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FILM Zu finster

Ein Exil-Russe macht in Hollywood als sowjetischer Unhold Karriere. *
aus DER SPIEGEL 6/1986

Ganz dicht neben seinem muskelbepackten Oberarm nippt ein Kolibri an einer Hibiskusblüte. Ein Pfau trägt würdevoll seine leuchtende Schleppe vorbei. Auf der Koppel tollen ein paar Araberfohlen, und über allem liegt mildes kalifornisches Winterlicht.

Wer möchte da klagen, doch Gene Scherer seufzt.

Den Jammer, daß er in seiner schönen, neuen Heimat Hollywood »irgendwie Fremdling blieb«, den teilt er mit zahllosen anderen Emigranten. Doch zugleich ist seine empfindsame Seele nach

einem komplizierteren Muster mehrfach geknickt.

Gene Scherer ist Russe, Gennadij Bigulow heißt er wirklich. Er lebt davon, und zwar zunehmend besser, daß er so aussehen kann, wie sich Amerikaner den typischen russischen Finsterling vorstellen: brutal, gefühllos und ein bißchen beschränkt. Jahrelang war Genes Typ als Schauspieler nicht gefragt. »Junge, du siehst uns zu finster aus«, hieß es in den Besetzungsbüros, »wir haben jetzt schließlich Entspannung.«

Scherer lebte von kümmerlichen Statistenrollen und konnte sich freuen, wenn er in einem Lehrfilm für die US-Abwehr die üblen Befragungstechniken des KGB demonstrieren durfte.

Bis Ronald Reagan kam. Mit mythenträchtigen Klischeebildern - Star Wars, die Sowjet-Union als »Reich des Bösen« - nährte der Präsident bei seinen Amerikanern jene Lust am Feindbild, die ihrem neuen Patriotismus einen kräftigen Schuß Aggression beimischte. Hollywood lieferte die russischen Schurken.

Dutzende von primitiv antikommunistischen Streifen wurden in der letzten Zeit in den USA heruntergekurbelt und spielten Millionen ein: Kino zur Konfrontationspolitik, das zugleich in jenem Macho-Nationalismus schwelgt, mit dem sich Amerika jetzt für die Schmach von Vietnam und Teheran entschädigt.

Nun war Gene Scherers Stunde gekommen. Er durfte seine finstere Visage in zahlreichen Polit-Moritaten vorzeigen, darunter etwa »Das Mädchen aus Petrograd« oder »Die KGB-Story«. Er spielte auch in der »Roten Flut«. Mit anderen Sowjetbanditen mußte er darin ins friedliche Colorado einfallen, um ganze Dörfer niederzumetzeln und grauen Sozialismus über den Rocky-Mountains-Staat zu verhängen.

Auch in »Rocky IV«, jener Monster-Mär, die dabei ist, zum größten Hit der Kinogeschichte zu werden, ist Gene Scherer dabei. Er verkörpert einen Sowjetfunktionär und bewegt sich dabei fast so seelenlos wie der russische Boxer-Roboter Drago, den der Amerikaner Rocky erst im zweiten Anlauf in Grund und Boden prügeln darf: ein Sieg von demokratischer Körperkraft über russische Muskelmasse aus dem Labor.

Inzwischen agiert Scherer auf der Pfauen-Ranch in Hollywood in einem neuen Schurkenstück, einem unpolitischen diesmal. Doch während um ihn die Maschinengewehre seiner Gangster-Kollegen knattern, sinniert Gene Scherer trübsinnig an einer Nachricht herum, die ein paar Tage zuvor aus Moskau gekommen war.

In einer aufsehenerregenden Pressekonferenz im Außenministerium hatten sowjetische Kulturfunktionäre die neue Welle der antisowjetischen Propagandafilme in den USA scharf kritisiert. »Die Rote Flut« und »Rocky IV« wurden besonders gerügt.

Mit solchen Filmen, sagte Georgij Iwanow, stellvertretender Kulturminister, werde »eine neue Generation von Amerikanern dazu erzogen, das Töten als natürliche Sache zu betrachten«.

Und Jewgenij Jewtuschenko, ein Dichter, den Scherer seit jeher verehrt, sprach gar von »Kriegs-Pornographie«.

Das traf seinen Ex-Landsmann in Hollywood. Nicht etwa, weil er bis dahin meinte, mit seinem schauspielerischen Beitrag der Freiheit oder irgendeinem anderen ehrenwerten Anliegen zu dienen. Vielmehr plagt ihn schon seit langem so etwas wie schleichender Zweifel.

O nein, er hegt nicht die geringste Sympathie fürs Sowjetsystem. Schließlich ist er ihm unter Aufgabe von Familie und Heimat vor fast 20 Jahren entflohen. Gleichwohl schlägt ein russisches Herz in seiner massigen Gestalt, und das leidet an den Widersprüchen, in denen er steckt.

Die Hetzfilme, an denen er mitwirkte, brachten ihm bescheidenen Reichtum. Er hat jetzt sein Häuschen mit Swimming-pool in Canoga Park, einer netten Gegend von Hollywood, und kann sich schon fast wie ein Star fühlen.

Also müßte er Präsident Reagan, so Scherer, »geradezu dankbar für seine scharfe antisowjetische Politik vor dem Genfer Gipfel« sein. Doch als Russe und Mensch hofft er auf Entspannung:

»Was die Amerikaner in jüngster Zeit von den Russen erfahren, sind doch nur Karikaturen. Rußland ist mehr. Es ist Dostojewski und Tolstoi, Rachmaninow, Tschaikowski, das Kirow-Ballett und das Bolschoi-Theater.«

Zu gern würde Scherer mal »einen Russen spielen, der liebt und lacht und tanzt, der also ein richtiger Mensch sein darf und nicht nur ein Monster«.

Vielleicht wird Hollywood dem amerikanischen Publikum eines Tages, wenn es so richtig läuft mit der Entspannung, ja auch solche Russen präsentieren.

Nachdenklich senkt der Koloß mit dem strohblonden Haar den Kopf und blickt auf seine bedrohlichen Muskelpakete, die er mit Karate und Boxen und Fechten pflegt. Ganz grundlos ist seine Befürchtung wohl nicht: daß es nämlich dann, wenn Hollywood endlich nach dem freundlichen Russen verlangt, für ihn wieder heißen wird: »Junge, du siehst uns zu finster aus.«

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