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aus DER SPIEGEL 47/1971

Der Arbeitstag des Maestro, so könnte man meinen, beginnt mit einem leichten Frühstück aus Ziegenhoden und Salade nicoise. Dann steigt Picasso, umgeben von ihn bewundernden zahmen Tauben, in seinem Atelier hinab und fertigt dreißig Graphiken, zwei Wandgemälde sowie ein Stilleben. Beim Mittagessen, nachdem er vor den gierigen Objektiven eines Kamera-Teams einen Zapateado getanzt hat, gibt er Dominguin einige Ratschläge in der Kunst, wie man elegant einen Stier verhackstückt. Hierauf ist Töpferzeit, und 83 Keramik-Eulen später ruft Picasso seinen Chauffeur und liest am Strand drei Jungfrauen auf. Sie werden während der Siesta defloriert und ziehen sich dankbar zwitschernd zurück, um ihre Memoiren zu schreiben. Erfrischt füllt der Maestro nun die langweiligen Stunden bis zum Abendessen mit einem Dutzend Porträts aus. Das Omelette erzittert unter seiner Gabel -- es kann sein Glück nicht fassen: »Auch du wirst in einen Picasso verwandelt werden.« Grüne, nächtliche Stille herrscht im Garten, durchbrochen nur von dem gedämpften Lärm griechischer Reeder-Millionäre, die Tausend-Dollar-Noten durch den Briefschlitz stopfen in der Hoffnung, daß Picasso auf eine etwas zeichnen wird. Doch der Tag ist zu Ende ...

Robert Hughes in »Tinte« über die von Freunden des Meisters genährte »Legende Picasso«.

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