien oder Berlin.

Und weil er »Sehnsucht nach einem würdigen Abgang« hat, wünscht sich Heller, daß zum Schluß »ein Sturm das Zelt davonträgt« oder einfach »alles abbrennt«.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 48 / 71
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel